Ich wohne in einem grossen Block aus den 1960er-Jahren. Das erkennt man nicht nur an den Fenstern oder daran, dass alles ein bisschen zu klein geplant wurde, sondern vor allem an der Lüftung. Oder besser: an dem, was man damals offenbar für eine hielt.
In meinem Badezimmer gibt ...
Ich wohne in einem grossen Block aus den 1960er-Jahren. Das erkennt man nicht nur an den Fenstern oder daran, dass alles ein bisschen zu klein geplant wurde, sondern vor allem an der Lüftung. Oder besser: an dem, was man damals offenbar für eine hielt.
In meinem Badezimmer gibt es kein Lüftungssystem, sondern ein Rohr. Dieses Rohr verbindet alle Wohnungen miteinander. Nicht im sozialen Sinn – aber olfaktorisch. Ich weiss nicht, wer sich das ausgedacht hat. Vermutlich jemand, der sehr viel Vertrauen in seine Mitmenschen hatte.
Als ich frisch eingezogen bin, roch es in meiner Wohnung regelmässig nach Knoblauch, Zwiebeln und Curry. Unter mir lebte eine tamilische Familie, und besonders im Badezimmer – dort, wo der Schacht ist – wurde ich kulinarisch zuverlässig darüber informiert, wann es bei ihnen Abendessen gab. Je weiter ich mich vom Badezimmer entfernte, desto schwächer wurde der Geruch. Es war wie eine Dufttopografie meiner Wohnung.
Irgendwann änderte sich das, als die Familie auszog. Plötzlich roch es nicht mehr nach Essen, sondern nach etwas anderem. Nach Verwesung. Oder Schimmel. Oder beidem zusammen. Ich begann, meine Wohnung zu inspizieren und noch regelmässiger zu lüften. Ich kontrollierte die Ecken, die Duschfugen, den Abfalleimer. Ich googelte Dinge, die man besser nicht googelt. Am Ende war klar: Es kam von unten. Oder von ganz unten. Oder von irgendwo dazwischen.
Dann, eines Tages, roch es in meinem Entree stark nach Frauenparfüm. So stark, dass ich kurz dachte, jemand sei in meine Wohnung eingebrochen. Ich stand im Badezimmer und roch an mir selbst, um sicherzugehen, dass ich es nicht war. Es war ein süsslicher, sehr entschlossener Duft. Jemand wollte offensichtlich wahrgenommen werden.
Darauf folgte eine längere Phase, in der es einfach nach Essen roch. Nicht nach etwas Bestimmtem. Nicht nach indisch, italienisch oder angebrannt. Einfach nach Essen. Wie in einer Grossküche ohne Menü.
Und dann – nichts mehr.
Seit ein paar Wochen riecht es in meiner Wohnung nach gar nichts. Keine Gewürze, kein Parfüm, kein undefinierbarer Moder. Nur ich. Und das beunruhigt mich mehr, als mir lieb ist.
Ich mache mir nun auf eine leicht absurde Art Sorgen um meine Nachbarn. Leben sie noch? Kochen sie nicht mehr? Haben sie kollektiv beschlossen, geruchlos zu existieren? Oder hat jemand endlich dieses Rohr verstopft?
Man lernt seine Nachbarn in alten Häusern anders kennen. Man kennt ihre Tagesabläufe nicht und teilweise nicht einmal ihre Namen – aber ihre Gerüche. Und vielleicht ist es genau das, was diese Gebäude ausmacht: Sie sind nicht nur hellhörig, sondern auch hellriechend.
Falls es also demnächst wieder nach Curry, Parfüm oder etwas Unbestimmbarem riecht, werde ich beruhigt sein. Dann weiss ich: Alles ist in Ordnung. Die Nachbarn leben noch. Und das Rohr auch.
Luana Güntert, Sportredaktorin «Volksstimme»