Vorsätze
06.01.2026 PersönlichEine Bekannte sagte mir einmal, ihr Neujahrsritual bestehe darin, ihre Kontaktlisten im Handy und in den Sozialen Medien auszumisten. Alle, mit denen sie in den vergangenen 365 Tagen null Kontakt hatte, werden je nach Plattform entfreundet, entfolgt oder gelöscht. Ihre Tradition, den ...
Eine Bekannte sagte mir einmal, ihr Neujahrsritual bestehe darin, ihre Kontaktlisten im Handy und in den Sozialen Medien auszumisten. Alle, mit denen sie in den vergangenen 365 Tagen null Kontakt hatte, werden je nach Plattform entfreundet, entfolgt oder gelöscht. Ihre Tradition, den Jahreswechsel zu vollziehen, hat einen praktischen und auch einen psychologisch reinigenden Effekt: Man blickt zurück, räumt auf, schafft Raum für Neues. Wir haben uns damals nicht vertieft darüber unterhalten, wie genau sie das Ritual vollzieht: Ruft sie sich von jeder einzelnen Person, von der sie sich entkoppelt, ein schönes Gespräch, eine unschöne Begegnung oder eine nichtssagende Nachricht in Erinnerung? Oder belässt sie es beim «Löschen»-Befehl – und fertig? Ich werde es nie erfahren. Seit sechs Tagen bin ich ein Ex-Kontakt von ihr.
Obwohl ich der Prozedur Positives abgewinnen kann, habe ich in der vergangenen Silvesternacht meiner Ex-Kontaktin nicht nachgeeifert: Weil ich mit Ausnahme von Champagner und Filet im Teig auf Jahreswechsel-Rituale grundsätzlich verzichte. Desgleichen auf «gute» Vorsätze fürs neue Jahr – ganz einfach, weil ich weiss, wie disziplinlos ich bin. Es würde sowieso nur in einer Enttäuschung münden. Um etwas wirklich durchzuziehen, brauche ich einiges mehr als ein Datum. Als ich zum Beispiel vor wenigen Jahren das Rauchen aufgab, war nicht der Kalender daran schuld, sondern ein Arzt, der mir zu verstehen gab, dass die Knochen von Nichtrauchern besser zusammenwachsen würden als die von Nikotinabhängigen. Was er mir verschwieg, war die appetitzügelnde Wirkung von Zigis … die beim Nikotinentzug natürlich verloren geht. Ein Problem war behoben, ein neues geschaffen.
Der Zufall wollte es, dass ich ausgerechnet zum Jahresanfang einen Termin fürs Probetraining im Fitness-Studio erhielt: neues Jahr, neuer, schlankerer Mensch. Mein Neujahrsvorsatz-Fluch liess die Besuche im Gym rasch seltener werden. Mit dem letzten Schnee war auch die Energie, mich mit Gewichten zu quälen, weggeschmolzen und ich fasste – schon im März – einen Vorsatz fürs 2026: das Fitness-Jahresabo keinesfalls verlängern! Zur Gewichtskontrolle prüfe ich jetzt die Kalorientabelle, bevor ich einen Sack Pommes-Chips oder eine Schachtel «Mon Chéri» zum Magerquark in den Einkaufswagen lege.
Seit dem Fitness-Studio-Debakel mache ich nur noch Sport, an dem ich wirklich Freude habe. Badminton spielen zum Beispiel. Gelegentlich kann ich meine Tochter gewinnen, mit mir die Rackets zu kreuzen. Es macht mir Freude zu erleben, wie sie sich gemacht hat, seit ich es der damals Siebenjährigen beigebracht habe.
Sie bei Sport und Spiel gewinnen zu lassen, kam für mich noch nie infrage. Früher war das so ein Erziehungsding, heute altersbedingte Eitelkeit. Es wäre vielleicht doch an der Zeit für einen Vorsatz: ihr den Sieg auch einmal überlassen und ihr damit eine Freude zu machen. Irgendwie wäre es doch schade, auch sie würde mich an einem 31. Dezember von ihren Kontaktlisten streichen.
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

