Von der Idealistin zur Pragmatikerin
27.02.2026 BaselbietAndrea Sulzer will bei Nomination der Grünen mit Qualität punkten, nicht mit Frauenbonus
Die Waldenburger Gemeindepräsidentin Andrea Sulzer möchte Regierungsrätin werden. Ihren politischen Rucksack hat sie bereits vor ihrer Arbeit im Gemeinderat gefüllt ...
Andrea Sulzer will bei Nomination der Grünen mit Qualität punkten, nicht mit Frauenbonus
Die Waldenburger Gemeindepräsidentin Andrea Sulzer möchte Regierungsrätin werden. Ihren politischen Rucksack hat sie bereits vor ihrer Arbeit im Gemeinderat gefüllt – als Abteilungsleiterin in der Prattler Verwaltung. Dort ist einer ihrer Konkurrenten, Philipp Schoch, Gemeinderat.
Christian Horisberger
«Philipp Schoch hat es sportlich genommen, als ich ihm sagte, dass ich gegen ihn antreten werde.» Bevor Andrea Sulzer ihre parteiinterne Kandidatur für die Nachfolge des Grünen-Regierungsrats Isaac Reber bekannt gab, informierte sie den bereits bekannten Bewerber darüber. Nicht als ihren Parteikollegen: Sulzer ist Abteilungsleiterin in der Prattler Verwaltung und Schoch als Gemeinderat gewissermassen ihr Vorgesetzter, den sie sehr schätze, wie sie sagt.
Schochs lockere Reaktion habe einen ersten Loyalitätskonflikt beseitigt, sagt Sulzer. Der zweite betraf den Waldenburger Gemeinderat, mit dem sie in den vergangenen Jahren die Weichen in eine hoffnungsvollere Zukunft ihres kriselnden Dorfs habe stellen können. Ihre Kolleginnen und Kollegen hätten sie darin bestärkt, diese Chance zu packen. Dazu sei sie nun bereit, sagt Andrea Sulzer, als wir sie in Waldenburg treffen und ihr im Gemeinderatszimmer gegenübersitzen – an jenem Tisch, an dem sie seit vier Jahren Politik macht. Sachpolitik.
Dinge bewegen, Lebensqualität verbessern, Voraussetzungen schaffen, damit es Einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes besser geht, mehr «Grün» in den Alltag bringen: Das ist ihr Anspruch. Das politische Handwerk hat die 54-Jährige nicht erst als Gemeinderätin und -präsidentin gelernt, sondern in der Prattler Verwaltung. Seit 15 Jahren leitet sie die dortige Abteilung Bildung, Freizeit und Kultur. Sie kenne das Zusammenspiel von Verwaltung, Exekutive und Bevölkerung, sie wisse mit knappen Ressourcen umzugehen und kenne die Kniffe, wie man ein Projekt ins Ziel bringt: mit allen in ihrer «Sprache» reden, zuhören, vermitteln. Misslingt ein Anlauf, so mache sie einfach weiter, entwickle eine neue Variante, schmiede Kompromisse, lege Hartnäckigkeit an den Tag. Die Werte, an denen sie sich orientiere, klingen wie ein Wahlslogan: wirtschaftlich, grün, sozial.
Soziale Spannungen, Geldnot
Als erfolgreiches Projekt aus ihrer Tätigkeit in Pratteln nennt Andrea Sulzer die «Längi». Der vom übrigen Pratteln abgenabelte Dorfteil bei Augst galt als Sorgenquartier. Der Ruf der «Längi» war schlecht, die Bewohner hatten Angst vor Bandenkriminalität.
Unter anderem mit Schulsozialarbeit, einer attraktiven Gestaltung des Aussenraums, der Schaffung von Begegnungsorten, aber auch durch Sanierungen von Wohnblöcken durch die Eigentümer habe sich die Situation stark verbessert: «Das Zusammenleben hat sich stabilisiert.»
In Waldenburg, das nach dem Niedergang der Industrie in eine lähmende Depression verfallen ist, habe sie mit ihrem Team im Gemeinderat dazu beitragen können, dass das Dorf eine Perspektive hat, einen Finanzplan, der den Weg aus der Überschuldung aufzeigt. Sie habe das Gefühl, dass die Bevölkerung dem Gemeinderat vertraut und ihm zutraut, nun den Weg in ruhigere Gewässer zu finden.
Aufgewachsen ist Sulzer, ihr Dialekt lässt es erahnen, im Kanton Bern: in Burgdorf. Ihre Mutter war Hausfrau, der Vater Vizedirektor einer Kantonalbank-Filiale. Auf den Direktorenposten habe er der Familie zuliebe verzichtet, sagt die Tochter voller Respekt. Ihr Interesse am Weltgeschehen und an der Politik sei am Mittagstisch geweckt worden: «Zuerst wurden die Nachrichten gehört, dann diskutiert.» Über Tschernobyl und die Umweltverschmutzung, über grüne Äpfel aus dem Apartheids-Regime Südafrikas und Menschenrechte, oder über die Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat und über Frauenrechte.
In Bern studierte Sulzer Soziale Arbeit. Sie wurde mit 25 Jahren Mutter, heiratete und zog in die Region Basel, wo sie hängenblieb. Ihre Ehe ist längst geschieden, heute ist sie liiert – in einer Fernbeziehung, wie sie sagt. Seit acht Jahren lebt sie im «Stedtli» von Waldenburg.
Kein Autobillett, Obst von hier
Anstatt des Führerausweises hat die grüne Gemeindepräsidentin ein U-Abo. Die Fahrprüfung habe sie aus Überzeugung nie gemacht, da für sie Umweltschutz und Autofahren nicht kompatibel sind. Das Gemüse und Obst auf ihrem Teller wächst in einem Gemeinschaftsgarten in Niederdorf, beim Kleiderkauf achtet sie auf die Herkunft: «Ich trage die Werte der Grünen in mir und verkörpere sie mit meinem Handeln.»
Ob sie eher eine Fundi oder eine Realo-Grüne sei, wollen wir von der Bewerberin um den Regierungsposten wissen. In vieljähriger Verwaltungstätigkeit sei sie von der Idealistin zur Pragmatikerin geworden, antwortet sie. Sie orientiere sich stets an ihren Idealen. Doch um dahin zu kommen, brauche es mehrheitsfähige Lösungen, «bei denen nicht alle Grünen jubeln». Davon kann Baudirektor Isaac Reber ein Liedlein singen, der vielen Parteimitgliedern zu pragmatisch tickt. «Ich bin wohl die idealistischere Person als er», sagt Sulzer.
Das Interesse an Isaac Rebers Nachfolge treibe sie nicht erst seit dessen Rücktrittsankündigung um, die Ambitionen hätten sich damit aber rasch konkretisiert: «Das ist die Gelegenheit, diesen Schritt zu machen.» Der Weg in die Baselbieter Regierung führt zunächst über die parteiinterne Ausmarchung. Es ist wahrscheinlich, dass die Parteileitung der Mitgliederversammlung mehrere Bewerbende zur Auswahl vorschlägt. Nach Philipp Schoch und Andrea Sulzer hat gestern auch Fraktionschef Stephan Ackermann den Hut in den Ring geworfen (siehe Seite 5).
Schoch, der Alt-Landrat und frühere Parteipräsident, ist der Favorit. Ihn kennen die Grünen im ganzen Kanton. Andrea Sulzer erreichte auf der Liste 7 an den Nationalratswahlen von 2023 zwar den vierten Platz, ansonsten ist sie innerhalb ihrer Partei bisher kaum in Erscheinung getreten. Doch verfüge sie aus ihrer beruflichen Tätigkeit über ein grosses Netzwerk, betont sie, «und man kennt mich aus den Medien als die krisenfähige Waldenburger Gemeindepräsidentin». Derzeit führt sie viele Gespräche und lädt Interessierte (heute Freitag) zu einem Online-Café ein, bei dem die Grünen sie persönlich kennenlernen können.
Die Untervertretung der Frauen und nach Rebers Rücktritt auch des Oberbaselbiets in der Baselbieter Regierung sprechen für Sulzer. «Das wird bei der Nomination sicher ein Thema sein», sagt sie, «darauf baue ich meine Kandidatur aber nicht auf.» Sie wolle mit ihrer politischen Haltung und ihren Stärken überzeugen: Gestaltungswille, Führungserfahrung, Krisenresistenz, Optimismus. Und mit dem Versprechen, sich für ein wirtschaftliches, grünes und soziales Baselbiet einzusetzen.

