Von Betroffenheit und ihrer Bewirtschaftung
30.01.2026 PersönlichWenn ein schweres Unglück geschieht, sind die meisten Menschen betroffen. Wir empfinden Trauer, Mitleid. Wir haben das Bedürfnis, zusammenzurücken, einander beizustehen. Wir möchten vielleicht einen Moment innehalten, um der Verstorbenen zu gedenken oder zu beten.
...Wenn ein schweres Unglück geschieht, sind die meisten Menschen betroffen. Wir empfinden Trauer, Mitleid. Wir haben das Bedürfnis, zusammenzurücken, einander beizustehen. Wir möchten vielleicht einen Moment innehalten, um der Verstorbenen zu gedenken oder zu beten.
Mitgefühl ist eine zentrale menschliche Eigenschaft. Wenn wir in der Lage sind, Mitgefühl zu empfinden, können wir die Gefühle anderer Menschen wahrnehmen und mit ihnen mitschwingen. Mitgefühl geht über Empathie hinaus, denn es führt zu einer Handlung oder einer inneren Haltung der Fürsorge. So ist Mitgefühl ein wesentlicher gesellschaftlicher Kitt; weil wir aus einer mitfühlenden Haltung heraus offener, toleranter und respektvoller kommunizieren, Konflikte besser verstehen und lösen können, kooperativer, solidarischer und vertrauensvoller miteinander umgehen.
Im Mitgefühl ist das Miteinander enthalten. Wir müssen es teilen können, damit es wirksam wird. In einer Welt, in der so viele Menschen einsam sind, ist dieses Teilen wohl nicht immer einfach. Und da ein zunehmender Teil unserer sozialen Interaktion im digitalen Raum stattfindet, ist es wohl logisch, dass sich auch der Ausdruck von Mitgefühl, von Betroffenheit dorthin verlagert. Sicher geschieht es aus ebendiesem mitfühlenden Bedürfnis heraus, handelnd tätig zu werden. Nur frage ich mich manchmal: «Wo endet das Mitgefühl und wo beginnt die Zurschaustellung desselben?»
Ganz grundsätzlich ist es wunderschön, dass viele Menschen offenbar die Fähigkeit besitzen, Mitgefühl zu empfinden. In einer von medialer Katastrophen-Dauerberieselung geprägten Welt scheint es mir nicht selbstverständlich, dass man nicht abstumpft und gleichgültig gegenüber dem Leid anderer wird. Gleichzeitig empfinde ich einen gewissen Widerstand in Anbetracht der öffentlichen Betroffenheitsbewirtschaftung, welche auf eine solche Katastrophe heutzutage scheinbar natürlicherweise folgt. Juristen, die medial nach Entschädigungen schreien. Politikerinnen, welche alle möglichen Forderungen stellen, weil es ein gutes Momentum ist. Der nicht enden wollende Strom von Artikeln, mit dem das Thema in der Non-Stop-Berichterstattung so lange wie möglich gemolken wird. So viele Menschen, welche die Chance ergreifen, um auch wieder einmal ein wenig gehört zu werden.
Dabei stören sich nicht wenige derselben Persönlichkeiten gerne öffentlich am lauten Politikstil, der in manch anderen Ländern gang und gäbe ist. Und merken dabei nicht, dass sie selbst im Begriff sind, diesen Stil zu imitieren. Wenn aber immer mehr Menschen primär Botschaften aussenden und immer weniger in der Lage sind, welche zu empfangen, verarmen wir als Gesellschaft. Unser öffentlicher und politischer Diskurs erlahmt. Unser demokratisches System stirbt. Echtes Mitgefühl bedingt zuerst einmal Zuhörenkönnen, um dann ins Handeln zu kommen. Und vielleicht ist ein darauffolgender stiller, guter Gedanke manchmal wirksamer als eine laute Botschaft.
Laura Grazioli, geboren 1985, ist Landwirtin und ehemalige Landrätin. Sie lebt mit ihrer Familie in Sissach.

