Vom Leben und Sterben
17.02.2026 BaselbietChrista Dettwiler
Der Nachbarstier, der aufmüpfige Bully, liegt seit ein paar Tagen in unserem neuen Tiefkühler. In seinem noch jungen Leben hat er zahllose Kühe geschwängert, jede Menge Zäune niedergerissen und ist regelmässig ...
Christa Dettwiler
Der Nachbarstier, der aufmüpfige Bully, liegt seit ein paar Tagen in unserem neuen Tiefkühler. In seinem noch jungen Leben hat er zahllose Kühe geschwängert, jede Menge Zäune niedergerissen und ist regelmässig ausgebüxt. Bully war schon zum Tod verurteilt, als Johnny ihn übernahm. Der ursprüngliche Käufer hätte das Geld erst in anderthalb Monaten beieinandergehabt. Aber noch einmal so lange täglich die Zäune zu fl icken und stundenlang nach dem Stier zu suchen lag einfach nicht drin.
Weideschlachtungen sind auch hierzulande nicht ganz legal – dafür tierfreundlich. Anstatt Bully, der auf der Weide geboren wurde und sein ganzes Leben in (relativer) Freiheit verbracht hat, für Tests und Schlachthof zweieinhalb Stunden in die nächste Stadt zu karren, durfte er inmitten seiner Angebeteten auf der Weide sterben.
Yvonne, Chnöpperli und ich fuhren derweil nach Futrono, um einen neuen Tiefkühler zu besorgen. Als wir wiederkamen, hatten Mauri, Danilo und Johnny Bully schon grösstenteils zerlegt, das Feuer für den obligaten Schlachtgrill brannte, und in den hohen Bäumen rund um den Schlachtplatz balgten sich Dutzende Geier um die besten Plätze.
Mich hat Bullys Tod sehr berührt, umso mehr das Thema in meinem Leben gerade sehr präsent ist. Rational ist das nicht, denn auch mir schmeckt ein zartes Stück Rindfleisch vom Grill. Doch die Distanz zum fein säuberlich abgepackten Entrecôte aus dem Supermarkt schrumpft beträchtlich, wenn der tote Stier quasi im Garten liegt.
Beim Kartoffelnausmachen habe ich dann gemerkt, dass sich dieses zwiespältige Gefühl nicht auf Tiere beschränkt. Oft hängen die Knollen noch zusammen und mir war, als würde ich jedes Mal eine Nabelschnur durchtrennen und der Mutterknolle die Kinder entreissen.
Ich habe mir dann überlegt, dass der Mensch, will er überleben, auf Gedeih und Verderb auf den Tod anderer Lebewesen angewiesen ist. Wer ausschliesslich im Supermarkt einkauft, nimmt die Beziehung zwischen eigenem und anderem Leben kaum je wahr. Alles ist sauber eingewickelt und eingeschweisst. Da hängen keine Nabelschnüre heraus, warten keine Geier auf die Gelegenheit, die blutigen Reste wegzuputzen.
In einem wunderbaren Buch über die Weisheit der Pflanzen habe ich von der «Ehrenvollen Ernte» erfahren. Eine Herangehensweise, welche die Beziehung zwischen allem Leben in den Mittelpunkt stellt, anstatt auf Teufel komm raus einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen. Es geht um Wertschätzung, um Dankbarkeit und darum, nicht mehr zu nehmen als man braucht.
Wenn wir jetzt also einen Teil von Bully auf den Grill legen und dazu die Sprösslinge der Mutterknolle geniessen, die zarten grünen Bohnen, Zucchetti oder Tomaten, sind wir dankbar, dass die Natur unendlich grosszügig und trotz allem immer noch bereit ist, uns Menschen durchzufüttern.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

