Vom Holzen und Plündern
13.03.2026 Gesellschaft, BaselbietWas für ein Unterschied zu vor drei Jahren, als wir das Totholz noch mit Spanngurten um den Bauch vom Berg herunterschleppten: Letzte Woche waren zwei Traktoren, zwei Lastwagen und ein Bagger im Einsatz, um die gefallenen Stämme aus dem Wald in Los Mañios zu bergen. Um die 80 ...
Was für ein Unterschied zu vor drei Jahren, als wir das Totholz noch mit Spanngurten um den Bauch vom Berg herunterschleppten: Letzte Woche waren zwei Traktoren, zwei Lastwagen und ein Bagger im Einsatz, um die gefallenen Stämme aus dem Wald in Los Mañios zu bergen. Um die 80 Stämme hat Johnny mit seiner Crew in sechs sehr langen Tagen abtransportiert.
Dabei begann alles mit einer aufgeregten Nachricht des Landvermittlers: Die «Forestales» (Forstarbeiter) seien im Begriff, unser Holz zu klauen. Daraufhin machten sich Johnny und Danilo sofort auf den Weg nach Los Mañios, um nach dem Rechten zu sehen. Sie fanden das Zufahrtstor sperrangelweit offen, einen im Morast versenkten Lastwagen und ein wüstes Chaos im Wald. Die Abmachung mit der Landverkäuferin war, dass ihre «Forestales» 30 Stämme herausholen und den Wald sauber hinterlassen sollten.
Der Augenschein ergab, dass die Arbeiter um die 90 Stämme zum Abtransport aufgeschichtet und jede Menge Abfall hinterlassen hatten. Am nächsten Tag, nach etlichen aufgebrachten Telefonaten hin und her, wartete Johnny mit seiner Crew auf die «Forestales», die ihren Lastwagen bergen und Stämme, die ihnen nicht gehörten, mitnehmen wollten. Die Debatte muss ein echtes Schauspiel gewesen sein – mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, Ausreden, Schmähungen und verletzten Eitelkeiten. So richtig Chilenisch eben.
Keiner weiss richtig Bescheid, behauptet aber im Recht zu sein und beruft sich auf Abmachungen, die nirgends festgehalten sind. Jedenfalls hat sich Johnny als überaus gewiefter Verhandler entpuppt, den «Forestales» sogar noch geholfen, ihr versenktes Fahrzeug zu bergen und sie ohne weiteres Holz nach Hause geschickt. Das neue Schloss am Zufahrtstor hat dem Ganzen dann ein Ende gesetzt.
Holz ist ein äusserst begehrtes Gut in Chile. Dass das Interesse an einem gesunden Wald mit starken, alten Bäumen in möglichst grosser Vielfalt dabei eine untergeordnete Rolle spielt, mag verständlich sein in einer Gegend, wo Geld knapp ist. Aber genau deshalb haben wir dort oben in diesem wilden Bergtal das Land gekauft. Um den Wald vor Ausbeutung zu bewahren. Es gibt zwar klare Gesetze, die das Fällen gesunder einheimischer Bäume verbietet, aber ein kleines Loch da, ein abgestorbener Ast dort genügen schon als Vorwand, um durchaus vitale Bäume niederzumetzeln. So war es denn auch die staatliche Behörde, die das Holzen in Los Mañios und das Fällen selbst perfekter Bäume zugelassen hat.
Die grossen Stämme mit bis zu zwei Metern Durchmesser liegen nun beim jungen Calfueque, der in unserer Nachbarschaft einen kleinen Holzverarbeitungsbetrieb führt. Er hat die ganze Woche mitgeholfen, das Holz zu bergen und wird es zu Brettern, Balken und Zaunpfosten verarbeiten. Dabei gilt «a media». Für seine Arbeit erhält er die Hälfte des Holzes. Alles, was Johnny im Wald zersägt hat, liegt bei uns, hinter dem Haus, und wartet auf die Axt.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

