Visitenkärtli-Waste
23.01.2026 Persönlich«Wartet, ich habe Euch ein Kärtchen», sage ich beim Abschied zu unseren Ferienfreunden und nehme den Mund zu voll: Weil sich im Hotel alles «aufs Zimmer» schreiben lässt, bleibt das Portemonnaie ebenfalls im Zimmer. Daher sind die Visitenkarten ausgerechnet dann ...
«Wartet, ich habe Euch ein Kärtchen», sage ich beim Abschied zu unseren Ferienfreunden und nehme den Mund zu voll: Weil sich im Hotel alles «aufs Zimmer» schreiben lässt, bleibt das Portemonnaie ebenfalls im Zimmer. Daher sind die Visitenkarten ausgerechnet dann nicht zur Hand, wenn sich endlich die Gelegenheit böte, eine zu zücken.
Als ich vor bald acht Jahren meinen Ruhestand antrat, veränderte das mein Leben schlagartig, weil ich plötzlich ohne Visitenkärtchen dastand. Freund Eric erlöste mich. Er entwarf ein Kärtchen mit meinen Angaben, das er zudem mit meinem beruflichen Lebenswerk schmückte: einem Zeitungsbündel. Weil er einen hohen Mengenrabatt herausschlagen konnte, bestellte er mir mehrere Packungen, die selbst Methusalem für ein zweites Leben reichen würden.
Immer wenn ich bei einer Zeitung eine Stelle antrat, erwartete mich ein aufgeräumtes Pult, wie es danach nie mehr anzutreffen war. Einzig ein Stapel Visitenkarten frisch ab Presse lag dort, dazu die Notiz, einen allfälligen Mehrbedarf einfach zu melden. Als ich es bei der «Basellandschaftlichen Zeitung» einmal vorzuschlagen wagte, darauf auch die Mailadresse und die Handynummer anzugeben, lief ich in ein Gewitter. Mit meiner Mailadresse würde ich indirekt die Anschriften aller andern preisgeben. Wo kämen wir hin, wenn die Visitenkarten auch noch Kontakte erleichtern.
Die Möglichkeit, dort das Visitenkärtchen zu ändern, bot sich oft. Erst wurde eine andere Zeitung übernommen, dann ging sie in einen anderen Verbund über. Deshalb wich das aufrührerische Baselbieter Rot im Schriftbild einem coolen Aargauer Blau. Dann wurde zum Rückzieher angesetzt – und immer hagelte es neue Visitenkarten. Und: Mehrbedarf unbürokratisch melden. Alles redet vom Foodwaste. Über den Verschleiss an finnischen Wäldern, die alleine für ihre ungenutzten Visitenkarten abgeholzt wurden, schweigen sich die Medien aus. Hier wenigstens wäre eine Halbierungsinitiative angebracht.
Meinen ersten Visitenkarten erging es nicht besser. Als ich als Student meinen Jugendfreund Rolf in Hongkong besuchte, erklärte er mir, dass man dort bei jeder Gelegenheit seinem Gegenüber eine Visitenkarte unter die Nase hält. Sie seien dort auch überall praktisch zum Nulltarif zu kaufen. Gesagt – getan. Auf Englisch radebrechten der chinesische Drucker und ich. Dabei erschwerte mein Spezialwunsch den Dialog zusätzlich, aus Jux meinen Namen darauf zusätzlich in chinesischer Schrift anzugeben.
Sein Einwand, dass sich dies nicht übersetzen lasse, ignorierte ich so lange, bis er neben den Angaben in lateinischer Schrift meinen Namen zusätzlich mit zwei chinesischen Schriftzeichen festhielt. Wenige Monate danach zügelte ich, und der überwiegende Teil der Karten landete dort, wo später auch alle Nachfolgemodelle grossmehrheitlich endeten. Immerhin gelang es mir, eines dieser Kärtchen stolz einer chinesischen Mitstudentin zu zeigen. Sie setzte ihr süssestes Lächeln auf und hauchte: «Frei übersetzt bedeutet das ‹Nervensäge›.»
Jürg Gohl ist Autor «Volksstimme» und Kulturpreisträger des Kantons Baselland 2025

