«Und dann hat Leandro halt zwei Turniere gewonnen»
30.01.2025 Sport, Baselbiet, Gesellschaft, Sissach, Weitere SportartenYannik Steinegger ist an seinem Karrierehöhepunkt Trainer geworden
Im April hat Yannik Steinegger die eigene Karriere ausgesetzt, um den keine zwei Jahre jüngeren Leandro Riedi zu coachen. Nach bald einem Jahr als Profi-Trainer ist der Bubendörfer glücklich mit ...
Yannik Steinegger ist an seinem Karrierehöhepunkt Trainer geworden
Im April hat Yannik Steinegger die eigene Karriere ausgesetzt, um den keine zwei Jahre jüngeren Leandro Riedi zu coachen. Nach bald einem Jahr als Profi-Trainer ist der Bubendörfer glücklich mit seiner Wahl – und körperlich bereit wie als Spieler.
Sebastian Wirz
Am 1. April 2024 standen Sie auf Rang 920 der Weltrangliste. Es war die beste Platzierung Ihrer Karriere. Dann wurden sie Vollzeit-Trainer Ihres Kollegen Leandro Riedi und setzten die eigene Spielerkarriere aus. Wie kam es zu dieser Entscheidung, Herr Steinegger?
Yannik Steinegger: Es war wohl die schwierigste Entscheidung bisher in meinem Leben. Ich hatte ein Jahr lang stets in den Top 1000 gestanden, war sehr gut in Form und hatte gerade nach längerer Suche von den Standorten, Trainern und Trainingspartnern her ein funktionierendes Arrangement für mich gefunden. Ich war ready, Gas zu geben.
Umso mehr stellt sich die Frage: Warum wird ein 23-jähriger Tennisspieler, der voll im Saft ist, Trainer?
Ja, die stellte sich. Ich hatte schliesslich auch keine «Ausrede» zum Aufhören, war fit und motiviert. Aber ich habe mir die Frage gestellt: Was werde ich Ende Jahr mehr bereuen – nicht selber gespielt oder diese Chance nicht gepackt zu haben? Denn ich habe grosses Glück, diese Rolle erhalten zu haben – nicht nur wegen meines Alters, sondern weil man auch sonst nicht einfach so Trainer von einem der besten Schweizer Tennisspieler wird. Das hat damit zu tun, dass ich Leandro schon lange kenne und ihn bereits 2023 eine Zeit lang als Trainer begleitet habe.
Sie haben ihn vier Wochen in den USA und Japan betreut. Was ist dort passiert, dass Riedi Sie als Coach wollte – und dass Sie die Seite wechseln wollten?
Es war eine tolle Zeit, wir haben gut miteinander funktioniert. Es fiel mir leicht, in diese Rolle zu schlüpfen. Ich glaube, dass ich die nötige Empathie habe und das taktische sowie technische Wissen. Weil es gut lief, fragte mich Leandro, ob ich die Vorbereitung für sein Jahr 2024 übernehmen könnte. Ich sagte zu, ihn zehn Wochen zu begleiten – und dann hat Leandro halt im Januar gleich zwei Challenger-Turniere gewonnen und kehrte in die Top 200 zurück (lacht). Für ihn war danach klar, dass er mich bei den Grand Slams dabei haben wollte, und ich sagte Vollzeit zu.
Haben Sie die eigene Karriere geopfert?
Ich war am Rand der Top 1000 klassiert. Das ist zwar toll und gut, aber es ist auch eine Tatsache, dass ich trotz einer Pause mit nur einem guten Turnier wieder in diese Sphären zurückkehren könnte. Die Pause ist also kein definitives Ende für meine Karriere. Ich bin körperlich absolut fit. Schliesslich muss ich es sein, um Leandro die nötige Trainingsintensität und -qualität zu bieten. Ich bin so in Form, dass ich grundsätzlich jederzeit wieder als Spieler einsteigen könnte. Ich sehe meine Karriere nicht als Opfer, sondern das Coaching als Chance. Es gab nach der ersten Zeit mit Leandro trotz aller Siege immer noch so viel, das ich ihm mitgeben wollte. Es war eine Energie da, ich fühlte mich wohl. Und: Die Turniere mit Leandro sind wegen seiner Klasse ganz andere als die, die ich spielte. Grössere Stadien, schönere Anlagen, besseres Tennis. Wie gesagt: Es ist ein Glück, dass ich in diese Rolle reinkommen konnte. Es war ein tolles und lehrreiches Jahr, auch wenn wir die Saison wegen einer Knieverletzung im August abbrechen mussten.
Seit April führen Sie den Blog «Tennis between Lines». Die Texte wirken hinterfragend, vielschichtig, Resultate sind kaum ein Thema. Wer sie liest, denkt nicht an einen 24- jährigen Autor, der seit mehr als 10 Jahren nur den gelben Ball, den Wettkampf und das Ranking im Kopf hat. Wie kommt das?
Ich bin ein sehr reflektierender Mensch und war auch ein sehr reflektierender Spieler. Ich wollte bei jeder Übung wissen, weshalb ich sie mache – die Trainer hatten sicher nicht immer nur Freude an mir. Es war eine meiner Stärken, den Gegner zu lesen und meine Schläge innerhalb eines Spiels so anzupassen, dass ich mir im konkreten Duell einen Vorteil verschaffen konnte. Im Coaching reizt mich jetzt auch die spezifische Matchvorbereitung, mehr als das allgemeine Techniktraining. Durch die übergeordnete Rolle als Trainer hat sich mein Horizont noch einmal erweitert, aber ich war mir vorher schon bewusst, dass Tennis «nur ein Sport» ist, auch wenn ich darin sportlich absolut ambitioniert war.
Die Reife, die aus dem Blog spricht, hat etwas mit Ihrem Werdegang zu tun. Mit elf Jahren zogen Sie nach Biel, Sie wohnten früh alleine, organisierten Ihr Tennis-Leben, verliessen Swiss Tennis 2020 und «schlugen» sich alleine durch.
Meine Selbstständigkeit hat sicher mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich habe mich früh aus der Komfortzone bewegt und musste mich selber zurechtfinden. Ich habe meine Reisen und Unterkünfte stets selber geplant, musste ein Budget erstellen, schauen, welche Einnahmen ich hatte und welche Ausgaben ich mir leisten konnte. Für mich war es normal, dass ich mit 17 Jahren alleine international unterwegs war, auch ausserhalb Europas. Das brauchte manchmal Überwindung und hat sicher Spuren hinterlassen.
Könnte man sagen, dass Sie diese Lektionen nur gelernt haben, weil Sie auf dem Court nicht noch besser waren? Als Top-Talent hätten sich andere um diese Fragen gekümmert und Sie hätten sich nur mit Racket und Ball beschäftigt.
Das stimmt sicher. Ein Spieler, dem alle die Nummer 1 voraussagen, hat ein Umfeld, ein Management, das alles übernimmt, damit der Schützling sein Talent ideal ausschöpfen kann. Er bucht kein Hotel und keinen Flug, weiss nicht, was Sponsor X bezahlt. Wenn ihm alles abgenommen wird, nimmt es dem Spieler auch gewisse Reifeprozesse.
Sie haben einst erzählt, wie hart es nach einer Erstrundenniederlage in einem schäbigen Hotel irgendwo auf der Welt sein konnte. Selbstgespräche, Selbstzweifel. Wie sind solche Momente für Sie nun als Trainer?
Also die Hotels sind sicher einmal besser (lacht). Spass beiseite: Der grosse Unterschied ist, dass der Spieler nicht alleine ist. Wir können essen gehen, auch über etwas anderes reden, vom Spiel ablenken. Mir geht eine Niederlage Leandros nahe, es ist schliesslich auch mein Job, dass er gewinnt. Aber sie geht mir nicht ganz so nahe wie damals alleine in der Abstiege nach der verlorenen ersten Runde, als ich bereits den Flug ans nächste Turnier und die nächste billige Übernachtung organisieren musste. Es gelingt mir als Trainer besser, in einer Niederlage das Positive zu erkennen als noch als Spieler. Die Leistung kann dennoch gut gewesen sein. Die Niederlage ist Teil des Prozesses.
Zur Person wis. Yannik Steinegger (24) ist in Bubendorf aufgewachsen und zog nach der Primarschule nach Biel, wo er bis 2020 in den Strukturen von Swiss Tennis zum besten Tennisspieler seines Jahrgangs wurde. Im April 2024 erreichte er mit Rang 920 seine beste Position im ATP-Ranking – und entschied sich zeitgleich, die Spielerkarriere zugunsten eines Einstiegs als Profi-Trainer auszusetzen. Sein Schützling Leandro Riedi spielte sich bis vergangenen August bis auf Rang 117 der Weltrangliste, ehe er sich am Knie verletzte. Aktuell wird der Zürcher, der auf eine Rückkehr hinarbeitet, auf Rang 238 geführt. Steinegger führt einen Blog: www.tennisbetweenlines.com


