«Sugar detoxing»
13.03.2026 PersönlichManchmal bin ich stolz auf mich. Jene, die mich kennen, wissen, ich bin ein ganz «Süsser». Desserts, Kuchen, Schleckzeug und vor allem Schokolade kann ich nicht widerstehen. Das dauert schon ein halbes Jahrhundert, seit ich mir damals als Sekschüler (mit meinem Sackgeld) das ...
Manchmal bin ich stolz auf mich. Jene, die mich kennen, wissen, ich bin ein ganz «Süsser». Desserts, Kuchen, Schleckzeug und vor allem Schokolade kann ich nicht widerstehen. Das dauert schon ein halbes Jahrhundert, seit ich mir damals als Sekschüler (mit meinem Sackgeld) das Büffeln mit Schoggi versüsst hatte. Meine Frau blickt mich zuweilen sorgenvoll an und weist zu Recht auf das Diabetes-Risiko hin.
Nun, zum Neuen Jahr machen manche Leute sich gute Vorsätze. Ich eigentlich nie. In einem Akt von Übermut habe ich mich entschieden, den Januar für einen kleinen Entzug zu nutzen. Andere verzichten dann bekanntlich auf Alkohol, den sie über Weihnachten reichlich konsumiert haben. Oder auf das Herumhängen in den Sozialen Medien am Handy.
Ich habe mich tatsächlich für einen «Sugar detox» entschieden. Das tönt modern und meint trotzdem bloss: «von Zucker entgiften». Die Gutzischublade bei uns wurde radikal geleert und ich verzichtete brav auf jedes Schoggeli am Znüünitisch an der Pfarrgasse, auf Desserts daheim und in Restaurants. Das ging erstaunlich gut. Einmal mehr stellte ich fest: Ich bin Gott sei Dank kein Suchtmensch.
Und weil das so gut klappte, habe ich es in den Februar weitergezogen. Am 18. Februar hat die kirchliche Fastenzeit begonnen und ich habe beschlossen, die Sache bis Karfreitag weiter zu ziehen. Und so beteilige ich mich erstmals im Leben mit dieser Verzichtaktion an der Fastenzeit.
Als Reformierter ist das Fasten für mich mindestens von meiner christlichen Überzeugung her kein Thema und schon gar kein Muss. Die Reformatoren hatten es vor 500 Jahren – übrigens zusammen mit der Fasnacht – abgeschafft und verboten. Man soll sich nicht quälen und meinen, damit Gott zu gefallen oder versöhnlich zu stimmen. Im Mittelalter und bis beinahe in unsere Zeit half die Fastenzeit zum Ende des Winters der Bevölkerung, nach einem Jahr von schlechter Ernte und im Februar fast leeren Speisekammern und Gemüsekellern, das Hungern auszuhalten.
In unserer Zeit des Überflusses, wo rund die Hälfte aller natürlichen und industriell aufbereiteten Lebensmittel ungegessen weggeschmissen werden, wo viele Menschen leicht adipös unterwegs sind, wird das Fasten nicht mehr von Pfarrern, sondern von Ärztinnen verordnet. Mindestens eine gesunde Ernährung.
Haben Sie gewusst, dass ein Durchschnittsdeutscher im Jahr 1900 pro Jahr ein Pfund Kristallzucker konsumiert hat, im 2020 jedoch satte 44 Kilos?! Grad am Zucker zeigt sich, wie widersprüchlich, pervers Politik sein kann. Einerseits gibt der Bund Millionen für Gesundheitsprophylaxe her und handelt mit Firmen mühsam aus, den Zuckergehalt in einzelnen Lebensmitteln wie Müesli oder Süsswassern zu senken. Andererseits subventioniert er weiterhin völlig idiotisch die Zuckerlandwirtschaft im Land – so, als ob unser Volk noch immer Hunger leiden würde.
Trotzdem: Ich freue mich schon auf einen feinen Schoggihasen zu Ostern.
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

