Spiel mit dem Feuer
16.01.2026 PersönlichDas Silvesterunglück in Crans-Montana hat auch mich durchgerüttelt. Ich war Kurortspfarrer in Graubünden und kann mir vorstellen, was solch ein Geschehen für Einheimische, Behörden, Tourismusdirektion und lokale Pfarrleute bedeutet. Unbegleitete Kinder und Jugendliche bis ...
Das Silvesterunglück in Crans-Montana hat auch mich durchgerüttelt. Ich war Kurortspfarrer in Graubünden und kann mir vorstellen, was solch ein Geschehen für Einheimische, Behörden, Tourismusdirektion und lokale Pfarrleute bedeutet. Unbegleitete Kinder und Jugendliche bis Ende Sekundarschule hatten damals ab 21 Uhr zu Hause zu sein. Das stand im Gemeindegesetz und musste von Hoteliers, Eltern, Lehrerinnen und Pfarrern durchgesetzt werden. Man wollte den Nachwuchs vom «Scheiaweia» der Feriengäste fernhalten. Und heute? Weshalb geschieht so etwas?
Aus meiner Sicht sind die jungen Leute Opfer unserer Spassgesellschaft. Alles wird möglich gemacht, was dem «Fun» der Massen – und dem Profit Einzelner – dient. Wer kommt auf die «biireweiche» Idee, in einem geschlossenen Kellerraum mit Pyro und Feuerwerk zu hantieren, spielen zu lassen – unabhängig davon, was erlaubt und wie feuersicher das Mobiliar ist? Welch Widerspruch: Sogar in offenen Fussballstadien sind Pyros verboten – wegen der «Druggete». Wer lehrt heute Junge den Umgang mit den vier Elementen, zum Beispiel dem Feuer?
Die Spassgesellschaft kollidiert mit ihren gleichzeitigen Sicherheitsansprüchen: sich gegen alles und jedes abzusichern, an Dritte zu delegieren, an Behörden, Unternehmen, Versicherungen – und sich selbst alle möglichen und unmöglichen Freiheiten zuzugestehen. Eigenverantwortung ja, aber nur für die andern. Das geht nicht mehr auf. Das Wallis ist überall.
Vielleicht ist es diese Einsicht, die viele von uns bewegt: Unsere ganze Gesellschaft spielt – in vielerlei Hinsicht – mit dem Feuer! Die Erkenntnis ist, dass es eigene Kinder und Enkel treffen könnte.
Ich habe den Pfarrkollegen von Lauterbrunnen kennengelernt. Das ist dort, wo andere junge Menschen die Felsen hinunterspringen, für den persönlichen Kick. Maximale Freiheit, Spass und Erlebnisgesellschaft. Die Risiken sind jedem bekannt – und kalkuliert. Keine Veranstalter- oder Eigentümerhaftung, jeder Sprung sei zu 100 Prozent Eigenverantwortung. Wirklich? Schaden haben posthum die Grundbesitzer unten, lokale Rettungsdienste und Angehörige der Hobby-Ikarusse.
Nochmals: Warum geschieht so etwas? Nicht nur im Wallis trösteten sich einst Menschen bei Katastrophen mit dem Gedanken, dass wohl Gottes unbegreifliches Wirken dahinter steht. Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen.
Ich übe mich da in Zurückhaltung. Kann so etwas Teil eines himmlischen Plans sein? Die vielen Toten; die vielen einst hübschen jungen Menschen, die lebenslang mit Schmerz und Verunstaltung leben müssen? Nein. Mindestens bestimmt nicht mit meinem, unserem Gott Jesu.
Es ist kein Feuer vom Himmel gefallen. Das Herausfordern der Elemente und Zünseln sind nicht Gottes Werk. Die Justiz sucht zu Recht Antworten, die Menschen in der Verantwortung sieht.
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

