So nahe am Original wie möglich Augst
29.08.2025 Kultur, BaselbietCatia und Valerio Bello betreiben «experimentelle Archäologie»
Hinter den Darstellungen des antiken Alltags am Römerfest in Augusta Raurica stecken ungemein viel Herzblut und freiwilliges Engagement. Dass es dabei nicht um reine Folklore geht, ...
Catia und Valerio Bello betreiben «experimentelle Archäologie»
Hinter den Darstellungen des antiken Alltags am Römerfest in Augusta Raurica stecken ungemein viel Herzblut und freiwilliges Engagement. Dass es dabei nicht um reine Folklore geht, zeigt das Kaiserpaar Valerio und Catia Bello.
Nikolaos Schär
Die Menschenmenge sitzt gebannt auf den Stufen des Amphitheaters und will eine Show. Kaiser Hadrian und seine Frau Sabina präsentieren sich dem Publikum und eröffnen die Spiele, danach beginnen die Gladiatoren zu kämpfen. Hadrian spricht in Latein eine Weihezeremonie. Beide strahlen mit ihrer Haltung die Ehrwürdigkeit ihres Amtes aus. So wird es sich zutragen, wenn am Wochenende das Römerfest in Augusta Raurica steigt.
Viele Darstellerinnen und Darsteller am Römerfest sorgen dafür, dass die Besucherinnen und Besucher ins antike Rom abtauchen können. Dass es sich bei der Inszenierung nicht um eine Kostümparty handelt, wird durch das Kaiserpaar Hadrian und Sabina deutlich, das durch Valerio und Catia Bello gespielt wird.
Die beiden sind Mitglied im Verein Augustus Caesar Praetoria, den Valerio Bello 2009 gründete und der sich der lebendigen Nachstellung von römischer Geschichte verschrieben hat und Hadrians Kaiserhof repräsentiert. Catia Bello betont, dass ihre Tuniken und Rüstungen keine Verkleidung seien: «Wir betreiben experimentelle Archäologie.» Um von der Fachwelt ernst genommen zu werden, sei es wichtig, alles so originalgetreu wie möglich darzustellen.
Sind die beiden nicht am Römerfest, verbringen sie praktisch jede freie Minute damit, an ihren Gewändern und Rüstungen zu arbeiten. Catia Bello, die in ihrem bürgerlichen Leben als Sachbearbeiterin auf dem Grundbuchamt des Kantons Glarus arbeitet, näht und stickt an ihren Kleidern teilweise sogar in der Mittagspause: «Man muss schon ein bisschen verrückt sein», sagt sie zu ihrem Hobby, das sie als grosse Leidenschaft sieht.
Hadrian, ein Friedenskaiser
Valerio Bello arbeitet in einer Autogarage und ist seit seiner Kindheit vom antiken Rom angefressen. Seine Leidenschaft teilte er mit seinem Grossvater. Auf die Frage, warum er sich gerade Kaiser Hadrian ausgesucht habe, sagt er, dass dieser ein Friedenskaiser war. Nach dem Tod von Kaiser Trajan, der das römische Reich zu seiner grössten Ausdehnung brachte, versuchte der im heutigen Spanien geborene Nachfolger Hadrian, das Reich zu konsolidieren. Dafür liess er die Befestigungen an den Grenzen des Reichs ausbauen. Der bekannte Hadrianswall im Norden Englands zeugt von diesem Unterfangen. Auch der Limes, die Rheingrenze unweit von Augusta Raurica, wurde verstärkt. Hadrian selbst, der als Reisekaiser in die Geschichtsbücher einging, startete vier Jahre nach seiner Machtergreifung eine vierjährige Reise, die ihn in alle Winkel des Reiches brachte – auch nach Augusta Raurica.
Der Verein von Valerio Bello, der neben seiner Frau Catia auch noch die Hofdamen der Kaiserin und die Leibgarde, die Prätorianer, einschliesst, geht jedes Jahr auf Tournee. Dabei hält sich der Verein strikt an die Reiseroute des Kaisers. Die Saison beginnt für den Verein jährlich am 21. April mit einer Weihezeremonie vor dem Pantheon in Rom, das Hadrian erbaute. Weitere Stationen befinden sich in Frankreich bei Vaison-la-Romaine, wo der Verein gegründet wurde, sowie in Lyon, im Saarland und in der Villa Adriana, dem Herrschaftssitz von Kaiser Hadrian in Tivoli (Italien).
Valerio Bello, der keine akademische Ausbildung genoss, eignete sich das Wissen in einem lebenslangen Selbststudium an und lernte sogar Latein, und zwar jenes, das Hadrian am nächsten kommt. Er und seine Frau sind extrem detailversessen. «Ich habe schon gewisse Stücke mehrfach neu angefertigt, weil sie mir nicht gefallen haben», sagt Catia Bello.
Ihr Mann zeichnet jedes einzelne Rüstungsplättchen selber und lässt es von Handwerkern, die mit dem alten Handwerk vertraut sind, giessen. All die kleinen Details fräst er danach selbst. Die beiden überlassen nichts dem Zufall: Die Materialien sind alle hochwertig und sollen dem Original so nahe wie möglich kommen. «Das kostet ein halbes Vermögen», sagt Catia Bello. Für Hadrians Rüstung und ihr Kleid gab das Paar einen grösseren fünfstelligen Betrag aus.
Sind die beiden nicht an einer Veranstaltung, jagen sie in der ganzen Schweiz und im nahen Ausland nach hochwertigen Stoffen, studieren in Museen Fundstücke wie Münzen, Standarten, Ringe, Ritualgegenstände – eigentlich alles, was sich über Hadrians Regentschaft finden lässt.
Mit Experten im Austausch
Ihre «Kunstwerke» seien so gut, dass sie museumstauglich seien: «Die Arbeit mit den Archäologen ist sehr befruchtend», sagt Catia Bello, «wir können uns mit den Experten austauschen und sie erhalten durch die experimentelle Archäologie Einblicke, wie all die Gegenstände produziert wurden.»
Für die diesjährige Ausgabe des Römerfestes hätten sie in Zusammenarbeit mit dem Antikenmuseum Basel anhand einer Hadriansbüste eine Krone mit Edelstein angefertigt. «Wir sind nie fertig und lassen uns immer wieder etwas Neues einfallen – es ist wie eine Sucht», sagt Catia Bello.
Sie lernte ihren Mann Valerio, mit dem sie seit zwei Jahren verheiratet ist, bei einer Veranstaltung kennen – beide stammen aus Sizilien. Ihre Darsteller-Karriere begann 2012 als Köchin in Augusta Raurica. Sie «arbeitete» sich durch alle Gesellschaftsschichten hoch, bis sie 2017 erstmals die Kaiserin spielte. Über die Kaiserin Sabina gibt es – wie bei Frauen damals üblich – sehr wenige Quellen. Sie musste sich der Figur über die mit den Herrschern verbundenen Gottheiten der römischen Religion und die typischen Frauenbilder der damaligen Adelsschicht annähern.
Trotz der Faszination für das antike Rom, dem sie ihre ganze Freizeit widmen, würden sie nicht auf die Annehmlichkeiten des heutigen Lebens verzichten. Die damaligen Reisen seien sehr mühsam und beschwerlich gewesen.
Das Kaiserpaar kann bequem mit dem Auto nach Augusta Raurica anreisen, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Wenn die beiden am morgigen Römerfest auf der Bühne stehen, schauspielern sie nicht nur, sondern vermitteln den Besucherinnen und Besuchern des Römerfestes auf anschauliche Weise viel historisches Wissen: «Für uns ist es eine Ehre, Teil davon zu sein», sagt Catia Bello.
Römerfest Augusta Raurica 2025
Morgen Samstag, 30., und übermorgen Sonntag, 31. August, steigt in Augusta Raurica zum 28. Mal das Römerfest, das grösste seiner Art in der Schweiz. Rund 20 000 Besucherinnen und Besucher sowie 800 Mitwirkende tauchen in das Leben vor 2000 Jahren ein – mit Gladiatorenkämpfen, Legionärslagern, römischem Handwerk, Musik und Tanz.
Neu im Programm ist eine Station zur antiken Magie: Von Flüchen über Schutzamulette bis zu Liebeszaubern zeigt die Universität Basel, wie Zaubersprüche einst verwendet wurden. Ein weiteres Highlight ist der Blick hinter die Kulissen der Restaurierung römischer Monumente. Zudem lädt die Snack-Bar «Coquinaria» zum Essen wie in Pompeji ein.
Zum Programm gehören auch die Parade «Pompa», Kinderangebote wie Gladiatoren- und Legionärsschule sowie die Hauptshow «Panem et Circenses» im Theater. Tickets und Informationen: www.roemerfest.ch