So ist Sissach reformiert geworden
11.06.2025 Kirche, SissachDas ist Sissach (Teil 23) | Die jubilierende Kirche war kurz katholisch
Wirren um den alten und den neuen Glauben stehen am Anfang der Sissacher Kirche, welche im Jahr 1525 eingeweiht wurde und dieses Jahr 500 Jahre alt wird. Vier Jahre nach der Einweihung der Kirche ...
Das ist Sissach (Teil 23) | Die jubilierende Kirche war kurz katholisch
Wirren um den alten und den neuen Glauben stehen am Anfang der Sissacher Kirche, welche im Jahr 1525 eingeweiht wurde und dieses Jahr 500 Jahre alt wird. Vier Jahre nach der Einweihung der Kirche reformierte sich Sissach im Sog der Basler.
Pfr. Markus B. Christ
1525 ist die Kirche eingeweiht worden, darum feiern wir dieses Jahr das Jubiläum ihres 500-jährigen Bestehens in ihrer jetzigen Form. Neu ist 1525 vor allem der lang gezogene polygonale Chor dazugekommen. An das Jahr 1525 erinnern zudem im Kircheninnern die beiden Wappenscheiben mit den Aposteln Petrus und Paulus, gestiftet vom Sisgauer Kapitel.
Als Priester wirkte damals in Sissach ein Vertreter des bisherigen Glaubens. Das lässt sich auch damit belegen, dass bei den Adressaten des Hirtenbriefs von Johannes Oekolampad vom Herbst 1528 die Gemeinde Sissach nicht aufgeführt wird. Der Brief richtete sich an 13 Pfarrer, die der «neuen Lehre» gegenüber offen waren.
Aus der Umgebung Sissachs wurden die Gemeinden Kilchberg, Läufelfingen, Rothenfluh, Buus, Maisprach, Oltingen, Rümlingen und Lausen von Oekolampad angeschrieben. Das Schreiben zeigt eine grosse Zuversicht: Der Kampf gegen die Katholischen sei entschieden, denn ihre Art der Evangeliumsverkündigung sei gescheitert.
Am Vorabend der Reformation
In unserer Region sind zu Beginn des 16. Jahrhunderts verschiedene Reformbemühungen in Kirche und Gesellschaft zu spüren, dies vor allem wegen drei wichtigen Geschehnissen, die einen Aufbruch markieren: Zum einen das Konzil in Basel (1431– 1437), zum anderen die Gründung der Universität Basel im Jahr 1460 und schliesslich die Einführung des Buchdrucks.
Anstoss erregt haben verschiedene kirchliche Vorschriften. So kam es am Palmsonntag 1522, also während der Fastenzeit, zu einem Spanferkelschmaus im Klybeckschlösschen in Basel (im gleichen Frühling wie das Wurstessen bei Froschauer in Zürich). Und 1523 ist es Stephan Stör in Liestal, der durch die offizielle Verheiratung gegen das Gebot des Zölibats verstösst.
Seit 1522 wirkte in der Stadt Basel Johannes Oekolampad, zunächst als Korrektor in einer Druckerei, dann als Lehrer der Universität, als Pfarrer zu St. Martin und schliesslich als Pfarrer und Antistes (Pfarrer am Münster, Vorsitzender der Synode, Vertreter der Kirche nach aussen). Er hatte auf die religiöse Entwicklung der Stadt entscheidenden Einfluss ausgeübt.
Die politischen Behörden, der Bürgermeister und der Rat der Stadt, standen allerdings den neuen Ideen nicht nur positiv gegenüber, denn sie sahen für die Stadt Vorzüge in den bisherigen Verhältnissen vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. So erlaubten sie zwar die Verkündigung der neuen Lehre, liessen aber die bisherige Form der Messe als ebenbürtig gelten.
Obwohl seit 1501 der Eidgenossenschaft zugehörig, waren Verbindungen zu den Reichsstädten für die politischen Behörden wichtig. Zudem entsprach die Zusammensetzung der Eidgenossenschaft ihrem städtischen Verständnis nicht vollumfänglich. Im Gegensatz dazu fühlte sich die Landbevölkerung der Eidgenossenschaft und ihrer Bevölkerungsstruktur näher verwandt. Stadt und Landschaft Basel dachten also verschieden.
1525 ist auch das Jahr des Bauernaufstands: Der Aufstand fand dank der eidgenössischen Vermittlung und einer letztlich entgegenkommenden Verhandlungstaktik der Basler Behörden, die um alles in der Welt keine blutige Auseinandersetzung wollten, einen friedlichen Ausgang. Anfang Juni erhielten die Bauern Vertragsurkunden, die sogenannten Freiheitsbriefe. Diese erfüllten die Forderungen vor allem im materiellen Bereich. Bezüglich der reformatorischen Forderungen wurde allerdings der Status quo bestätigt.
Sissach wird reformiert
1529 ist es dann allerdings so weit: Am 9. Februar 1529 versammelten sich Tausende auf dem Basler Marktplatz vor dem Rathaus und verlangten vor allem die Absetzung der altgläubigen Ratsmitglieder. Während der Rat noch am Diskutieren war, wurden in der Stadt während zwei Stunden im Münster und in den Kirchen Grossbasels die Bilder zerstört. Es gab kein Halten mehr: «Übermeistert» vom Volk gab der Rat seinen Entscheid bekannt, dass er die Forderungen des Volkes erfülle. Die zwölf altgläubigen Ratsherren wurden entlassen.
Damit ist für Stadt und Landschaft Basel die Reformation Tatsache. Für die Gemeinden auch auf der Landschaft hatte der Beschluss des Rats weitreichende Folgen: Ab sofort wurde die Messe nicht mehr gelesen, auch alles andere, was an die früheren Zeiten erinnern konnte, wurde entfernt, so die Bilder und die Heiligenstatuen. Die Messgewänder, Chorröcke und Teppiche wurden inventarisiert und dann in abgeschlossenen Truhen aufbewahrt. Die Monstranzen, Kelche und Altarkreuze wurden durch die Vögte eingezogen und nach Basel abgeliefert. Alles wurde später eingeschmolzen und dem Almosen (Sozialkasse) überwiesen.
Und bereits am 1. April 1529 wird eine Reformationsordnung erlassen, die sowohl Kirchenordnung als auch Sittenmandat ist. Zehntabgaben waren nach wie vor verpflichtend, für den Einzug derselben wurden eigene Beamte, sogenannte Schaffner, eingesetzt.
Das kirchliche Leben nahm bald wieder seinen gewohnten Lauf. Ja, gegen die neue Ordnung entstand auch Widerspruch. So meinte ein Bauer etwa: «Mine herren sind gross narren, dass sie ein ordnung gemacht hand. Ob sy meinen, dass man nicht eebrechen noch schweren sollt? Man hetts vor 100 Joren auch gethan.» Und weiterhin nahmen viele an Wallfahrten teil oder beteten zu den Heiligen. Umso wichtiger war deshalb, die Leute zum Besuch der Predigt anzuhalten.
Allerdings ist auch bekannt, dass der schlechte Gottesdienstbesuch bald beklagt wurde, ebenso liess der Besuch des Abendmahls zu wünschen übrig. Schon an der ersten Synode war zu hören, «dass der heilig Sunntag zur zyt der verkündung des göttlichen worts missbrucht wird, dass vil am morgen über feld gond ohn erlaubniss der pfarrherren oder bannherren». Schuld am schlechten Predigtbesuch waren aber auch die Pfarrer selbst. Sie predigten zu lange. So meinten die Bretzwiler 1538, man sollte eine Stunde predigen und nicht länger. Auch Störungen der Sonntagsruhe gaben zu Klagen Anlass. So hörte man schon 1531 aus Hölstein über die Schützen: Sie «schüssen in der predig die büchsen ab».
Ein zentrales Anliegen der Reformationsordnung war der Unterricht der Jugend. So wurde die Kinderlehre eingeführt, in der den Jungen der Inhalt der Heiligen Schrift, der christliche Glaube und insbesondere die Sakramente nähergebracht werden sollten.
Wir können davon ausgehen, dass die Reformation in Sissach weniger von der Gemeinde und ihrem damaligen Priester ausgegangen ist, sondern dass es im Jahr 1529 den Beschluss des Rats von Basel brauchte, damit Sissach den reformierten Glauben angenommen hat, auch annehmen musste.
Der erste reformierte Pfarrer in Sissach
Am 1. Mai 1529, keine drei Monate nach dem Durchbruch der Reformation in Stadt und Landschaft Basel, übernimmt Peter Werli (man findet auch die Schreibweise Wehrli und Wehrlin) die Pfarrstelle in Sissach. Geboren und aufgewachsen ist Werli in Schaffhausen. Dort ist er am 18. Juni 1503 aktenkundig, da er sich vor dem Rat der Stadt Schaffhausen in einer Streitsache gegen eine gewisse Margaretha N. von Bischofszell rechtfertigen muss. Wieder erwähnt wird er als Kaplan zu St. Johann in Schaffhausen. Kapläne sind Hilfspriester des für eine Kirche beziehungsweise eine Pfarrei zuständigen Hauptpriesters; sie werden auch Vikare genannt. Je nach Grösse der Gemeinde gibt es zahlreiche Kapläne. Peter Werli ist offen für die Reformbestrebungen. Im Jahr 1526 verheiratet er sich mit einer Frau, deren Name uns nicht bekannt ist. Montags nach Jakobi (25. Juli), am 29. Juli 1527, verwies der Rat ihn und seine Frau aus der Stadt. «Sy söllen in der Stadt kainen eigenen Heerd mehr führen.» Werli verliert also seine Stelle und muss Schaffhausen verlassen. Da er Beziehungen zum Basler Reformator Johannes Oekolampad pflegt, zieht er mit seiner Familie nach Basel. Und es ist sehr wohl möglich, dass Oekolampad ihn den Sissachern als neuen Pfarrer empfohlen hat. Bei der ersten Synode am 11. Mai 1529 wird Peter Werli als Pfarrer von Sissach erwähnt.
Im Frühjahr 1534 erkranken Werli und seine Frau ernsthaft. Werlis Frau stirbt noch im Frühling an den Folgen der Krankheit, er wohl ebenfalls kurz danach. Am 15. Mai 1534 wird jedenfalls Andreas Graf, vormals Schlossprediger zu Farnsburg, als Nachfolger Werlis und damit als neuer Pfarrer von Sissach genannt.
Oekolampad besucht Sissach
Dass die «neue Lehre» nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Bevölkerung gestossen ist, belegen Vorfälle im Rahmen der ersten Visitation im Jahr 1531.
Oekolampad selbst nimmt diese im Auftrag des Rats der Stadt Basel vor. Neben einer Prüfung der kirchlichen Verhältnisse soll er dabei vor allem auch mit den Täufern ins Gespräch kommen. Oekolampad steigt im Sissacher Pfarrhaus ab. Junge Burschen lassen aber ihm und dem Pfarrer gegenüber ihrem Ärger freien Lauf; sie taten ihnen «Schmach» an, indem sie nachts das Pfarrhaus verwüsten und besudeln, wie der Visitationsbericht uns wissen lässt.
Pfarrer Markus B. Christ, war während 27 Jahren Pfarrer in der Kirchgemeinde Oltingen-Wenslingen-Anwil und für 20 Jahre Mitglied des Kirchenrats Baselland, den er auch präsidierte. Seit 1999 lebt er in Sissach.
Die nächsten Jubiläumsanlässe Laufend: Alte Gemälde und Zeichnungen hängen im Gemeindehaus aktuellen Fotografien des Theaterfotografen Ernst Rudin (70) gegenüber. Die Ausstellung kann zu den Schalteröffnungszeiten im Gemeindehaus besichtigt werden.
Donnerstag, 12. Juni, und Freitag, 13. Juni: «Der Springer – eine strategische Zeitreise». Geschichte der alten Mühle Sissach. Theater und Chor der Sekundarschule Tannenbrunn, Sissach. Jeweils 19 Uhr. Aula der Sek Sissach. Eintritt frei, Kollekte.
Samstag, 14. Juni: Freizeitmarkt für Kinder und Jugendliche. Offene Jugendarbeit. 13 bis 17 Uhr. Pausenplatz Schulhaus Dorf.
Samstag, 14. Juni: Mitenand-Fescht Jubiläum mit Essen, Musik und vielem mehr. Reformierte Kirche. Ab 12 Uhr. Rund um die reformierte Kirche.
Sonntag, 15. Juni: Festgottesdienst und Eröffnungsfest/Einweihung des neuen Zentrums mit Besichtigung. 10 Uhr. Erst in der reformierten Kirche, danach an der Pfarrgasse 1.