Sicherheits- und Regulierungswahn schaden Kultur und Kreativität
27.01.2026 BaselbietSeit 40 Jahren bin ich in unserem schönen Kantonshauptort Liestal aktiver Teil der Fasnacht und gehe, wie man so schön sagt, am Fasnachtssonntag beim Umzugsauftakt «s Stedtli» ab. Zuerst während drei Jahren bei der Rotstab-Clique Liestal als Vorträbler und ...
Seit 40 Jahren bin ich in unserem schönen Kantonshauptort Liestal aktiver Teil der Fasnacht und gehe, wie man so schön sagt, am Fasnachtssonntag beim Umzugsauftakt «s Stedtli» ab. Zuerst während drei Jahren bei der Rotstab-Clique Liestal als Vorträbler und Laternenträger, anschliessend als aktiver Wägeler bei den Sichterä-Rueche Liestal, die heute nicht mehr aktiv sind. Seit nunmehr 30 Jahren bin ich Teil der Wagenclique Wildsäu Lause – die ersten 15 Jahre als aktives Stammmitglied, seither als Fahrer.
Was mich bis heute begeistert, sind die besondere Stimmung, die Kreativität und das aktive Miteinander rund um das Brauchtum Fasnacht, das in unserer Region tief verwurzelt ist. An der Fasnacht im Kostüm sind alle gleich – unabhängig von Herkunft oder gesellschaftlicher Stellung. Gemeinsam wird die Vertreibung des Winters zelebriert. Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen, dem Publikum ein starkes Sujet zu präsentieren und Freude zu bereiten.
In den vergangenen Jahren haben die technischen Vorschriften und Anforderungen an Traktoren und Wagen stetig zugenommen. Das ist grundsätzlich richtig und nachvollziehbar, insbesondere wenn es um moderne Bremssysteme, Betriebssicherheit oder das Einhalten von Nutz- lasten bei Fahrzeugen und Anhängern geht. Sicherheit darf und soll ihren Platz haben, jedoch gibt es auch hier Grenzen zu beachten.
Die neuesten, seit diesem Jahr geltenden und nochmals erweiterten Vorschriften zwingen nun alle Wagencliquen dazu, ihre Fahrzeuge vollständig zu verkleiden. Für mich als Fahrer bedeutet das eine massiv eingeschränkte Übersicht über das Zugfahrzeug. Ich sehe nicht mehr, was sich ausserhalb und insbesondere im unteren Bereich der Verschalung abspielt. Auch das Manövrieren an engen Stellen wird dadurch deutlich schwieriger oder gar unmöglich.
In der Konsequenz muss die Grösse der Wagen und teilweise auch der Zugfahrzeuge angepasst werden. Paradoxerweise führt dies in vielen Fällen nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit, da bewährte Betriebssysteme verändert oder an ihre Grenzen gebracht werden. Für mich als Fahrer ist die Rundumsicht ein zentraler Sicherheitsfaktor – und genau dieser wird durch die neuen Massnahmen weiter eingeschränkt.
Hinzu kommen plötzlich neue Regelungen bezüglich Fahrzeugbreite sowie die Vorgabe, dass die Fahrzeuge für die Überfahrten zu den Umzügen nicht mehr landwirtschaftlich eingelöst sein dürfen. Stattdessen soll eine Sonderbewilligung über den Bund eingeholt werden. Spätestens hier drängt sich der Eindruck auf, dass wir von einem regelrechten Regulierungswahnsinn umzingelt sind.
Unsere seit Jahrzehnten gelebte und geschätzte «Buurefasnacht im Baselbiet» soll nun offenbar nicht mehr mit den dafür zugelassenen und geprüften Traktoren durchgeführt werden dürfen. Man fragt sich unweigerlich, ob uns hier eine ausserirdische Macht, eine fehlgeleitete KI oder doch einfach ein überbordender Bürokratismus einen Streich spielt.
Oder anders gefragt: Wer erlaubt ein solches Vorgehen in unserem Baselbiet – und mit welchem Verständnis für das Brauchtum, das man vorgibt, schützen zu wollen?
An dieser Stelle erlaube ich mir einige Anmerkungen. Sollten es tatsächlich Personen oder Sicherheitsfachleute aus dem Baselbiet sein, die in den zuständigen Behörden ihre Kompetenzen derart ausleben, dass sie zulasten der Fasnächtler – und insbesondere der Kreativität der Wägeler – bis zum Exzess neue Regeln erlassen, stellt sich eine zentrale Frage: Waren diese Personen je selbst als Fahrer an einem solchen Umzug beteiligt?
Wahrscheinlich nicht. Andernfalls wären solche Massnahmen kaum entstan- den. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass diese Szenarien in stillen Büros ausgebrütet und mit überbordendem Sicherheitsund Regulierungsdrang umgesetzt werden – ohne die Verhältnismässigkeit für die Betroffenen zu prüfen und ohne die realen Einschränkungen, etwa die Sichtbehinderung der Fahrer, angemessen zu berücksichtigen.
In Therwil wurde der Kinderumzug bereits aus diesen Gründen abgesagt. Auch in Liestal rumort es, wie ich von mehreren Gruppen höre, die unter den neuen Bedingungen eine Teilnahme ebenfalls infrage stellen oder bereits abgesagt haben. Dazu kommt viel Bürokratie und überall entstehen unnötige Kosten, die einige Wagencliquen nicht mehr tragen können.
Wir leben in einer Gesellschaft, die in immer mehr Bereichen mit Sicherheit und Regulierung überhäuft wird. Die Folgen sind nicht nur eine stetig wachsende Flut an Vorschriften, sondern auch massiv steigende Kosten, die von uns allen getragen werden müssen.
Wo bleiben dabei die Eigenverantwortung und der gesunde Menschenverstand? Gerade beim aktuellen Thema
– als aktiver Teilnehmer oder auch als Besucher eines Fasnachtsumzugs – ist klar: Niemand möchte, dass etwas passiert. Genau deshalb haben wir alle eine Verant- wortung, unseren Teil zur Sicherheit beizutragen, ohne dass dafür laufend neue Regeln geschaffen werden müssen, die unsere Freiheit einschränken und im Fall der Fasnacht auch die Kreativität beschneiden.
Der Leitsatz sollte lauten: So viel wie nötig, nicht so viel wie möglich. Nur so bleiben wir liberal und können die Freiheit leben, die uns allen so wichtig ist. Seit Jahren wird in der Politik über weniger Bürokratie und mehr Eigenverantwortung gesprochen – doch die Realität zeigt leider oft das Gegenteil. Beim Kulturgut Fasnacht wird dies besonders deutlich, und ähnliche Entwicklungen sind auch in vielen anderen Bereichen mit unnötigen Einschränkungen und Regulierungen zu beobachten.
Warum stoppen wir diese sich immer schneller drehende Spirale hin zu noch mehr Einschränkungen nicht endlich? Ein Umdenken würde nicht nur Freiräume schaffen, sondern auch die Kosten, die wir alle tragen, deutlich senken. Ganz im Sinne der seit jeher geltenden zentralen Schweizer Werte: Freiheit, Solidarität und Verantwortung – damit wir nicht schleichend in eine Bürokratie-Autokratie abrutschen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine schöne Fasnachtszeit.
Peter Aerni, aktiver Fasnachtsfahrer und Gemeindepräsident von Lausen
