September – goldene Schwelle des Jahres
29.08.2025 BaselbietZwischen Ernte, Einkehr und goldenen Tagen
Der August vergeht, der September steht vor der Tür. Er bringt den Herbst in all seiner Pracht. Die Tage sind golden, die Sonne steht noch warm am Himmel – doch der Abschied vom Sommer ist spürbar. Die Welt wird stiller, das Licht ...
Zwischen Ernte, Einkehr und goldenen Tagen
Der August vergeht, der September steht vor der Tür. Er bringt den Herbst in all seiner Pracht. Die Tage sind golden, die Sonne steht noch warm am Himmel – doch der Abschied vom Sommer ist spürbar. Die Welt wird stiller, das Licht milder, der Blick weiter.
Hanspeter Gautschin
Diese Übergangszeit verleiht der Natur eine besondere Intensität – eine Ruhe, die in ihrer Schönheit fast ehrfürchtig macht. An klaren, sonnigen Tagen liegt eine feierliche Stille über Feldern und Wäldern. Blumen wie Goldrute, Astern und Sonnenblumen leuchten in satten Farben. Noch flattern Schmetterlinge: Admiral und Kleiner Fuchs – ja, bisweilen sogar der geheimnisvolle Totenkopffalter.
Es ist eine Zeit des Wandels. Die Bauern beginnen mit der Aussaat des Wintergetreides, während sich die Schwalben auf ihren langen Flug nach Süden vorbereiten. Morgens liegt Nebel über den Wiesen, durchzogen vom ersten Hauch von Kälte. Die aufgehende Sonne bricht sich im Tau – ein stilles Schauspiel aus Licht, Wasser und Zeit.
Auch im Oberbaselbiet endet der Sommer. Auf höher gelegenen Weiden, etwa um Waldenburg, wird das Vieh von den Alpen zurück ins Tal geholt. Einst gehörten auch hier Alpabzüge zur bäuerlichen Kultur. Noch vor wenigen Jahren zog in Waldenburg ein festlicher Abzug durchs Städtchen – mit geschmücktem Vieh, Musik und grossem Publikumsaufmarsch.
Gegen Ende September, zur Tagund-Nachtgleiche, tritt die Sonne in die Waage. Tag und Nacht sind nun gleich lang – ein uraltes Sinnbild des Gleichgewichts, das nur für kurze Zeit anhält. Bald werden die Nächte länger, die Dunkelheit dringt tiefer in den Tag. Der 29. September, Michaelis, war früher der Tag des «Herbstthing»: ein Gerichtstag, an dem Recht gesprochen und das Licht der Vernunft gegen das Dunkel des Unrechts gestellt wurde.
Der Erzengel Michael, dessen Name dieser Tag trägt, wird mit Waage und Schwert dargestellt – Sinnbilder für Ausgleich und Klarheit. Er wiegt die Seelen am Jüngsten Gericht und mahnt zugleich zur inneren Aufrichtung, zu der Frage nach dem, was trägt.
Überkonfessionelle Besinnung
An dieser Schwelle von Licht und Schatten begehen wir in der Schweiz – meist unbeachtet – den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag, immer am dritten Sonntag im September. Es ist der älteste gesamtschweizerische Feiertag, 1832 eingeführt als Zeichen nationaler Einheit und überkonfessioneller Besinnung. Ein staatlich verankerter Tag des Innehaltens – bewusst ohne liturgische Form.
Doch was ist aus diesem Tag geworden? In vielen Kirchen fristet er ein Dasein am Rand – zwischen touristischer Zwischensaison und, wie derzeit, Baselbieter Wahlkampfgetöse. Dabei lädt er eigentlich ein zur Erinnerung: an Dankbarkeit, den Mut zur Umkehr, die Kraft des Gebets – nicht im Sinne obrigkeitlicher Frömmigkeit, sondern als persönliche Rückbesinnung.
Auch wer mit dem Begriff «Busse» ringt, kann diesem Tag Sinn abgewinnen. In der kirchlichen Tradition bedeutet Busse die Umkehr des Menschen zu Gott, von dem er sich durch die Sünde entfernt hat. Doch jenseits dieser kirchlichen Lehre lässt sich Umkehr auch als zutiefst menschlicher Prozess begreifen: innehalten, das eigene Verhalten ehrlich betrachten, vergangenes Fehlverhalten erkennen – und den Entschluss fassen, es künftig besser zu machen. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus dem Wunsch heraus, in Wort, Tat und Gedanken stimmiger zu leben.
So steht der September zwischen Ernte und Abschied, zwischen Gleichgewicht und dem Rückzug der Natur. Er zeigt: Jedes Reifen braucht ein Loslassen. Und jedes Loslassen verlangt eine Entscheidung – ob wir dem Wandel vertrauen oder ihn verdrängen. Im Rhythmus der Natur liegt Weisheit. Vielleicht ist es diese stille Botschaft, die uns der Dank-, Bussund Bettag ins Herz legen will – als Einladung zur inneren Klarheit und zum achtsamen Weitergehen.
Rituale heute
– Erntedank im Kleinen: Ein einfaches Mahl aus Garten oder Markt bewusst zubereiten – mit Dank für das, was gewachsen ist. Vielleicht verbunden mit einem stillen Moment am Tisch.
– Ein Brief an sich selbst: Was darf zu Ende gehen? Was will ich loslassen? Und: Wofür bin ich dankbar – gerade jetzt?
– Stilles Gebet oder Meditation: Am Bettag einen Moment der inneren Einkehr suchen – ganz ohne Worte. Einfach sitzen. Atmen. Gegenwärtig sein.