Schwitzen, Baden und Gerben
08.01.2026 BaselbietHeute dürfte wohl der heisseste Tag sein, seit wir vor drei Jahren im Süden Chiles angekommen sind. Das Thermometer zeigt 34 Grad, dazu ist es ungewöhnlich windstill. Normalerweise bewegen sich die Temperaturen im Sommer zwischen 20 und 25 Grad, die Nächte sind stets angenehm ...
Heute dürfte wohl der heisseste Tag sein, seit wir vor drei Jahren im Süden Chiles angekommen sind. Das Thermometer zeigt 34 Grad, dazu ist es ungewöhnlich windstill. Normalerweise bewegen sich die Temperaturen im Sommer zwischen 20 und 25 Grad, die Nächte sind stets angenehm kühl.
Eigentlich wollten wir nach dem frühmorgendlichen Zäunen einer neuen Weide an die Laguna Pocura fahren, einem natürlichen Kleinod etwa zehn Autominuten entfernt. Die Laguna ist ein sogenanntes Maar – eine fast kreisrunde Mulde, randvoll mit klarem, stillem Wasser. Solche Maare entstehen, wenn, wie hier in Pocura, Grundwasser auf Magma trifft. Die Explosion formt einen Krater, der sich mit Grundwasser füllt. Die Laguna blickt wie ein grosses, tiefblaues Auge auf bewaldete Hügel und sattgrüne Wiesen. Nur ein steiler, schmaler Pfad führt hinunter an ihr (noch) völlig unbebautes Ufer.
Eigentlich wollten wir heute hinfahren, aber es ist Sonntag, mitten in der Tourismussaison. Zwar gibt’s keinerlei Infrastruktur an ihren Ufern, aber ein Geheimtipp ist die Laguna längst nicht mehr. Auch Schatten ist rar, und bei dieser Hitze ist der unverzichtbar.
Wir haben also die zweitbeste «Location» gewählt und uns mit dem «Chnöpperli» ganz einfach an, vielmehr in, unseren eigenen Bächlein niedergelassen. Überdacht von hohen Bäumen, riesigen Farnen und Colihue, ist es ein idyllischer Ort zum Planschen und Abkühlen.
Wir konnten auch nicht zu lange von zuhause weg sein, denn Johnny hatte ein spezielles Experiment in Arbeit. Unsere Freunde und Nachbarn Danilo und Paola mit ihren zwei Söhnen Amaro und Jadiel hatten uns zu Weihnachten zum Schaf vom Grill eingeladen. Tags zuvor hatten Johnny und Danilo das Schaf beim Grossvater geholt und geschlachtet. Das Fell hat Johnny mitgebracht, mit der Ambition, es haltbar zu machen. Völliges Neuland.
Aber im Internet ist ja alles zu finden – auch wie man ein Fell gerbt. Obwohl sich die Quellen teilweise widersprechen, hat sich Johnny an die Arbeit gemacht: über Nacht einsalzen, Fleisch- und Fettreste abschaben, in einer Salz-/Essig-/Wassermischung einlegen, anschliessend in einem Öl-/Eigelb-/ Wasserbad kneten, zwischen diesen Arbeitsschritten alle Viertelstunde ziehen, damit es nicht steif wird, und zum guten Ende musste das Ganze noch geräuchert werden ... Mir kam es vor wie Alchemie, und gerochen hat’s auch nicht besonders fein. Aber, siehe da, nach mehreren Tagen sieht es aus und fühlt es sich an wie die Schaffelle, die es zu kaufen gibt – nur nicht so schneeweiss.
Aus dem Fell werde ich für den «Chnöpperli» eine Jacke nähen, in der er ganz bestimmt auch im tiefsten Winter nicht frieren wird. Es macht Freude, Neues zu lernen und auszuprobieren – umso mehr, wenn’s gelingt. Ich bin sicher, das wird nicht das letzte Fell aus Johnnys Manufaktur gewesen sein.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

