«Schutzplätze sind eine staatliche Aufgabe»
09.01.2026 Basel, BaselbietBettina Bühler, Leiterin Frauenhaus beider Basel, über die durchgehende Auslastung
Das Thema Gewalt an Frauen ist sichtbarer geworden und die Sensibilisierung dafür gewachsen. Doch strukturell hat sich wenig verändert. Bettina Bühler, Leiterin des ...
Bettina Bühler, Leiterin Frauenhaus beider Basel, über die durchgehende Auslastung
Das Thema Gewalt an Frauen ist sichtbarer geworden und die Sensibilisierung dafür gewachsen. Doch strukturell hat sich wenig verändert. Bettina Bühler, Leiterin des Frauenhauses beider Basel, stellt klar, dass häusliche Gewalt kein Migrationsproblem ist.
Melanie Frei
Frau Bühler, das Frauenhaus beider ist aktuell stark ausgelastet. Wie hat sich die Nachfrage in den vergangenen Jahren entwickelt?
Bettina Bühler: Wir sind eine Krisenintervention. Rechnerisch geht man von einer durchschnittlichen Auslastung von etwa 75 Prozent aus. 2025 lagen wir deutlich darüber – mit rund 86 Prozent, im Jahr zuvor waren es sogar 96 Prozent. Diese Zahlen decken sich mit denen von anderen Frauenhäusern in der Deutschschweiz.
Wer sind die Frauen, die bei Ihnen Zuflucht suchen? Gibt es ein typisches Profil?
Nein, ein typisches Profil gibt es nicht. Sie stammen aus allen sozialen Schichten, Bildungsniveaus und verschiedenen Herkunftsländern. Zu uns kommen alleinstehende Frauen ebenso wie Mütter mit ihren Kindern. Was viele gemeinsam haben: Sie sind oft über lange Zeit Gewalt ausgesetzt gewesen und brauchen viel Kraft, um sich selbst aus der Situation zu befreien.
Warum kommen diese Frauen ins Frauenhaus?
Alle Frauen, die bei uns aufgenommen werden, sind von häuslicher Gewalt betroffen. Das kann psychische, physische, sexualisierte oder ökonomische Gewalt sein, oft kombiniert mit sozialer Isolation. Der Eintritt ins Frauenhaus erfolgt immer freiwillig und ist für viele ein enormer Schritt: Sie verlassen ihre Wohnung, ihr Umfeld, manchmal ihren Arbeitsplatz, und ihre Kinder müssen in der Regel die Schule wechseln. Diese Veränderungen sind mit enormem Stress und Druck verbunden. Wenn sie einmal bei uns Zuflucht gefunden haben, startet eine Begleitung, die sich in mehrere Phasen unterteilt.
Bitte beschreiben Sie den Prozess.
Zuerst geht es um Sicherheit und Ankommen, dann um eine Orientierung: Welche Möglichkeiten gibt es ab hier? In der nächsten Phase sind zentrale Entscheidungen für das weitere Leben zu treffen: Will die Frau eine Anzeige erstatten? Sucht sie eine neue Wohnung? Wie gestaltet sich ihre baldige Selbstständigkeit? Am Ende steht der Austritt, begleitet von Vernetzung mit Unterstützungsangeboten. Wichtig ist: Nicht jeder Anruf führt zu einem Eintritt. Die Anzahl der Anrufe, die bei uns eingehen, hat sich in den vergangenen vier Jahren etwa verdreifacht. Das zeigt einen enormen Bedarf an Schutzplätzen, aber auch an Beratung.
Muss aufgrund der grösseren Zahl Anrufe davon ausgegangen werden, dass die häusliche Gewalt an Frauen im selben Ausmass zugenommen hat?
Das ist schwer eindeutig zu sagen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Mehr Anrufe können bedeuten, dass Gewalt zunimmt. Sie können aber auch ein positives Zeichen sein, dass Prävention wirkt und Frauen sich früher oder überhaupt melden. Ich hoffe sehr auf Letzteres. Klar ist: Der Bedarf an Unterstützung ist konstant hoch.
Wo sehen Sie die grössten Lücken im System, das Frauen schützen sollte?
Es gibt viele engagierte Akteurinnen und Akteure – Polizei, Opferhilfe, Beratungsstellen. Aber oft arbeiten sie nebeneinander statt miteinander. Häusliche Gewalt ist ein interdisziplinäres Thema, und es bräuchte deutlich mehr koordinierte Zusammenarbeit. Zudem fehlen Schutzplätze: In unserer Region wären mindestens zehn zusätzliche Schutzplätze notwendig. Auch die Nachbetreuung ist ausbaufähig. Viele betroffene Frauen berichten, dass die schwierigste Phase erst Monate nach dem Austritt beginnt.
In der politischen Debatte kommt es immer wieder zur Äusserung, wonach Frauenhäuser «zu teuer» seien. Erst Mitte Dezember hat der Nationalrat erst im zweiten Anlauf entschieden, das Budget für die Bekämpfung von Gewalt an Frauen um eine zusätzliche Million aufzustocken auf 8,2 Millionen. Wie erklären Sie sich die kritische oder zögerliche Haltung?
Sie ist schwer nachvollziehbar. Schutzplätze für Frauen und Kinder sind eine staatliche Aufgabe. Gleichzeitig müssen Frauenhäuser jedes Jahr einen grossen Teil ihrer Finanzierung selbst sichern. Es irritiert, wenn andere Bereiche selbstverständlich finanziert werden, während beim Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt immer wieder diskutiert wird, ob «es das Geld wert» sei. Dass die Existenz von Frauenhäusern kaum infrage gestellt wird, ihre Finanzierung aber schon, sagt viel über gesellschaftliche Prioritäten aus. Der Entscheid des Nationalrats ist deshalb richtig und wichtig. Dass es einen zweiten Anlauf brauchte, zeigt aber auch, wie wenig selbstverständlich der Schutz von Frauen und Kindern noch immer ist.
Was bräuchte es konkret, damit Frauenhäuser nicht mehr überlastet sind oder Frauen abweisen müssen?
Ausreichend finanzierte personelle Ressourcen. Ein 24-Stunden-Krisenbetrieb braucht genug qualifiziertes Personal, um nachhaltig arbeiten zu können. Zudem brauchen wir Planungssicherheit. Jährlich müssen wir rund 800 000 bis 1 Million Franken selbst aufbringen. Am Anfang des Jahres wissen wir nicht, ob wir das schaffen. Das ist für eine Institution, die Schutz bietet, eine enorme Belastung.
Die Zahl der Opferberatungen steigt. Was sagt das über die Dunkelziffer von häuslicher Gewalt aus?
Sehr viel. Viele Frauen wenden sich zuerst anonym an Beratungsstellen oder rufen bei uns an, ohne einzutreten. Das zeigt, wie hoch die Dunkelziffer ist. Die Frauen, die schliesslich ins Frauenhaus kommen, sind oft die
Spitze des Eisbergs und haben keine andere Möglichkeit mehr. Wer über mehr Ressourcen verfügt, kann sich früher oder anders Hilfe holen.
Über die Jahre, in denen Sie beim Frauenhaus beider Basel arbeiten: Was hat sich verändert?
Das Thema ist politischer geworden und sichtbarer. Häusliche Gewalt und Femizide werden heute öffentlich benannt. Gleichzeitig ist strukturell noch wenig entschieden worden. Es gibt Fortschritte in der Sensibilisierung, aber nach wie vor Lücken bei Finanzierung, Schutzplätzen und Gleichstellung. Solange Machtungleichheit besteht, wird es auch Gewalt geben.
In politischen Debatten wird Gewalt gegen Frauen oft mit Migration verknüpft. Zu Recht?
Nein. Diese Verknüpfung ist falsch und gefährlich. Häusliche Gewalt betrifft alle gesellschaftlichen Gruppen. Frauen mit Migrationsgeschichte oder wenig Privilegien sind oft stärker betroffen, weil sie weniger Ressourcen haben. Nicht, weil Gewalt dort häufiger wäre. Gewalt ist kein Migrationsproblem, sondern ein gesamtgesellschaftliches.
Wie hält sich das Frauenhaus finanziell über Wasser?
Wir werden durch Leistungsverträge mit den beiden Basel unterstützt. Diese Grundfinanzierung deckt etwa 60 Prozent unserer Kosten ab. Den Rest müssen wir durch Fundraising,
Stiftungen oder private Spenden sichern – das ist regional begrenzt, weil wir nicht mit anderen Frauenhäusern in der Schweiz konkurrieren wollen. Es gibt auch nationale Förderungen, zum Beispiel von der Glückskette.
Finanzieren Sie auch Frauen, die aus einem anderen Kanton ins Frauenhaus beider Basel kommen?
Nein, wenn wir Frauen aus anderen Kantonen aufnehmen, übernimmt deren Opferhilfe die Kosten. Das gilt auch, wenn wir eine Frau auswärts platzieren. Solche Fälle kommen vor, wenn die Kapazität im Frauenhaus ausgeschöpft ist oder eine Frau hoch gefährdet ist, weil ihr Partner sie aufgespürt hat und bei uns ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. In der Regel dauert die Unterbringung in einem anderen Kanton ein paar Tage, bis wieder ein Platz im ursprünglichen Frauenhaus frei wird.
Sie werden in Ihrer Arbeit mit Leid, Gewalt und Unterdrückung konfrontiert. Was gibt Ihnen Hoffnung?
Zu sehen, wie Frauen bei uns ankommen – erschöpft, verängstigt – und wie sie nach einigen Wochen gestärkt wieder gehen. Sie kennen ihre Rechte, wissen, wohin sie sich wenden können, und haben neue Perspektiven. Das Frauenhaus ist kein Ort, an dem jemand gerne sein möchte. Aber es ist ein Ort, an dem viel Stärke entsteht.
Zur Person
mef. Bettina Bühler (54) ist seit sieben Jahren Geschäftsleiterin des Frauenhauses beider Basel. Sie arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Gewaltprävention und setzt sich für den Schutz von gewaltbetroffenen Frauen und Kindern ein. Ausgleich findet sie in der Natur – Bewegung an der frischen Luft hilft ihr, Abstand zum belastenden Berufsalltag zu gewinnen.
Das Frauenhaus beider Basel
mef. Das Frauenhaus beider Basel wurde 1981 eröffnet und ist die zentrale stationäre Schutzeinrichtung in der Region für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind – mit oder ohne Kinder. Der Standort ist aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich bekannt.
Das Frauenhaus verfügt über 10 Zimmer mit 17 Betten, davon 7 für Kinder. Jährlich finden dort rund 60 bis 90 Frauen sowie 40 bis 70 Kinder Schutz.
Die Aufenthaltsdauer richtet sich nach der individuellen Gefährdungslage und den Möglichkeiten einer Anschlusslösung.
Während des Aufenthalts leben die Frauen und Kinder in einer Gemeinschaft mit anderen Betroffenen und gestalten ihren Alltag gemeinsam, begleitet von Fachpersonal.
Ein zentraler Bestandteil ist die persönliche Beratung und Begleitung. Jede Frau und jedes Kind erhält eine feste Bezugsperson. Zur Sicherstellung von Schutz und Perspektiven arbeitet das Frauenhaus eng mit externen Stellen zusammen, darunter Opferhilfe, Polizei, Sozialdienste, Schulen sowie Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden.
Finanziert wird das Frauenhaus über Leistungsbeiträge der Kantone Basel-Stadt und Baselland, ergänzt durch Eigenleistungen und Spenden.
Die ersten 35 Tage in einem Frauenhaus sind immer ohne Kosten (Opferhilfegesetz). Nach 35 Tage wird mit der Klientin geschaut, ob sie Einkommen und/oder Vermögen hat. Nach einer internen Berechnung wird dann aufgelistet, ob es finanziell möglich ist, dass sie einen kleinen, eher solidarischen, Beitrag bezahlt (nie die Vollkosten). Falls dies nicht möglich ist, dann wird darauf verzichtet.


