Pausen, die zum Denken einladen
19.02.2026 BaselbietAls ich ins Baselbiet kam, dachte ich zuerst, die Menschen hier seien einfach besonders höflich. Sie unterbrachen nicht, hörten aufmerksam zu und hielten geduldig kleine Pausen im Gespräch aus. Erst später wurde mir klar: Was ich für Höflichkeit hielt, war etwas ...
Als ich ins Baselbiet kam, dachte ich zuerst, die Menschen hier seien einfach besonders höflich. Sie unterbrachen nicht, hörten aufmerksam zu und hielten geduldig kleine Pausen im Gespräch aus. Erst später wurde mir klar: Was ich für Höflichkeit hielt, war etwas anderes. Es war eine Art, dem Gegenüber Zeit zum Denken zu geben.
Ich komme aus einer Umgebung, in der das Unterbrechen fast zum Gespräch gehört. Ein Dialog ähnelt dort manchmal einem kleinen Wettkampf: Wer schneller spricht, wer präziser argumentiert, wer lauter ist. Eine Pause gilt leicht als Unsicherheit. Im Baselbiet ist es genau umgekehrt: Die Pause ist Teil des Gedankens – nicht nur meines, sondern auch ihres.
Was mich besonders beeindruckt hat: Niemand versucht hier, die Stille zu füllen. Wenn ich nach einem Wort suche, meinen Gedanken sortiere oder einfach kurz atme, bleibt die Person gegenüber ruhig sitzen, als würde sie den Raum beschützen, in dem mein Satz erst entsteht. Sie greift nicht ein, lenkt nicht und beschleunigt nichts durch Ungeduld. Sie ist einfach da – und ermöglicht mir damit, meine Gedanken zu Ende zu führen.
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass diese Gesprächskultur kein höfliches Ritual ist. Sie ist eine alltägliche Praxis. Im Baselbiet gilt es als selbstverständlich, dass Menschen in ihrem eigenen Tempo denken dürfen. Niemand drängt mit einem «und?» oder einem Blick, der nach einer schnellen Fortsetzung verlangt. Man wartet. Und dieses Warten wirkt erstaunlich befreiend.
Ich merkte, wie sich auch mein eigenes Verhalten veränderte. Ich begann langsamer zu sprechen – und klarer zu denken. Ich unterbrach weniger und verspürte weniger den Drang, sofort zu reagieren. Die hiesige Ruhe lehrt eine Art innere Ordnung: Wenn ein Gedanke wichtig ist, muss er nicht gehetzt werden.
In dieser Gewohnheit steckt eine leise, aber tiefe Einsicht: Menschen brauchen Raum – nicht nur physisch, sondern auch geistig. Im Baselbiet wird dieser Raum ganz selbstverständlich gewährt. Und je länger ich hier lebe, desto stärker spüre ich, wie sehr genau solche kleinen sozialen Gepflogenheiten zu dieser besonderen Ruhe der Region beitragen.
Wenn man mich fragt, was die Gespräche in der Schweiz am stärksten von jenen in der Ukraine unterscheidet, antworte ich schlicht:
Im Baselbiet ist Stille kein Leerlauf. Sie ist Respekt.
Nicht zu unterbrechen bedeutet, dem Menschen Zeit zu geben, seine eigenen Gedanken zu hören.
Vielleicht ist das die wertvollste Gewohnheit, die mir das Leben in diesem stillen und aufmerksamen Landstrich geschenkt hat.
Serhii Dolhozhyv
Der Autor ist pensionierter Lehrer und stammt aus der Ukraine. Er lebt seit mehreren Jahren als Geflüchteter im Baselbiet.
