Oldtimer wie wir
10.02.2026 PersönlichDas darf doch nicht wahr sein! Ungläubig schaue ich auf den Wasserhahn in meiner Hand. Der hat eben entschieden, dass er nicht mehr zum Rest der Armatur gehören will. Ohne äussere Einwirkung ist er einfach ins Waschbecken gefallen, so quasi: «Ich habe meine Schuldigkeit getan, ...
Das darf doch nicht wahr sein! Ungläubig schaue ich auf den Wasserhahn in meiner Hand. Der hat eben entschieden, dass er nicht mehr zum Rest der Armatur gehören will. Ohne äussere Einwirkung ist er einfach ins Waschbecken gefallen, so quasi: «Ich habe meine Schuldigkeit getan, jetzt schau selbst, wie du ohne mich klarkommst.» Da ist keine Bruchstelle, keine lockere Schraube oder Ähnliches, nichts, das mir die Chance gäbe, das Teil wieder an seinen angestammten Platz zu montieren.
Ich rege mich nur mässig darüber auf. Nach ein, zwei Flüchen habe ich mich wieder im Griff und schmeisse den Hahn (etwas heftiger als nötig) in die Kiste mit den anderen Dingen, die sich in den vergangenen sechs Jahren verabschiedet haben. Er befindet sich nun in Gesellschaft mit dem Panel der WC-Spülung, den Zierleisten diverser Schränke, den Abdeckknöpfen für Schrauben und den Griffen für die Schattierung. Zudem liegt da noch eine durchgebrannte Wasserpumpe, ein Tablar mit Riss aus dem Kühlschrank und ein hässliches Fliegengitter.
Mit Verlust muss man rechnen. Vor allem wenn die Innenarchitekten in den unteren Schubladen ihres Ramschladens nach der Ausstattungsware gegriffen haben, damit sie den Camper möglichst günstig auf den Markt werfen können. Das war mir beim Kauf natürlich bewusst. Auch dass die Dauernutzung eines Fahrzeugs, das ansonsten nur in den Ferien zum Einsatz kommt, dem Interieur viel abverlangt. Vor allem, wenn die Besitzerin ein eher entspanntes Verhältnis zur Behebung von Schäden hat.
Ich habe mir ausgerechnet, dass ein Wohnmobil im Dauergebrauch etwa zehnmal schneller altert als eines, das nur ein oder zwei Monate im Jahr gefahren wird. Nach sechs Jahren befinden mein Camper und ich uns also in derselben Lebensphase, wir gehören zu den Senioren. Zwar noch rüstig, aber optisch unverkennbar auf dem absteigenden Ast. Die Carrosserie hat nicht mehr dieselbe Spannkraft. Hier wirft sie Falten, dort finden sich Dellen und die eine oder andere Beule ist auch dabei. Kosmetik hilft, aber eigentlich müsste ein fachkundiger Fahrzeugspengler her. Ausserdem quietscht und knarzt es im Fahrgestell. Das eine oder andere fällt aus oder ab, muss ersetzt oder akzeptiert werden.
Wir haben Zicken und Macken entwickelt und zeigen erste Anzeichen von Alterssturheit. Die Verkabelung macht, was sie will. Am Armaturenbrett blinkt es mal rot, mal gelb, und am nächsten Tag ist wieder alles gut. Einfach nur ein Zucken in den Sicherungen, deren Synapsen in die Jahre gekommen sind. In kürzeren Abständen als in jungen Jahren brauchen mein Camper und ich Wartung und Pflege, damit der Motor nicht ins Stottern kommt und das Chassis nicht auseinanderfällt.
Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es aber einen Unterschied, den ich meinem Camper wirklich übelnehme. Er weiss genau, dass er auch im fortgeschrittenen Alter noch einen Liebhaber findet, sollten sich unsere Wege einmal trennen.
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.

