Mit historischen Bibelfliesen in die Zukunft
04.06.2026 ReigoldswilKirche erhält vom Verein Merian global 14 Ofenplatten und 460 biblische Abbildungen
In der Kirche und im Pfarrhaus von Reigoldswil befindet sich der grösste Schatz an Fliesen und Ofenplatten des Baslers Matthäus Merian und von anderen Künstlern. Die Sammlung wird der ...
Kirche erhält vom Verein Merian global 14 Ofenplatten und 460 biblische Abbildungen
In der Kirche und im Pfarrhaus von Reigoldswil befindet sich der grösste Schatz an Fliesen und Ofenplatten des Baslers Matthäus Merian und von anderen Künstlern. Die Sammlung wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Jürg Gohl
Wer die Küche des reformierten Pfarrhauses im Oberbiel 2 in Reigoldswil betritt, ist zunächst verwirrt. Der dampfende Kaffeekrug und andere Utensilien weisen klar auf die ursprüngliche Rolle des grossen Raums hin. Doch die Rahmen mit unzähligen Fliesen, die biblische Motive zeigen, lassen eher auf ein Museum schliessen. Schliesslich liegen da noch Werkzeuge auf dem Tisch herum, die eher an einen Hobbyraum erinnern.
«Küche, Museum, Werkstatt», sagt Dorothee Löhr, «alles trifft zu.» Deshalb verzichtet sie bewusst darauf, Küchengeräte wegzuräumen, die beim Fotografieren der Kunstschätze stören könnten. Die Gastgeberin ist vor 15 Monaten als Pfarrerin von der Grossstadt Mannheim in die ländlich-abgeschiedene Gemeinde Reigoldswil gewechselt. Doch von Ruhe und Beschaulichkeit kann dort keine Rede sein, spätestens seit das Pfarrhaus in den Besitz von 14 Ofenplatten und 460 Bibelfliesen gelangt ist, die teilweise in der Küche ausgestellt sind. Damit wird die Gemeinde im Hinter-Frenke-Tal auf einen Schlag zum Schweizer «Hotspot» für Merian-Fliesen, wie es die deutsche Theologin ausdrückt.
Von Holland in die Schweiz
Seit jeher befasst sich Dorothee Löhr mit Bibelfliesen und dem Thema, wie mithilfe dieser Abbildungen Kindern, aber auch Erwachsenen die biblische Geschichte und Geschichten nähergebracht werden können. Bereits 2013 hat sie darüber mit der Ostfriesischen Bibelgesellschaft ein Büchlein geschrieben. «Wie in früheren Zeiten», sagt sie, blättert im Buch «Bibelfliesen – eine pädagogische Entdeckung» und zeigt auf eine Illustration. Darauf erklärt eine Mutter, offensichtlich aus gutem Haus, anhand einer Ofenkachel ihrer Tochter ein Kapitel aus dem Buch der Bücher. Die Pfarrerin erinnert daran, dass das Erzählen lange Abende verkürzte. Und: «Bibelfliesen waren besonders teuer und Zeichen dafür, dass ihre Besitzer reich geworden, aber fromm geblieben sind», sagt sie.
Im 18. Jahrhundert, in ihrer Blütezeit, gelangten die Bibelfliesen aus Holland, wo die Icones biblicae des Baslers Matthäus Merian sehr beliebt waren, nach Deutschland und von dort in die Schweiz. Die kleinen Kunstwerke waren, wie heute im Reigoldswiler Pfarrhaus, in der Küche oder in Form von Ofenkacheln im Wohnzimmer anzutreffen. Gehalten waren sie in Delft-Blau und sollten zum Nachdenken oder Diskutieren über christliche Werte anregen.
Vielleicht wirkten auch himmlische Kräfte mit, dass die grösste Sammlung von Merian ins Hintere-Frenken-Tal fand. Der Basler Kupferstecher, Drucker, Kartograf und Bibel-Illustrator lebte von 1593 bis 1650, seine biblischen Motive wurden unzählige Male von anderen Illustratoren abgekupfert (siehe Kasten). Christoph Ramstein, langjähriger Pfarrer in Lausen, besitzt eine grosse Sammlung von Werken Merians. Zudem stellte er im Herbst 233 Illustrationen seines Urahns zum Alten und Neuen Testament aus (die «Volksstimme» berichtete). Der Anlass im Basler Münster erwies sich mit über 13 000 Besuchenden als Publikumserfolg.
Memory und Ansteckknopf
Nun haben Christoph Ramstein und der von ihm präsidierte Verein Merian global beschlossen, diese Werke in Form einer Schenkung der Kirchgemeinde Reigoldswil-Titterten zu überlassen. Sie wissen, dass die Sammlung «bei der kompetenten, motivierten Pfarrerin», die das Vermächtnis zu schätzen wisse, in den besten Händen sei, fügt Ramstein an.
Tatsächlich wurde Dorothee Löhr sogleich aktiv. Sie besuchte in Bern das Zentrum Paul Klee, nur um sich museumspädagogisch inspirieren zu lassen. Dort schaute sie sich die Idee einer Werkstatt ab. So werden in ihrer Küche zehn weisse Malerkittel auf maximal zehn Besucher warten, die sich selber im Malen von Bibelfliesen versuchen wollen. Es gibt Merian-Ansteckknöpfe, und ein Memory mit 24 Karten ist am Entstehen.
Auch steht eine Fliesenbibel mit 450 Seiten und 600 Abbildungen zum Verkauf. Mit diesem Buch sollen die kleinen Kunstwerke dorthin zurückkehren, wo einst ihre Geschichte begann: «in die Familien, nah zu den Menschen, als Anregung zum Nachdenken». So ist es im Vorwort dieser speziellen Bibel nachzulesen.
Zachäus, Simson, Einhorn
Die 14 gusseisernen Ofenplatten befinden sich in der Reigoldswiler Kirche und können 24 Stunden am Tag besichtigt werden. Im Pfarrhaus befindet sich noch ein weiteres Schmuckstück: ein Kommodenschrank mit einer echten Merian-Bibel darauf und mit 150 flachen Schubladen. In den meisten von ihnen befinden sich thematisch geordnete Fliesen. So können Besucher nicht nur ihr biblisches Wissen unter Beweis stellen oder auffrischen, sondern auch die kulturhistorischen Unterschiede ergründen.
Der Fundus ist riesig: Hier Moses und der Exodus; da Zachäus, der sich erfolglos in einem Maulbeerfeigenbaum vor Jesus zu verstecken bemüht; dann wird Elia von den Raben gefüttert; natürlich darf auch die Taufe Jesu nicht fehlen; und bei Adam und Eva darf im Paradies auch das für Merian typische Einhorn nicht fehlen. «Alles, was mit Essen, Tieren und Wärme zu tun hat, war als biblisches Motiv sehr beliebt», hält Dorothee Löhr fest.
Sodann legt sie ein Bild auf ihren Küchen-, Museums- und Werkstatttisch, das Simson zeigt, dem gerade das Haar geschnitten wird. Dieses Werk mit dem Herkules der Bibel, wie sie ihn bezeichnet, habe sie kürzlich einer Gruppe vorgelegt, mit der sie das Kamm- und Haarmuseum in Mümliswil besuchte. Sogleich stecken sie in Diskussionen. Wie damals im 18. Jahrhundert, sagt sie, und wie sehr bald in Reigoldswil.
Festgottesdienst zum Auftakt
jg. Diesen Sonntag, den 7. Juni, wird die Kirchgemeinde Reigoldswil-Titterten mit einem Festgottesdienst die Schenkung der Bibelfliesen offiziell feiern und dem Verein Merian global die aussergewöhnliche Gabe verdanken. Der Gottesdienst, zu welchem alle herzlich eingeladen sind, beginnt um 9.30 Uhr, gefolgt von der Kirchgemeindeversammlung um 10.30 Uhr.
«Abkupfern»
jg. Tatsächlich geht das Verb «abkupfern» auf das Handwerk der Kupferstecher zurück und steht heute verächtlich für «abschreiben» oder «kopieren». Zu Zeiten von Matthäus Merian war dies allerdings gängige Praxis. Viele seiner biblischen Darstellungen erlangten quasi offiziellen Charakter und wurden von anderen Künstlern übernommen – manchmal mit dem Hinweis «nach Merian». Umgekehrt übernahm Matthäus Merian, als er den Turmbau zu Babel illustrierte, die berühmte Vorlage, die vor ihm bereits Pieter Bruegel der Ältere geschaffen hatte.
Die niederländischen Bibelfliesen und die mitteldeutschen Eisengussplatten stammen nicht von Merian, sondern «lediglich» die 233 Radierungen, die er für die Strassburger Merian-Bibel von 1630 gefertigt hat und die für Bibelfliesen und Eisengussplatten kopiert wurden.
Weitere Informationen und Anfragen für Führungen an pfarramt@reigoldswil.ch



