«Männer und Frauen weisen andere Verletzungsmuster auf»
16.05.2025 Bezirk Sissach, Sissach, SportDr. med. Pascal Molteni über «Comebacks» im Spitzensport
Im Spitzensport gibt es immer wieder «Comebacks». Vergangenen Winter gab es für Sportfans mit Lindsey Vonn, Iouri Podladtchikov und Co. jedoch verblüffend viele «alte Stars» zu ...
Dr. med. Pascal Molteni über «Comebacks» im Spitzensport
Im Spitzensport gibt es immer wieder «Comebacks». Vergangenen Winter gab es für Sportfans mit Lindsey Vonn, Iouri Podladtchikov und Co. jedoch verblüffend viele «alte Stars» zu bewundern. Sportarzt Pascal Molteni erklärt: «Ein Sport kann nicht verlernt werden.»
Luana Güntert
Herr Molteni, im vergangenen Winter gaben viele «Stars», zum Beispiel Lindsey Vonn oder Marcel Hirscher, nach einigen Jahren Absenz ihr «Comeback» im Profisport. In welchen Sportarten geht das besser, in welchen schlechter?
Pascal Molteni: Pauschal kann ich das nicht sagen, da viele Faktoren eine Rückkehr positiv oder negativ beeinflussen und jeder Mensch anders ist. Grundsätzlich ist es aber so, dass es in Sportarten, die hohe physische Anforderungen stellen, sehr schwierig wird. Das ist zum Beispiel beim Sprinten oder Turnen der Fall. Bei Sportarten, die mehr auf Erfahrung, Strategie und Technik – wie Curling, Golf oder Schiessen – setzen, ist das einfacher. Diese Sportarten sind auf eine andere Art anstrengend und beanspruchen den Körper weniger als bei Spitzenbelastungen. Zudem ist es bei allen Sportarten so, dass die Rückkehr schwieriger wird, je länger man sie nicht mehr ausübt und sich körperlich nicht anderweitig fit hält. Also ist ein Jahr Pause weniger schlimm als fünf Jahre.
Worin unterscheiden sich «Comebacks» in jungen Jahren von solchen mit über 30 oder 35 Jahren?
Mit Anfang 20 braucht der Körper weniger Erholung. Somit müssen Athleten, die jung ihre Karriere beenden und sie dann Jahre später wieder aufnehmen, ihr Trainingskonzept dem Alter anpassen. Zudem kann es bei älteren Athleten gut sein, dass sie nach ihrem ersten Rücktritt ins Berufsleben eingestiegen sind oder eine Familie gegründet haben – solche Verpflichtungen machen eine Rückkehr in den Spitzensport schwieriger.
Wie fahrlässig ist es, nach einigen Jahren Pause wieder in den Spitzensport zurück zu wollen?
Sinnvoll sind «Comebacks» wahrscheinlich nicht, vor allem, wenn der Athlet oder die Athletin bereits zuvor mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Meistens kehren aber jene Sportler zurück, die während ihrer ersten Karriere zur absoluten Spitze gehört haben und somit wissen, was sie tun. Entsprechend haben sie auch Trainer, Physiotherapeuten, Ärzte und Psychologen an ihrer Seite, die sie beim «Comeback» betreuen.
Welche Motivation steht hinter dem Wunsch für ein «Comeback»?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige Athleten wollen es einfach nochmals wissen und sich mit den Jungen messen. Es kann auch taktische Gründe haben – zum Beispiel, um nach dem Rücktritt für eine andere Nation starten zu dürfen. Zudem gibt es finanzielle Gründe, die Ex-Sportler motivieren. So kehrte der Skirennfahrer Marcel Hirscher nach fünf Jahren Absenz 2024 wieder in den Weltcup zurück – an den Füssen seine eigene Marke. Ich kann mir gut vorstellen, dass er so mitunter seine eigenen Skis promoten wollte.
Haben es Männer einfacher, in den Spitzensport zurückzukehren?
Ja, die beiden Geschlechter unterscheiden sich biologisch und weisen andere Verletzungsmuster auf. Zum Beispiel reissen sich Frauen tendenziell schneller das Kreuzband, was in Sportarten mit hoher Beinbelastung wie Skifahren oder Fussball ein Nachteil ist. Zudem sind Männer natürlich im Vorteil, da sie, im Fall eines Kinderwunsches, nicht kürzer treten müssen. Wenn eine Frau eine Familienpause einlegt und nach einigen Monaten oder Jahren ihre Karriere wieder aufnimmt, kann das schwierig werden. Schwangerschaftsprobleme und komplizierte Geburten hinterlassen ihre Spuren. So kann es bei Frauen vorkommen, dass zum Beispiel ihre Bauch- und Beckenmuskulatur nicht mehr so gut ansteuerbar ist wie vor den Kindern. Eine Schwangerschaft kann aber auch positive Seiten haben und die Hormone nach einer Geburt können Trainingsleistungen verbessern. Frauen haben im Sport zudem finanzielle Nachteile, weshalb ich viel mehr Sportler als Sportlerinnen erlebt habe, die ein «Comeback» gaben.
Erklären Sie das bitte.
In den meisten Sportarten sind Frauen viel schlechter bezahlt. Mir ist zum Beispiel kein Nati-A-Fussballer bekannt, der neben dem Sport noch einem «normalen» Beruf nachgeht, was bei den Frauen viele tun müssen. Deshalb ist es erst recht schwierig, ohne finanzielle Unterstützung durch den Verein oder Sponsoren sportlich wieder durchzustarten. Vor allem, weil ja der Erfolg des Neustarts ungewiss ist.
Kann ein Sport verlernt werden?
Nein, wenn man jahrelang so viele Stunden pro Woche trainiert, geht die Technik nicht verloren. Wenn aber die Kraft und Ausdauer fehlen, bringt einen auch eine beispielsweise hoch effiziente Langlauftechnik nicht wieder an die Weltspitze.
Welche Entwicklungen gibt es in der Medizin und bei Nahrungsergänzungsmitteln, die eine Rückkehr in den Spitzensport begünstigen können?
In der Medizin gibt es immer wieder neue Entwicklungen, die neue Operationen oder minimalinvasivere Eingriffe erlauben. In der Orthopädie kann man heute vorgängig entnommene Knorpelzellen im Labor züchten und damit einen grösseren, schmerzhaften Knorpeldefekt reparieren. Solche Knorpelschäden konnten früher eine Karriere beenden. In der Chirurgie kann heute ein Leistenbruch mit dem Roboter operiert werden. Dadurch hat man kleinere Schnitte und es geht weniger Gewebe kaputt. Somit ist der Athlet schneller wieder fit. Die Supplementierung von Nahrungsergänzungsmitteln wird sehr individuell gehalten und kann in sehr trainingsintensiven Phasen sicherlich ein gutes «Add-On» sein. Es ersetzt aber nicht eine ausgewogene, auf die Trainingsintensität abgestimmte Ernährung. Dies ist deutlich wichtiger.
Wie haben sich Trainings verändert?
Neue Methoden legen mehr Wert auf Regeneration, während früher eher nach dem «Mehr-ist-mehr»- Konzept trainiert wurde. In anderen Ländern ist das heute noch so. Es zeigt sich zudem, dass polysportive Trainingsansätze helfen können, in der eigenen Sportart Erfolge zu erzielen.
Kann ein Rücktritt und ein anschliessendes geplantes «Comeback» auch sinnvoll sein?
Das kann sinnvoll sein, wenn zum Beispiel Athleten mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Diese mentale Frustration kann so weit gehen, dass sie die Liebe zum Sport verlieren. Da kann eine Auszeit helfen, um Distanz zu gewinnen und mit einem frischen Kopf wieder zu starten.
Zum Abschluss eine persönliche Frage: Welches war für Sie das beste «Comeback» aller Zeiten?
Es gibt viele eindrückliche «Comebacks». Das Neueste ist sicherlich das von Lindsey Vonn, die nach fünf Jahren Absenz mit 40 Jahren und einer Knieprothese wieder in der Weltspitze mitfährt. Als Mediziner ist für mich das «Comeback» von Niki Lauda, nur 46 Tage nach seinem Unfall, bei dem er beinahe gestorben wäre, sehr beeindruckend.
Zur Person
lug. Pascal Molteni ist in Sissach aufgewachsen und hat in Basel Medizin studiert. Seine Ausbildung, unter anderem in Innerer Medizin, Chirurgie und Orthopädie, absolvierte er im Raum Zürich. Die sportmedizinische Ausbildung erfolgte im Raum St. Gallen unter Patrik Noack und Hanspeter Betschart. Neben seinem Facharzttitel in «Innerer Medizin» hat er einen Schwerpunkttitel in «Sport- und Bewegungsmedizin».
Nach weiteren Stationen, unter anderem im Kantonsspital Liestal, leitet der 37-Jährige heute die «praxismolteni» in Sissach, welche er von seinem Vater übernommen hat. Zudem ist er als Verbandsarzt von Swiss Ski im Einsatz. Dabei begleitet er Langlauf-Rennen vor Ort, koordiniert medizinische Behandlungen und betreut in seiner Praxis in Sissach Athleten aus verschiedenen Sportarten. Er ist Familienvater und war früher im Tennis aktiv.

