«Man muss mental stark sein»
28.04.2026 Bezirk Sissach, Politik, GelterkindenBundesrätin Karin Keller-Sutter im «Volksstimme»-Nachtcafé
Im «Volksstimme»-Nachtcafé in Gelterkinden zeigte sich Finanzministerin Karin Keller-Sutter nahbar und reflektiert. Sie sprach über ihren Aufstieg, Rückschläge, private Belastungen und darüber, wie sie in hektischen ...
Bundesrätin Karin Keller-Sutter im «Volksstimme»-Nachtcafé
Im «Volksstimme»-Nachtcafé in Gelterkinden zeigte sich Finanzministerin Karin Keller-Sutter nahbar und reflektiert. Sie sprach über ihren Aufstieg, Rückschläge, private Belastungen und darüber, wie sie in hektischen Zeiten abschalten kann.
Pascal Kamber
Gemeinderätin, Kantonsrätin, Regierungrätin, Ständerätin und schliesslich Bundesrätin: Karin Keller-Sutter hat eine steile politische Karriere hingelegt. Ursprünglich sei diese Laufbahn gar nicht so geplant gewesen, wie sie am vergangenen Donnerstag im «Volksstimme»-Nachtcafé verriet: «Nach meiner Wahl 1996 in den St. Galler Kantonsrat habe ich mit meinem Mann abgemacht, dass ich nicht mehr als dieses Amt machen werde.» Mit Anekdoten wie diesen hatte Karin Keller-Sutter im Marabu in Gelterkinden das zahlreich erschienene Publikum schnell auf ihrer Seite.
Generell gab sich die 62-jährige Magistratin aus der Ostschweiz, der der Ruf einer «Hardlinerin» vorauseilt, nahbar: Vor dem Gespräch mischte sie sich unters Publikum und posierte für das eine oder andere Selfie. «Leute zu treffen, ist immer etwas Erfreuliches», erzählte Keller-Sutter später auf der Bühne im Gespräch mit Moderatorin Anita Crain. Der Kontakt mit Menschen sei Teil eines abwechslungsreichen und vollgetakteten Alltags als Bundesrätin. Diesen wie von Crain vorgeschlagen mit einer Kamera zu filmen, wäre dennoch ziemlich langweilig, fand Keller-Sutter: «Wir arbeiten einfach.»
Schon früh lernte Keller-Sutter, sich zu behaupten. Als Nachzüglerin musste sie sich in der Familie gegen ihre drei viel älteren Brüder durchsetzen. Und Tochter eines Wirtepaars zu sein, bezeichnete sie als Lebensschule. «Wegen des Restaurants hatten meine Eltern wenig Zeit. So habe ich gelernt, selber etwas zu machen.» Als Kind habe sie gerne gelesen, gebastelt und gestrickt. «Zuerst wollte ich Tierärztin werden, später Archäologin, nachdem wir uns in der Schule mit Hieroglyphen befasst hatten», erinnerte sich Keller-Sutter. Nur eines sei für sie immer klar gewesen: Weiter zur Schule gehen. Das schien ganz nach dem Gusto von Vater Walter: «Er war sehr konservativ, fand aber, dass seine Tochter selbstständig und nicht von jemandem abhängig sein sollte. Das hat super funktioniert.»
Aufstieg und Niederlage
Als Gemeinde- und Kantonsrätin in ihrem Heimatort Wil schaffte Karin Keller-Sutter im März 2000 den Sprung in den St. Galler Regierungsrat. Ende Mai 2012 trat die FDP-Politikerin aus der Exekutive zurück, nachdem sie ein halbes Jahr zuvor in den Ständerat gewählt wurde. «Ich habe nie bewusst auf ein Ziel hingearbeitet», sagte Keller-Sutter. Obschon ihr politischer Werdegang einer Bilderbuchkarriere ähnelt, blieb sie nicht vor Rückschlägen verschont. Im September 2010 kandidierte Keller- Sutter erfolglos für den frei werdenden Sitz von Hansrudolf Merz im Bundesrat. Das Parlament wählte stattdessen Nationalrat Johann Schneider-Ammann in die Landesregierung. «Es war schwierig, gegen jemanden von innen anzutreten. Ich kam von aussen und war in Bern noch nicht so gut vernetzt», sagte Keller-Sutter.
Damals vermutete sie nach der Niederlage ein abgekartetes Spiel und sagte in einem Interview, dass «ich nur dazu da war, das Wahlticket der Partei aufzuhübschen». Dabei stören sie diese typischen Mann-Frau-Bilder, wie Keller-Sutter in Gelterkinden betonte: «Entscheidend ist für mich die Chancengleichheit. Ich sehe mich aber nicht als Feministin. Das ist ein Begriff, der von linker Seite geprägt ist.»
Im Dezember 2018 klappte es für die gelernte Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin schliesslich doch noch mit der Wahl in den Bundesrat. Nach vier Jahren als Justizministerin waltet sie seit 2023 als Finanzministerin – und steht noch mehr im Rampenlicht: «Nicht alle sind für die Exekutive geeignet. Man wird nicht selten durch den Kakao gezogen. Um das zu ertragen, braucht es mentale Stärke.» Sie habe aber gelernt, mit dieser Exponiertheit umzugehen.
Und dass sich auch eine Bundesrätin nicht alles gefallen lassen muss, bewies Keller-Sutter Anfang April, als sie eine Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht hatte – wegen mutmasslicher Verleumdung und Beschimpfung auf dem Kurznachrichtendienst «X». «Das Umfeld hat sich seit meinem Einstieg in die Politik verändert. Die Geschwindigkeit ist viel höher, und dann gibt es die Sozialen Medien. Vor 30 Jahren haben wir noch gefaxt», sagte die studierte Politikwissenschaftlerin.
Boxen als Ausgleich
Auch privat machte Karin Keller-Sutter zuletzt schwierige Phasen durch. Nachdem sich ihr Mann Morten Keller einem Eingriff am Herz unterzog, litt er unter Panikattacken. Just in jener Zeit, als die Credit-Suisse zusammenfiel und die Finanzministerin mit der Bankenrettung beschäftigt war. «Ich konnte ihm nicht richtig helfen, das war nicht einfach für mich», erzählte Keller-Sutter. Ähnlich erging es ihr im vergangenen Oktober, als ihr 13 Jahre älterer Bruder starb: «Das war ein Verlust, aber ich musste funktionieren und hatte keine Zeit zu trauern.» Und trotzdem: «Wenn der Tod auf diese Weise näher kommt, beginnt man zu überlegen, was einem wichtig ist.»
Um für den hektischen Alltag als Bundesrätin gewappnet zu sein, setzt Karin Keller-Sutter auf genügend Schlaf – und auf Boxen. «Ich bin nicht der Typ fürs Fitnessgerät», sagte sie und schmunzelt, «ich wollte aber etwas Körperliches machen, weil man als Bundesrätin dauernd im Büro sitzt.» Wettkämpfe seien keine vorgesehen, sie trainiere vornehmlich Technik, Drill und Konzentration. Ob sich «KKS», die in ihrer Freizeit gerne Punk-Musik hört, so im Bundeshaus mehr Respekt verschafft? «Ich denke nicht, dass die anderen Politikerinnen und Politiker deswegen Angst vor mir haben. Ausserdem habe ich wenig Kraft, die Einkäufe muss immer noch mein Mann tragen», sagte die Bundespräsidentin von 2025.
Härte, Wille und Durchschlagskraft sind nicht nur im Boxring, sondern auch auf der internationalen Politikbühne willkommene Attribute. Zum Beispiel dann, wenn man Verhandlungen mit US-Präsident Donald Trump führen muss. «In der Regel laufen solche Gespräche sehr professionell und zivilisiert ab», sagte Keller-Sutter, «aber manchmal ist es schon so, dass die Chemie nicht stimmt.»
Nach rund einer Stunde neigte sich das Gespräch im Marabu dem Ende zu. Auf die Frage, welche Pläne sie nach der Zeit als Bundesrätin verfolge, meinte Karin Keller-Sutter bescheiden: «Ich freue mich darauf, keine Termine mehr zu haben.» Und was soll dereinst die Nachwelt über Bundesrätin Karin Keller-Sutter sagen? «So wichtig ist mir das nicht. Wenn die Menschen finden, dass ich Haltung gezeigt und Werte vertreten habe, bin ich schon zufrieden.» Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, bleibt offen. Zumindest den Besucherinnen und Besuchern im Marabu dürfte der Auftritt in positiver Erinnerung bleiben: Sie dankten mit lang anhaltendem Applaus.



