Kopfrechnen
03.03.2026 Persönlich«Und die letzten fünf … macht dreiundsechzig …». «Vierundneunzig!», rief Werni, der unsere Jass-Runden im «Hirschen» oft als Zaungast verfolgte, dann wie aus der Pistole geschossen. Oder «Neunundzwanzig!», wenn das erste ...
«Und die letzten fünf … macht dreiundsechzig …». «Vierundneunzig!», rief Werni, der unsere Jass-Runden im «Hirschen» oft als Zaungast verfolgte, dann wie aus der Pistole geschossen. Oder «Neunundzwanzig!», wenn das erste «Schieber»-Paar auf 128 gekommen war, oder «Achtundsiebzig!» bei 79. Egal, welche Zahl genannt wurde, Werni rief die Differenz zu 157, dem Wert des ganzen Kartenspiels, im Bruchteil einer Sekunde aus seinem Oberstübchen ab, ohne nachdenken zu müssen. Damit verblüffte er uns immer wieder, denn er war nicht mehr der Jüngste und trank mehr, als seinen grauen Zellen guttat.
Heute bewundere ich Werni noch mehr als vor gut 30 Jahren, als es ihn – unseren «Göpf» – und den Jass im «Hirschen» noch gab. Denn die Zahlenpaare, die 157 ergeben, gibt mein Hirn nur widerstrebend her, meinen Kartenstapel muss ich drei- bis viermal durchzählen, bis ich zweimal aufs gleiche Ergebnis komme. Damit meine Jassfreunde das nicht mitbekommen, nuschle ich beim Zählen vor mich hin und sage erst am Ende laut verständlich: «Macht dreiundsiebzig». Um Beweismittel zu vernichten, werfe ich die Karten zu den restlichen in der Tischmitte.
Dabei hat mir das Kopfrechnen früher Freude gemacht. In der Primar sass das Einmaleins nahezu perfekt. Nur 7×8 wollte nicht in meinen Kopf. Oder war es 8×7? In der Schlange an der Migros-Kasse habe ich die Preise der Waren im Wägeli zusammengezählt, um sicherzugehen, dass ich genügend Geld dabei habe. Und mich gefreut, wenn die Kassiererin auf die gleiche Summe kam. Und geschwitzt, als ich mich zu meinen Ungunsten verzählt hatte. Heute verliere ich beim Addieren nach dem dritten Artikel die Übersicht, und durch das ständige Bezahlen mit der Karte weiss ich nicht einmal mehr, was ein Liter Milch oder ein Pfünderli Brot kostet. Das aber ist eine andere Geschichte.
Der bargeldlose Zahlungsverkehr hat das Rechenzentrum in meinem Hirn verkümmern lassen. Mitgeholfen haben sicher auch der allzeit griffbereite (und zuverlässigere) Taschenrechner auf dem Handy und Online-Rezeptbücher: Früher wandte ich den Dreisatz, den mir mein Kaufmännisches-Rechnen-Lehrer Herrmann als mathematische Allzweckwaffe in meinen Wissensrucksack gesteckt hatte, mühelos an, wenn die Rüeblitorte nicht zwölf, wie im Rezept, sondern nur acht Mäuler stopfen sollte. Jetzt klicke ich viermal auf das Minus-Symbol und erhalte ohne Anstrengung die neuen Zutatenmengen aufs Drittel Ei genau.
Richtig zu denken gab mir, als mich kürzlich jemand nach meinem Alter fragte. Anstatt sofort antworten zu können, rechnete ich viel zu lange nach: 100 minus 69 plus aktuelles Jahr minus 2000. Ich machte mich erst noch älter, da ich noch nicht Geburtstag hatte. Diese Blösse will ich mir nie wieder geben. Ich werde mein Hirn trainieren: Memory spielen, Sudokus und Kreuzworträtsel lösen, Einkaufslisten merken. Falls sich das als zu anstrengend erweisen sollte, bliebe immer noch die bewährte Methode vom Jassen: Schätzen.
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

