Ich bin keine Fasnächtlerin. Ich stehe zwar am Strassenrand, weiche betrunkenen Guggenmusikanten aus und versuche, nicht aus Versehen in einem Schissdräckzügli mitzumarschieren. Im April finde ich dann noch Konfetti in meiner Jackentasche – ein kleines, leicht muffiges ...
Ich bin keine Fasnächtlerin. Ich stehe zwar am Strassenrand, weiche betrunkenen Guggenmusikanten aus und versuche, nicht aus Versehen in einem Schissdräckzügli mitzumarschieren. Im April finde ich dann noch Konfetti in meiner Jackentasche – ein kleines, leicht muffiges Souvenir der fünften Jahreszeit.
Aber mitfeiern? Nein. Ich bin eher die stille Beobachterin am Rand. Die, die sich insgeheim fragt, ob man eigentlich einfach nach Hause gehen kann, wenn man möchte, oder ob das als kulturelle Blasphemie gilt.
Die vergangenen zwei Jahre war ich immerhin mit einem offiziellen Auftrag unterwegs – mit Kamera und Presseausweis für die «Volksstimme». Das hat einiges verändert. Nicht meine Begeisterung für die Fasnacht als solche, aber meinen Blick darauf. Denn wer mit der Kamera durch den Umzug in Sissach läuft, schaut anders hin. Man sucht das Bild, den Moment, das Kostüm, das eine Geschichte erzählt. Und plötzlich sieht man überall Geschichten.
Ein angenehmer Nebeneffekt der Fasnachtsplakette: Man wird nicht gestopft. Wer dann noch eine Kamera vor das Gesicht hält, signalisiert ein indirektes Stopfverbot. Dass mir trotzdem das eine oder andere Mal jemand Konfetti ins Gesicht geblasen hat, nun ja.
Keine Fasnächtlerin hin oder her, gestern beim Umzug bin ich wie jedes Jahr schwer beeindruckt: die schiere Menge an Arbeit, die hinter all dem steckt. Nicht nur hinter den Kostümen, sondern hinter dem ganzen Anlass. Die Wagen, die Wochen vorher in irgendwelchen Garagen und Scheunen entstanden sind. Die Guggenmelodien, die seit Oktober geprobt werden. Die Zeedel, die jemand in langen Winternächten getextet hat. Die Larven, die mit Gips abgeformt, bemalt und poliert wurden. Und dann natürlich die Kostüme.
Da stehen zehn Frauen in makellos dekorierten Barilla-Schürzen, Farfalle-Schleifen im Haar, Penne als Kette um den Hals. Daneben ein Paar in aufwendigen Fantasy-Rüstungen, jede Niete einzeln gesetzt, jede Feder sorgfältig platziert. Zwei Steampunk-Enthusiasten mit Zahnrädern am Zylinder: Diese Menschen konstruieren mittelalterliche Ritterrüstungen aus Schaumstoff und Acrylfarbe, entwerfen ganze Bühnenbilder auf fahrbaren Untersätzen – und das alles ehrenamtlich, nach der Arbeit, in der Freizeit, bei schlechtem Novemberlicht in der Garage.
Der Geist der Fasnacht. Sogar ich spüre ihn in diesen Momenten. Ich werde nächstes Jahr wieder am Rand stehen. Zwar ohne Kostüm, ohne Larve – aber mit offenen Augen für all die Menschen, die monatelang nähen, basteln und proben, damit wir einen Moment lang staunen dürfen. Das ist, finde ich, das Mindeste, was ich tun kann.
Melanie Frei, Redaktorin «Volksstimme»