Keine Lust mehr auf zu viel Arbeit Liestal
05.03.2026 Bezirk LiestalPodium zu akuten Nachwuchssorgen in der Hausarztmedizin
Der Baselbieter Gesundheitsdirektor Thomi Jourdan (EVP) diskutierte mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Medizin über die Probleme der Hausarztmedizin. Dabei ging es auch um Massnahmen, die den Beruf attraktiver machen ...
Podium zu akuten Nachwuchssorgen in der Hausarztmedizin
Der Baselbieter Gesundheitsdirektor Thomi Jourdan (EVP) diskutierte mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Medizin über die Probleme der Hausarztmedizin. Dabei ging es auch um Massnahmen, die den Beruf attraktiver machen sollen.
Tobias Gfeller
«Der Hausärztemangel ist ein riesiges Problem», stellte Lukas Rist, CEO des Kantonsspitals Baselland (KSBL), in seiner Begrüssungsansprache am Dienstagabend im «Elefantehuus» der Genossenschaft Elektra Baselland klar. Viele bestehende Hausärztinnen und Hausärzte werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Der Nachwuchs sei in weiter Ferne, warnte Rist eindringlich. Mit der Podiumsdiskussion wollte das KSBL die Thematik grundsätzlicher betrachten, unabhängig von aktuellen politischen Themen.
Andreas Zeller, Leiter Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel, untermauerte in seinem Inputreferat die mahnenden Worte von Lukas Rist mit konkreten Zahlen aus der letztjährigen Workforce-Studie, einer seit 2010 alle fünf Jahre durchgeführten Befragung von Hausärztinnen und Hausärzten im Kanton Baselland. Das Durchschnittsalter der Baselbieter Hausärztinnen und Hausärzte liege aktuell bei 51,8 Jahren.
Praxisassistenz als Königsweg?
Der Anteil der über 60-Jährigen ist derart hoch, dass es in den kommenden Jahren zu einem regelrechten Wegbrechen an Angeboten in der Hausarztmedizin und damit an Kompetenzen und Erfahrungen kommen wird. Viele Hausärztinnen und Hausärzte machen sich Sorgen um ihre Nachfolge, betonte Zeller. Die Hausarztmedizin sei ein gesundheitspolitisch gewichtiger Faktor. «Hausärzte decken 94 Prozent der Fälle ab und kosten nur gerade 8 Prozent der gesamten Gesundheitskosten in der Schweiz.»
Als Störfaktor und Auslöser von Stress und Unzufriedenheit und folglich von Berufsausstiegen werden von Befragung zu Befragung häufiger der wachsende Administrationsaufwand und damit die Bürokratie genannt, erklärte Zeller. «Die sinnlose Arbeit hat um 20 Prozent zugenommen», monierte auch Carlos Quinto, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH und Vertreter der Ärztegesellschaft Baselland.
Neben dem Abbau dieser Störfaktoren nannte Andreas Zeller die Aus- und Weiterbildung im Rahmen der Praxisassistenz als wichtigstes Instrument, um für den nötigen Nachwuchs in der Hausarztmedizin zu sorgen. Diese vom Kanton mitfinanzierten Stellen gewähren jungen Ärztinnen und Ärzten im Rahmen ihrer Ausbildung mehrmonatige Erfahrungswerte in Hausarztpraxen. Im schweizweiten Vergleich pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner hinkt das Baselbiet mit sieben solchen Praxisassistenzstellen hinterher.
Genauso wichtig für angehende Hausärztinnen und Hausärzte ist das Rotationsprinzip innerhalb des Kantonsspitals Baselland, damit diese einen praktischen Einblick in verschiedene Fachbereiche erhalten. «Wer Nachwuchs will, muss Weiterbildung dort finanzieren, wo Hausarztmedizin tatsächlich stattfindet: in der Hausarztpraxis», bekräftigte Andreas Zeller.
Gesundheitsdirektor Thomi Jourdan unterstrich die Bedeutung der Praxisassistenz: «Rund zwei Drittel jener, die eine solche Praxisassistenz gemacht haben, bleiben in einer Hausarztpraxis.» Es sei wichtig, dass noch mehr in diese Ausbildungsform investiert werde, so Jourdan. Dazu sei er bereit, versicherte der EVP-Regierungsrat. «Die Grundversorgung ist das Rückgrat der Gesamtversorgung der Bevölkerung.» Gerade in den Tälern werde aufgrund der Alterung der Bevölkerung der Bedarf an medizinischer Versorgung zunehmen, so Thomi Jourdan.
Ansprüche wandeln sich
Eliška Potluková, Chefärztin Klinik Innere Medizin und Leiterin Universitäres Zentrum Innere Medizin am Kantonsspital Baselland, ergänzte, dass nicht noch mehr Assistenzstellen abgebaut werden dürften, um die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte nicht zu gefährden. Christian Gürtler, Hausarzt und Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH und Vorstand Hausärztinnen und Hausärzte beider Basel, gab ebenfalls den Mahner. «Wir haben über 40 Prozent Ärzte aus dem Ausland. Wir profitieren vom Ausland. Wir müssen schauen, dass wir unseren eigenen Nachwuchs fördern.» Auch müsse man dem Nachwuchs die Angst nehmen und das Positive am Beruf hervorheben, anstatt zu viel zu jammern.
In der Diskussion über sich verändernde Bedürfnisse und Ansprüche des Nachwuchses war man sich einig, dass die Forderungen nach einer abnehmenden Arbeitsbelastung sowie nach mehr Optionen für Teilzeit zur verbesserten Vereinbarung von Beruf und Familie gerechtfertigt sind. «Die Leute wollen einfach nicht mehr 50 Stunden arbeiten», betonte Eliška Potluková. Mit attraktiveren Arbeitsbedingungen verbleiben Ärztinnen und Ärzte länger im Beruf, ist Andreas Zeller überzeugt.
Zwei angehende Ärztinnen im Publikum, die bei Silvana Romerio Bläuer in der Gemeinschaftspraxis Bachtanne Oberdorf gearbeitet haben, stimmten in Sachen Arbeitsbelastung, der Bedeutung der Praxisassistenz und des Rotationsprinzips beim KSBL den Podiumsteilnehmenden zu. «Die junge Generation soll verstehen, was schön ist am Job», sagte eine der beiden.

