Johannes Rudolf Gunzenhauser – Visionär
31.07.2026 SissachSerie Themenweg (5): Vom Handwerk zur industriellen Fabrikation
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die ...
Serie Themenweg (5): Vom Handwerk zur industriellen Fabrikation
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des historischen Rundgangs. Heute: Handwerk und Industrie.
Robert Bösiger
Die Geschichte der Firma GF JRG zeigt, wie aus einem kleinen Handwerksbetrieb dank Innovation, Weitblick und unternehmerischem Geschick ein weltweit tätiges Unternehmen wird. Treibende Kraft ist der Rotgiesser und Unternehmer Johannes Rudolf Gunzenhauser (1873 – 1958).
Wir schreiben den 27. Juli 1873. In Sissach erblickt Johannes Rudolf Gunzenhauser als drittes Kind von Johannes Rudolf (1835 – 1884) und Elisabeth Gunzenhauser-Kern (1838 – 1876) das Licht der Welt. Er wird Bertha Graf (1876 – 1927) heiraten. Die fünf Kinder des Paars werden in dem 1899 gekauften «Haus am Bach» (heute Hauptstrasse 85) geboren. Das älteste Kind, Bertha (1901 – 1974), zieht mit ihrem Mann nach Rheinfelden. Sohn Johannes Rudolf stirbt 1904 kurz nach der Geburt an einer Hirnhautentzündung. In Sissach bleiben die drei Brüder Hans (1906 – 1983), Rudolf (1912 – 2002) und Ernst (1916 – 2008); diese drei werden es schliesslich sein, die ab Ende der 1920er-Jahre das Gesicht der JRG Gunzenhauser AG entscheidend mitprägen.
Ohne den Vater Johannes Rudolf Gunzenhauser indes hätte es die heutige GF JRG wohl nie gegeben. Nach den Schuljahren in Sissach und der Bezirksschule in Böckten lässt sich Johannes Rudolf, genannt Hans, zum Holz- und Metalldreher ausbilden. In der Schule ist er zwar Klassenprimus, muss die Berufsschule aber vorzeitig verlassen, weil er einen Lehrer geschlagen hat. Danach absolviert er eine Weiterbildung an der Gewerbeschule Basel und bildet sich in Basel, Bern und in der Romandie weiter aus zum Rotgiesser, Mühlebauer und Installateur.
Er kehrt nach Sissach zurück und wird im Jahr 1899 zunächst Brunnmeister. Um die Jahrhundertwende erwirbt der Allround-Handwerker die durch Rotgiesser Jakob Mangold 1887 gegründete kleine Metallgiesserei mit mechanischer Werkstätte an der Hauptstrasse 85 zwischen dem Hotel «Sonne» und dem Diegterbach.
Gunzenhauser revidiert Wasserräder und Getriebe von Sägereien und Mühlen (so auch das Mühlenrad in Oltingen), flickt Automobile und Maschinen und fertigt Teile zu deren Reparatur. Und er führt das Giessereihandwerk seines Vorgängers Jakob Mangold weiter. Gegossen wird übrigens in der alten Waschküche direkt unter der Wohnstube. Als Brunnmeister (bis 1927) stellt er ab 1918 serienmässig Wasserarmaturen her. Weil die Bude aus allen Nähten platzt, verlegt er die Giesserei für ein paar Jahre (von 1921 bis 1935) in die alte Sägerei im Süden Sissachs.
1926 und 27 engagiert sich Johann Rudolf Gunzenhauser als Gemeinderat von Sissach und hilft, den Spengler- und Installateur-Verband Baselland zu gründen. 1918 wandelt er die Giesserei um in eine Armaturenfabrik. Mit neuen Ideen, etwa einem Sicherheitsventil für Boiler und einem patentierten Wassermotor für Waschmaschinen der Cleis AG, macht er seine Firma erfolgreich. Er leitet sie bis ins Jahr 1938, als seine Söhne Hans, Rudolf und Ernst die Führung des Betriebs übernehmen.
«Allround-Geschäft»
Der zweitälteste Sohn Rudolf macht ab 1927 im väterlichen Betrieb eine Berufslehre als Metallgiesser und -dreher. Er hilft zusammen mit Bruder Hans auch tatkräftig mit, als Vater Johannes Rudolf Gunzenhauser mit dem Neubau einer kleinen Fabrik am heutigen Standort im Vorderen Brühl am westlichen Dorfeingang von Sissach beginnt. Die dort stehende «Millionen-Villa» gehörte dem ehemaligen Löwenwirt Ernst Denger. Weil Vater Gunzenhauser für Denger eine Wasserleitung vom «Alpbad» ins Tal baute – Denger konnte somit (wie Buchenhorners «Eptinger») Mineralwasser abfüllen –, konnte er von Denger letztlich die Villa samt Land übernehmen. Denger hatte sich schlicht übernommen.
Im Büchlein «Aufzeichnungen und Momente» berichtet Rudolf Gunzenhauser von der Lehrzeit im väterlichen Betrieb: «Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich von meinem Vater gelernt habe, sonst nirgendwo hätte lernen können.» Die Firma sei nämlich damals nicht nur eine Giesserei gewesen, sondern ein «Allround-Geschäft». Da wurden Modelle hergestellt, Formen und Kerne gemacht, Wasserräder gefertigt, sanitäre Installationen durchgeführt und Maschinen aller Art repariert.
Die Lehrzeit, so Rudolf Gunzenhauser, sei eine schöne, aber auch schwere Zeit gewesen, weil man körperlich hart hat arbeiten müssen. «Es war ja kaum etwas mechanisiert, vor allem in der Giesserei. Jeder Kern und jede Form musste mit dem Handstampfer ausgestampft werden, die Formen mussten in den heissen Trocknungs-Ofen hinein- und wieder herausgetragen werden. Auch den Schmelztiegel musste man zu zweit tragen. Der eine trug und der andere musste tragend giessen. Gleichzeitig haben wir unter der grossen Hitze in der Giesserei gelitten.»
Im Durchschnitt wurden pro Woche sechs Tage zu je 10 Stunden gearbeitet; nicht einmal der Samstagnachmittag war frei. Morgens um 7 Uhr fing das Tagewerk an – ausser an jenen Tagen, an denen gegossen wurde: Um den Ofen richtig anzuheizen, musste man nämlich zwei Stunden früher auf der Matte stehen.
In der kleinen Firma arbeiteten gemäss Aufzeichnungen von Rudolf neben dem Vater und Bruder Hans zwei bis drei Arbeiter sowie ein bis zwei Lehrlinge. Es seien zwischen 600 und 800 Kilo pro Giesstag gegossen worden, sagt er. Zum Vergleich: In der GF JRG werden heute täglich zwischen 7 und 10 Tonnen vergossen. Es sind rund 3000 Tonnen Metall (hauptsächlich Rotguss), die pro Jahr eingeschmolzen und zu Fittings und Armaturen verarbeitet werden.
«Was man nicht weiss, macht einen nicht heiss!», entgegnet Rudolf Gunzenhauser auf die Frage nach den Schadstoffen in der Giessereiluft. Damals habe man halt noch nichts darüber gewusst. Immerhin: «Bei Feierabend hat mich oft das sogenannte Giessereifieber befallen.» Dieses «Fieber» wird durch Zinkoxyd, das ins Blut gelangt, hervorgerufen. Und zwar, weil sich die Blutkörperchen mit Hitze dagegen wehren. So sollen die unerwünschten Bestandteile letztlich wieder herausgeschwitzt werden. Die Giesser seien oft schlotternd im Vorgarten am Zunzgerbach gelegen und hätten literweise Tee getrunken.
Mut und Aufschwung
Die Jahre 1934 und 1935 waren auch für die Schweiz von der Weltwirtschaftskrise geprägt; die Arbeitslosigkeit stieg massiv an. Just in dieser kritischen Zeit begannen Vater Gunzenhauser und seine Söhne Hans und Rudolf mit dem Bau einer Werkstatt im Vorderen Brühl, damit Giesserei und die Fertigung der Armaturen schliesslich unter einem Dach stattfinden konnten. Dazu waren eine grosse Portion Mut und der Glaube an eine gute Zukunft nötig.
Es zeigte sich eindrücklich spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dass sich das Wagnis ausgezahlt hat: Der Wohnungsbau boomte, und die Nachfrage nach Armaturen stieg stetig. Und auch weitere in Sissach domizilierte Firmen wie Cleis Waschmaschinen, Eisen- und Stahlwaren AG, Gebrüder Frech oder Rauscher & Stoecklin spürten den wirtschaftlichen Aufschwung.
Die zweite Generation Gunzenhauser – Hans und Rudolf – führte die Armaturenfabrik in erfolgreiche Zeiten. Rudolf ging «uf d Räis», machte landesweit die Kundenbesuche bei den Spenglermeistern und Installateuren. Und Hans leitete die Produktion am Ort. Der Firmengründer, Vater Johannes Rudolf Gunzenhauser, arbeitete noch lange im Betrieb mit. Mit dem Eintritt seines jüngsten Sohnes Ernst wandelten die Gebrüder Gunzenhauser die Kollektivgesellschaft in eine Aktiengesellschaft um. Gleichzeitig erweiterten sie den Betrieb sukzessive um eine grosse Giessereihalle (1956) und einen Neubau für Fertiglager, Spedition und Verwaltung (1962).
Rezession durch Ölkrise
In den 1970er-Jahren trat nach und nach die dritte Generation Gunzenhauser in die JRG ein. Der Umsatz lag damals bei rund 12 Millionen Franken; für rund 1 Million Franken wurde exportiert. Eine automatisierte Giesserei wurde gebaut und 1974 eine Rekordproduktion eingefahren.
Die dritte Generation übernahm nun die Verantwortung: Jacques Gunzenhauser (1941 – 2022) fungierte als Verwaltungsratspräsident und kaufmännischer Leiter, Johannes Rudolf Gunzenhauser (geboren 1945) war Geschäftsführer und Produktionsleiter. Und Peter Gunzenhauser (1948 – 2002) war zuständig für den Verkauf Schweiz. Jürg Gunzenhauser, Sohn von Ernst Gunzenhauser, zeichnete verantwortlich für die Entwicklungsund Konstruktionsabteilung.
Durch die Rezession infolge der Ölkrise von 1973/74 war auch die JRG zu einem dramatischen Personalabbau (von 210 auf 160 Mitarbeitende) gezwungen. Zu dieser Zeit habe man verzweifelt nach neuen Märkten und neuen Produkten gesucht, sagt Johannes Rudolf («JR») Gunzenhauser. Da sei das innovative Rohr-in-Rohr-System «Sanipex» gerade recht gekommen. Dieses Produkt habe sich rasch durchgesetzt, auch dank der Hilfe der treuen Kundschaft. Die Sissacher Sanitärfirma John zum Beispiel habe sofort auf Sanipex gesetzt. Dank der stark steigenden Produktion habe die JRG nun in modernste Maschinen und Informatik sowie in Gebäude investieren können.
Im Jahr 1987 feierte die JRG – mit ihren damals 250 Mitarbeitenden grösster Arbeitgeber in der Gegend – das 100-jährige Bestehen. Das einstige Handwerksbudeli war zu einem Industrieunternehmen herangewachsen und hatte für Sissach und die ganze Region eine enorme Bedeutung erlangt.
Zukunft im GF-Konzern
Zum 120-Jahre-Firmenjubiläum erwirtschaftete die JRG einen Umsatz von mehr als 120 Millionen Franken und einen sehr hohen Gewinn – bei einem Exportanteil von beinahe 60 Prozent. Die Meldung Ende August 2008, wonach das Sissacher Traditionsunternehmen JRG Gunzenhauser AG mit damals rund 400 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 120 Millionen Franken an den weltweit tätigen Georg-Fischer-Konzern mit Sitz in Schaffhausen verkauft wird, war ein Paukenschlag. Gleichzeitig markierte dieser Schritt das Ende der erfolgreichen Familientradition Gunzenhauser.
Heute – bald zwei Jahrzehnte danach – zeigt sich, dass der Verkauf wohlüberlegt war. Erstens. Und zweitens, dass er sowohl für die JRG als auch für die Arbeitnehmenden und die Standortgemeinde Sissach einen Segen bedeutete.
Paul von Arx – Erfindergeist im Blut
rob. Ein zweiter ausführlicher Text dieser Themenweg-Station widmet sich Paul von Arx (1913 – 1998). Er war Mechaniker, Unternehmer und vor allem ein aussergewöhnlich produktiver Erfinder. Schon früh trieb ihn der Wunsch an, technische Probleme mit eigenen Lösungen zu beheben. Nach seiner Mechanikerlehre im väterlichen Betrieb gelang ihm in den 1930er-Jahren mit den Metall-Dichtungsbändern «Hermetall» der erste kommerzielle Erfolg. Den wirtschaftlichen Ertrag investierte er konsequent in den Ausbau seiner Werkstatt und in die Entwicklung weiterer Innovationen. Im Laufe seines Lebens entwickelte Paul von Arx 174 Erfindungen und meldete 84 Patente an. Zu seinen bekanntesten Entwicklungen zählt die Nagelpistole zur Entrostung von Stahloberflächen, die weltweit unter anderem an Brücken und am Eiffelturm eingesetzt wurde. Ebenso international verbreitet waren die Präzisions-Blechscheren seiner Maschinenfabrik. Im Jahr 1957 gründete er am östlichen Dorfeingang von Sissach die Maschinenfabrik von Arx, aus der ein international tätiges Unternehmen hervorging.
Sein Erfindergeist beschränkte sich nie auf ein einzelnes Fachgebiet. Er entwickelte unter anderem Rohrreinigungs- und Fräsmaschinen, Flugzeug-Sicherheitssysteme, einen Brückenpanzer für die französische Armee sowie zahlreiche weitere technische Lösungen. Selbst im Pensionsalter arbeitete er an neuen Konstruktionen. Für Paul von Arx war Erfinden keine Berufstätigkeit, sondern eine Leidenschaft – überzeugt davon, dass man den Erfindergeist «im Blut haben» müsse.
Die ausführliche Fassung dieses Beitrags gibt es über den QR-Code auf dem Stein im Gewerbegebiet Netzen bei der Zufahrt zum Gemeindewerkhof.



