Hören Strassen eigentlich auf?
10.03.2026 PersönlichEigentlich bin ich recht gut darin, nicht gleich überzureagieren, wenn unser Nachwuchs etwas gut macht. «Der Fanclub ist wieder im Einsatz», pflege ich zu sagen, wenn Grossmutter und Tanten meiner Kinder nicht aus ihrem Lobgesang herauskommen. «Die redet nicht nur, die macht ...
Eigentlich bin ich recht gut darin, nicht gleich überzureagieren, wenn unser Nachwuchs etwas gut macht. «Der Fanclub ist wieder im Einsatz», pflege ich zu sagen, wenn Grossmutter und Tanten meiner Kinder nicht aus ihrem Lobgesang herauskommen. «Die redet nicht nur, die macht richtig gute Sätze. Und erst die Wortwahl!» «Hast du die Hopserhüpfen gesehen? Das können viele noch im Schulalter nicht.» «Nei jetz lueg emol, wie der ausmalt. Kein Strich über die vorgedruckte Linie hinaus!» Ich denke dann eher: Naja, einen Vergleich zu anderen Kindern im jeweiligen Alter habe ich nicht. Und: Das ist immer noch Buschisprache. Der Hopserhüpfer hat gerne mal den Gluggsi und dass da keine Farbstiftstriche über die gedruckte Linie hinausgehen würden, halte ich für eine Aussage, welche die Wahrheit arg zurechtbiegt.
Eigentlich ist das so. Und dann gibt es Tage, an denen ich meine Tochter jederzeit zum Förderkurs XY anmelden würde. Hochintelligent! Überintelligent! Emel sicher klüger als der Vater. Zum Beispiel habe ich die Frage, ob nun das Huhn oder das Ei zuerst war, immer als philosophische Spielerei abgetan. Nie im Leben wäre ich selbst auf die Idee gekommen, mich das zu fragen. Entsprechend war ich jüngst etwas überfordert, als die Vierjährige am Tisch schlüssig herleitete und fragte: «Damit Kinder zur Welt kommen können, braucht es ja Erwachsene. Aber woher kamen dann die Menschen, wenn davor schon Menschen hier sein mussten?» Uff.
Eigentlich war mir da sogar die Frage davor noch lieber gewesen, die zwar auch auf viel Weitblick hinwies, aber etwas einfacher zu beantworten war: «Hören Strassen eigentlich auf?», wollte sie wissen, weil sie ja Strassen überall in Strassen münden sieht. Da konnte ich mir irgendwie noch mit Sackgassen und dem Weglein, das in unserem Garten endet, eine Erklärung zusammenbauen, mit der ein Kinderkopf vielleicht umgehen kann. Aber wenn wir von Genetik, Evolutionsgeschichte und Urknall reden, gibt es ja in meinem erwachsenen und «geschulten» Kopf schon nur Sackgassen – oder gar Holzwege.
Eigentlich müsste ich meine Tochter also an klügere Köpfe verweisen. Nur bin ich noch nicht sicher, ob sie lieber zum vorkindergärtlichen Physik-, Philosophie-, Darwinismusoder Kreationismus-Förderkurs angemeldet werden soll.
Eigentlich. Denn immer wenn ich in meinem Kopf schon dabei bin, den imaginären Mitgliedertalon für den Fanclub meiner Kinder auszufüllen, holen sie mich in die Realität zurück. Denn der filigrane Junior-Picasso, der keine Linien übermalt, wirft ja zuverlässig sein Glas um und auf den Boden. Und die Fragen der angehenden Evolutions-Philosophin sind spätestens seit der Fasnacht meist recht simpel: Können wir etwas Süsses haben? Können wir etwas Süsses haben? Können wir etwas Süsses haben? Können wir etwas Süsses haben?
Sebastian Wirz, Sportredaktor «Volksstimme»

