Goldmedaille fürs mentale Gleichgewicht
13.02.2026 PersönlichFull-full-full: Vor 20 Jahren hat die Baselbieter Skiakrobatin Evelyne Leu in Turin mit drei Saltos und drei Schrauben Olympiagold gewonnen. Wenn Sie heute «Olympia» am Fernseher verfolgt, steigt ihr Puls immer noch an.
Christian Horisberger
Frau ...
Full-full-full: Vor 20 Jahren hat die Baselbieter Skiakrobatin Evelyne Leu in Turin mit drei Saltos und drei Schrauben Olympiagold gewonnen. Wenn Sie heute «Olympia» am Fernseher verfolgt, steigt ihr Puls immer noch an.
Christian Horisberger
Frau Leu, wo bewahren Sie Ihre Goldmedaille von Turin auf?
Evelyne Leu: Die hängt seit 2014 im Wohnzimmer, zusammen mit der Startnummer von Turin und einigen Fotos von damals. Mein Mann und langjähriger Coach hat das so arrangiert. Er fand, es sei kein Zustand, dass sie in irgendeiner Tasche liegt.
Sie siegten vor 20 Jahren in Italien – nun ist die olympische Familie wiederum in Italien zu Gast. Weckt dies mehr Erinnerungen als Olympische Spiele sonst?
Ja, ich habe das Gefühl, diese Spiele jetzt sind mir näher als andere, vielleicht auch, weil es 20 Jahre her ist, dass ich Gold gewonnen habe. Die Emotionen von damals kommen aber bei jeder Winter-Olympiade hoch: Ich weiss, wie es den Athletinnen und Athleten dort geht und fühle mit ihnen.
Sie verfolgen die Spiele also?
Ja, im Fernsehen. Es ist schön, vor allem den Schweizer Teilnehmenden in allen möglichen Disziplinen, ob Freestyle, Eishockey oder Ski alpin, zu folgen. Ganz besonders schön ist es natürlich, wenn sie Medaillen gewinnen. Und es ist bitter, wenn sie so knapp daran vorbeischrammen wie am Dienstag Andri Ragettli mit Platz vier im Slopestyle. Ich hätte ihm eine Medaille so sehr gegönnt.
In derselben Disziplin hat Mathilde Gremaud Gold geholt.
Wie erlebten Sie die Entscheidung?
Ich habe mit ihr mitgefiebert und freue mich sehr für sie. Für mich ist dieser Erfolg eine Art der Genugtuung. Mit Misra Noto, ihrem Trainer, der sie vor den Spielen verliess, um zu ihrer grössten Konkurrentin zu wechseln, hatte ich einst auch schlechte Erfahrungen gemacht. Mathildes Leistung ist umso wertvoller, weil sie die Trennung ausblenden und ihre Leistung abrufen konnte.
Wie hat Olympia-Gold Ihr Leben verändert?
Finanziell bedeutete der Erfolg einen Schub. Durch die 20 000 Franken Prämie von Swiss Olympic, dank Sponsoren und Vorträgen, für die ich gebucht wurde, konnte ich mir ein kleines Polster schaffen, nachdem ich ansonsten als Profisportlerin gerade so über die Runden gekommen war. Damit habe ich nach meinem Rücktritt eine Marketingausbildung finanziert. Für mein mentales Gleichgewicht war der Sieg in Turin sehr wichtig: Ich empfand ihn als Genugtuung. Ohne diesen Sieg wäre ich dem Erfolg ständig hinterhergerannt.
Welchen Einfluss hatte die Goldmedaille auf Ihre weitere Karriere?
Vor den Spielen gab es nur Turin, Turin und noch einmal Turin. Mit dem grössten Erfolg im Sport überhaupt war eine Olympiamedaille kein absolutes Ziel mehr da. Das musste ich suchen, um wieder Spannung aufbauen zu können, um den Sprung nochmals zu verbessern für die nächsten Olympischen Spiele. In Vancouver kam dann aber alles zusammen, was nicht zusammenkommen sollte, und ich schied bereits in der Qualifikation aus.
Wenn Sie die Wettkämpfe Ihrer Disziplin heute verfolgen, kribbelt es noch in den Beinen?
Schon, ja. Aber je länger meine Aktiv-Zeit zurückliegt, desto weniger begreife ich, wie ich das schaffen konnte. Heute betrachte ich die Belastungen, denen der Körper beim Springen ausgesetzt ist, mit anderen Augen. Wenn ich damals merkte, dass ich stürze, spannte ich den Körper an und schützte ihn so. Heute stelle ich mir vor, dass ich nach einem Sturz für eine Woche kaum noch gehen könnte – oder gar nicht mehr aufstehen würde …
Full-full-full: Der Name Ihres Gold-Sprungs mit drei gestreckten Saltos und drei Schrauben war vor 20 Jahren in aller Munde und Ihr Gesicht im ganzen Land bekannt. Sie haben sich äusserlich wenig verändert. Werden Sie noch oft erkannt?
Bei Interclub-Spielen mit meinem Tennisverein werde ich gelegentlich von Mitgliedern gegnerischer Teams angesprochen. Sie haben das Gefühl, mich zu kennen und grübeln, woher. Meist läuft es darauf hinaus, dass sie sich an die Skiakrobatin erinnern. Und nach einem verlorenen Spiel höre ich sie dann sagen: «Gegen eine Olympiasiegerin zu verlieren, ist keine Schande.»
Mit welcher Einstellung gehen Sie auf den Tennisplatz?
Die Wettkampfsituation ist für mich immer noch etwas Cooles, und wenn ich antrete, will ich gewinnen. Der extreme Wille, den ich als Athletin hatte, ist aber nicht mehr vorhanden. Nach dem Spitzensport hatte ich etwas Angst, dass ich die Verbissenheit nicht ablegen kann. Das gelingt mir aber inzwischen recht gut. Ich habe auf dem Platz jedenfalls noch nie ein Racket zertrümmert.
«Aerials» ist eine Disziplin zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Was hat Ihnen dieser fürs Leben beigebracht – gerade als Mutter?
Auch in dieser Rolle versuche ich, die Kontrolle zu behalten, auch wenn das bei den Emotionen, die man als Mutter hat, manchmal schwierig ist. Was mir vom Sport hilft, ist Selbstreflexion: mich zu hinterfragen und mir zu überlegen, was ich besser machen kann, damit die Kinder tun, was ich möchte. Was man im Leistungssport auch lernt, ist, sich in schwierigen Situationen nicht zu verlieren, sondern durchzuhalten.
Ihre Söhne spielen Unihockey und Tennis. Was geben Sie ihnen für den Sport mit auf den Weg?
Die Freude daran. Ich motiviere sie auch, sich im Sport Herausforderungen zu stellen und an Wettkämpfen teilzunehmen, an denen sie siegen oder verlieren können und lernen, mit Niederlagen umzugehen.
Wenn heute eine junge Athletin vor Ihnen steht und sagt: «Ich will Gold» – würden Sie ihr eher Technik, mentale Stärke oder Mut zum Risiko ans Herz legen?
Alles. Man muss ehrlich zu sich sein und beurteilen, wo man Defizite hat, und dort den Hebel ansetzen. Eine gute Selbsteinschätzung ist dabei von Nutzen.
Zur Person
ch. Evelyne Leu ist 49-jährig und lebt mit ihrem Ehemann und zwei Söhnen (13 und 11 Jahre) in Bünzen im Kanton Aargau. Sie stammt aus dem Baselbiet, und als sie 2006 in Turin Olympiasiegerin wurde, lebte sie in Frenkendorf. Während ihrer sportlichen Karriere als Halb- und Vollprofi nahm Evelyne Leu viermal an Olympischen Spielen teil. 2010 trat sie zurück.
Die gelernte Elektromechanikerin absolvierte nach ihrer Sportkarriere eine Marketing-Ausbildung, im Büro hielt es sie aber nicht lange. So machte sie nach der Babypause ihr Hobby, das Tennisspielen, zum Beruf und führt heute in Bremgarten eine Tennisschule.


