Gestern
20.08.2026 Bezirk Sissach, Gesellschaft, Kultur, TennikenZum 800-Jahre-Jubiläum erinnert sich Regisseur Kaspar Geiger an Menschen, Stimmen und Bilder aus dem Dorf seiner Kindheit
Der Tenniker Theaterregisseur Kaspar Geiger (bald 78-jährig) blickt zurück auf sein Dorf. Nicht auf Jahreszahlen und grosse Ereignisse, sondern auf Menschen, ...
Zum 800-Jahre-Jubiläum erinnert sich Regisseur Kaspar Geiger an Menschen, Stimmen und Bilder aus dem Dorf seiner Kindheit
Der Tenniker Theaterregisseur Kaspar Geiger (bald 78-jährig) blickt zurück auf sein Dorf. Nicht auf Jahreszahlen und grosse Ereignisse, sondern auf Menschen, Stimmen und Bilder, die ihm geblieben sind – und auf die Frage, ob das Gestern wirklich besser oder schlechter war.
Kaspar Geiger
Das Gestern kommt, wenn man es ruft, und verschwindet meistens so schnell, wie es aufgetaucht ist. Die meisten lieben das Gestern, weil es sich so formen lässt, wie es einem gefällt. Und beim Zurechtbiegen hilft das Gestern meistens mit, bleibt dabei aber immer flüchtig.
Wie war das Gestern, hier in Tenniken? In vielen Köpfen schwirren die unterschiedlichsten Bilder herum. Gibt es Bilder, die stimmen, und solche, die nicht stimmen? Wohl kaum. Die Bilder von gestern haben sich im Verlauf der Jahre in unseren Köpfen verändert. Worauf können wir uns einigen? Wohl auf nichts, weil die Bilder in so mancher Hinsicht voneinander abweichen. Und zu den Bildern gehört die Erinnerung an Stimmungen, Eindrücke und Geschehnisse. Ist beim Zurückschauen nicht auch immer noch der Versuch mit im Spiel, Vergangenes im Nachhinein zurechtzubiegen? Versuche des Wiedergutmachens.
Bilder von gestern
Wo ist das breite Lachen von ihm, der mit seiner Frau mitten im Dorf wohnte und eine grosse Hühnerschar in seinem Garten hielt? Seine Frau und er waren mit den Tieren freundlich, auch wenn sie die Tiere zum Eigenverzehr schlachteten. So grosse Hände hatte sonst niemand im Dorf, und auch niemand hatte einen so grossen Mund und immer ein breites Lachen im Gesicht. Auch seine Stimme klingt nach. Nicht, dass er nicht darunter gelitten hätte, dass er ausgenutzt wurde. War er zu freundlich, um für seine Rechte einzustehen? Er jedenfalls hatte kein Interesse daran, abends nach dem «Bätzitlüüte» durch die Gassen zu streifen und die noch herumstreunenden Kinder nach Hause zu schicken. Über ihn wurde genug bestimmt, als dass er noch Lust gehabt hätte, über andere zu bestimmen.
Wozu war diese «Bätzitlüüterei» überhaupt nötig? War das zum Schutz der Kinder, die nach dem Glockengeläut draussen nichts mehr verloren hatten? Kinder hatten artig zu sein, sollten kein Aufsehen erregen und wurden früh ins Bett geschickt. Dann war da noch die Schule. Dort wurde den Kindern das Alphabet eingebläut, es gab eine Sitzordnung, die einzig der Lehrer zu bestimmen hatte. Lieder wurden selten gesungen, Geschichten wurden keine erzählt.
Was an Haaren auf den Kinderköpfen wuchs, unterlag klaren Regelungen. Die Haare der Kinder mussten kurz sein und ohne Läuse oder anderes Ungeziefer. Wer nicht zu Hause von der älteren Schwester oder von der Grossmutter geschoren wurde, musste zum Coiffeur nach Zunzgen gehen und sich dort die Haare schneiden lassen. Die Haare der Kinder gehörten den Erwachsenen. Die meisten Männer trugen ihr Haar unter einer Mütze oder einem Hut und viele Frauen trugen Kopftücher. Den Mädchen wurden Zöpfe erlaubt und Rossschwänze. Rossschwänze: was für ein merkwürdiger Ausdruck für eine Frisur auf einem Mädchenkopf.
Der Besuch beim Coiffeur war noch schlimmer als ein Besuch beim Zahnarzt. Manche jungen Frauen knüpften aus ihren Zöpfen einen Ring um den Kopf. Das sah dann aus wie eine Züpfe auf dem Kopf. Krauses Haar war kaum anzutreffen. Im oberen Baselbiet sind die Haare gestreckt, blond oder braun und möglichst unauffällig. Schwarzhaarig war eher die Ausnahme. Nur Männern sprossen im Alter Haare aus ihren Nasenlöchern und Ohrmuscheln. Haare unter den Achselhöhlen waren gut versteckt. Von Haaren an den Beinen war nie die Rede. In den Gesichtern der Männer da und dort ein Schnauz, kaum Bärte, häufig schlecht rasierte Wangen. Stoppeln in den Gesichtern und Stoppeln auf den Feldern ergänzten sich.
Die Stimmen klingen nach
Ein grosser junger Mann legte Wert darauf, immer gut rasiert in Erscheinung zu treten. Ein anderer fiel auf durch seine tiefe Stimme, wollte Sänger werden und beeindruckte im Dorftheater mit seinen blutbeschmierten Händen. Der junge Mann mit roten Haaren und hoher Stimme mied eher die Dorföffentlichkeit. Rote Haare an einem Mann waren nicht von Vorteil. Ein Glück für ihn, dass seine Schwester zu ihm hielt, die junge Frau mit der weichen, freundlichen Stimme. Der andere junge Mann mit roten Haaren hatte als Adoptivsohn weniger Glück: keine Geschwister, als einziges Kind bei einem kinderlosen Ehepaar. Nichts wie weg in die Fremdenlegion!
Wer erinnert sich an die Stimmen von gestern und an jene, die überhaupt eine Stimme hatten, im Dorf? Manche Männer hatten dumpfe Stimmen, vor allem jene ohne rollende R.
Die Stimme des auf dem Pausenplatz vor dem Schulhaus rauchenden Oberstufenlehrers war matt und etwas angekratzt. Die Stimme des dunkelhaarigen Junglehrers fordernd und bedrohlich. Die Stimme von Fridli Guschti unvergesslich, wenn er in die Schule kam und Heuferien verkündete, offen, heiter, den Kindern zugewandt. Noch immer klingen sie nach, die Stimmen jener Arbeiterfrauen, die im Spitz wohnten. Häner Lenis offene Stimme zum Beispiel, wobei jene ihrer Tochter nicht minder ansteckend war, fröhlich, fast schon singend. Unvergesslich auch die sanfte, aber sehr bestimmte feine Stimme der Posthalterin, wenn sie hinter dem Schalter stand und in ruhigem Ton der Kundschaft die Regeln der Post erklärte. Die Stimme der Geschäftsführerin des Usego-Ladens kam mehr aus der Fülle des Körpers und hatte etwas perlend Mitreissendes in ständigem Wechsel zwischen Plaudern und Lachen. Ihr Mann trug die Post in alle Haushalte, und wenn er redete, konnte der Eindruck entstehen, dass er gerade so gut wie ein Opernsänger seine freundlichen Grussworte hätte den Postempfängerinnen und -empfängern vorsingen mögen.
Schmale Lippen waren nicht selten und in erster Linie bei Männern anzutreffen. Schmale Lippen und gepresste Stimmen gehörten zusammen. «Du kannst ja nicht einmal den Besen richtig in die Hand nehmen. Ich zeig dir mal, wie man einen Platz mit einem Besen sauber wischt.» Was für ein Sound aus diesen schmalen Lippen! Niemandem fiel auf, dass es alleinstehende Frauen gab, deren Stimmen männlich tönten. Und niemand machte sich lustig über das feine Stimmchen einer alten Frau, die sich bedankte, wenn sie jeweils am Samstagvormittag ein «Mödeli Angge» bekam. Da gab es alte Frauen, die sassen vor dem Haus auf einer Bank, in sich versunken, und niemand hörte je ihre Stimme. Und bei nicht wenigen Männern schien sich ihre Stimme in ihrem Körper vergraben zu haben. Hin und wieder stieg die Stimme auf und artikulierte dumpf und explosiv zugleich einen Wunsch, einen Tadel, eine Wut.
Wer seine Stimme erhob für oder gegen etwas, der oder die tat dies wohl eher hinter verschlossenen Türen. Rote Lippen, geschminkte Gesichter, offene Münder sah man höchstens, wenn im Schulhaus ein Gotthelf-Stück gespielt wurde. Da wurde laut gestritten, gejammert, geplärrt und geschrien. Ungewohnte Töne von Dorfbewohnern, die man so noch nie zu Ohren bekam. Verstellten sie ihre Stimmen oder waren das ihre echten Stimmen, die sie sonst verborgen hielten?
Wenn die Leute mit ihren Tieren sprachen, kamen andere Töne zum Vorschein. Meistens waren die Zurufe zu den Tieren direkter, offener, warmherziger. Andere Tonlagen mit sich wiederholenden Rhythmen hatten beinahe etwas Musikalisches. Zutrauen erweckende Lockrufe zeigten ihre Wirkung. Wer wäre da nicht gerne ein Tier gewesen, das zur Tränke an den Dorfbrunnen oder auf die nahe gelegene Weide geführt wurde? Die Bäuerinnen und Bauern verstanden das Gemuhe der Kühe zu deuten und fanden entsprechende Tonlagen inmitten von Glockengebimmel und Hufgetrampel. Gegen das Gequietsche der Schweine war kein Kraut gewachsen. Das Gegacker der Hühner und die Kräherei der Hähne beflügelten und unterstützten die arbeitsamen und arbeitsgeplagten Dörflerinnen und Dörfler.
Die Zeit vom Glockenturm
Was war neben den Stimmen sonst noch zu hören? Da kaum jemand eine Uhr besass, waren die Kirchenglocken Zeitorientierung für viele. Zeit zum Aufbruch, wenn ausserhalb des Dorfs auf dem Feld gearbeitet wurde. Die hellklingenden Glocken waren bis weit herum zu hören. Woher wusste die Sigristin, dass es Zeit war für das Zvieri-Geläut? Die Kirchenglocken wurden an Seilen von Hand in Schwung gebracht. Sich in die Seile hängen war das Gebot, vor allem, wenn die Tochter der Sigristin zum Glockenläuten von der Feldarbeit zur Kirche geschickt wurde.
Klatschende Lehrerhände beendeten die Zehn-Uhr-Pause, Lehrerinnenhände gab es keine damals. Beinahe vergessen ging die Trillerpfeife, mit der sich die Lehrkräfte Ordnung verschafften. Die kleinen Glöckchen im Pfeifengehäuse werden herumgewirbelt. Und schon stand die Unterschule nach Grösse geordnet in Reih und Glied. Da wusste wieder jeder und jede, wohin er und sie gehörte, schön sortiert nach Grösse. Die Kleinen kamen sich klein vor und die Grossen kamen sich gross vor und die in der Mitte konnten sich zu den Grossen zählen.
Kleinwüchsigkeit war ein Nachteil innerhalb der Hierarchie der Kinderschar. Und jene, die kräftig waren, galten mehr als Schwächlinge. Und während des Brennballspiels, das in der Zehnuhrpause auf dem Schulhofplatz gespielt wurde, gaben die Knaben, die älteren, wieselflinken Burschen von den Höfen, den Ton an. Es gewannen immer dieselben. Wenigstens durfte beim Mitspielen und Zuschauen beim Brennball laut gerufen und gelacht werden.
Während des Unterrichts durfte man nur sprechen, wenn man dazu aufgerufen wurde. Vielen Kindern, wenn sie zum Sprechen aufgerufen wurden, versagte die Stimme, obwohl sie angehalten wurden, laut zu sprechen. Sprechen auf Befehl funktioniert nicht immer. Stimmengewirr auch, wenn der ganze «Chilchacher» zum Schlittelparadies wurde und die mutigen Skifahrer ganz oben am Waldrand Anlauf holten und sogar noch über die Schanze flogen wie gefährliche Raubvögel.
Das brauchte Mut und den hatten nur wenige. Wenn da genug Schnee auf dem Acker lag, hat der Tomme Fili einen Slalom ausgesteckt, und dann hiess es für alle Rennwilligen, den Parcours möglichst schnell und fehlerfrei runterzubringen. Der Acker hat seine breiten Schultern und all seine Höhen und Tiefen immer grosszügig zur Verfügung gestellt, und der «Pflanzblätz» der Sigristin nahm bei diesem Winterspektakel keinen Schaden.
Als das Dorf zusammenkam
An lauen Sommerabenden ein lustiges Treiben vor dem Pfarrhaus, wenn Jung und Alt Völkerball spielte, bis es dunkel wurde. Manchmal spielte auch der Herr Pfarrer mit. Mit seinen unverhofften Grätschsprüngen war er schwer abzuschiessen. Vor dem Spiel wurden zwei gleich grosse Felder mit Strichen auf dem Boden gezogen. Wer im Feld getroffen wurde, musste in den Himmel und dort Bälle abfangen und zurück ins Feld den noch Lebenden zuspielen. Wo mag dieses Spiel seinen Ursprung haben?
Wenn die zwei stärksten Böcke im alten Feuerwehrmagazin ihre Kräfte massen, stand die Tenniker Jugend im Kreis um die Kämpfenden herum und spornte sie an mit Gebrüll und lauten Zurufen. Feindseligkeiten zwischen den tonangebenden jungen Burschen waren nicht selten, Schlägereien und Pöbeleien auf dem Pausenplatz an der Tagesordnung. Wenn es aber darum ging, eine Fussballmannschaft gegen die Zunzger aufzustellen, waren die Reihen schnell wieder geschlossen. Was für ein Triumph, wenn die Mannschaft aus Zunzgen geschlagen wurde; die Mädchen standen am Rand und feierten die Tenniker Jungmannschaft. Alle durften mitspielen und der Martin wurde zum Matchwinner, weil er alle Zunzger Geschosse zu parieren wusste.
Was das Dorf zusammenhielt, gestern? Zum Beispiel das Mattenfest, das im grossen Zelt am Dorfeingang zu den Höhepunkten des Dorflebens gehörte. Da wurden «Lösli» verkauft, Wurstsalat offeriert, und dazu spielte die Tenniker Dorfmusik und beeindruckte mit wuchtigen Klängen und prächtigen Märschen. Wenn der Sali Fritz vollbackig in sein Horn blies, verzauberte er zusammen mit den anderen Bläsern das ganze Zelt.
Alle waren aus dem Häuschen, niemand mehr im Haus.
Gestern war alles besser?
Den nachtaktiven Insekten konnten die matten Strassenlaternen nichts anhaben. Keine Lichtverschmutzung, keine sinnlos vor sich hin leuchtenden Solarlämpchen in den Vorgärten. Kaum Verkehr im Dorf, dafür Menschen auf den nicht asphaltierten Strassen. Die Kinder durften an den schulfreien Nachmittagen im Dorf herumstreunen, ohne dass Gefahr von Autos drohte. Die Bächlein rund ums Dorf konnten sich ihre eigenen Wege bahnen. Frösche hatten freie Bahn. Und wenn ein voll beladener Heuwagen vor dem herannahenden Gewitter gerade noch den Weg ins Trockene fand, war das ein Spektakel, das man nicht verpassen wollte.
Jeder und jede durfte in diesem Dorf so sein, wie er oder sie wollte. Der «schutzlige» Kleinbauer mit seinen drei Kühen sprach kaum ein Wort, schaute niemandem ins Gesicht und machte einen stets gehetzten Eindruck. Der Frau mit den Ziegen und dem ohrenbetäubend klappernden Webstuhl redete kein Mann in ihr Geschäft und schon gar nicht ins Gewissen. Wer wollte, durfte den Bauern beim Melken ihrer Kühe zuschauen und Futter in die Krüpfen gabeln. Zuschauen, wie die Euter zuerst geputzt und für den Melkvorgang vorbereitet wurden und dann das zischende Geräusch, wenn der erste Milchstrahl in den Kessel schoss.
Dorf mit offenen Türen
Landstreicher durften im Dorf auftauchen und für Gelegenheitsarbeiten beschäftigt werden. Und wenn einer einmal mit einem listigen Trick dem Pfarrer seine beste Kleidung für einen angeblichen Beerdigungsbesuch abluchste, zog das keine Anzeige bei der Polizei nach sich.
Von Vorsicht geprägte Offenheit war die Haltung vieler. Die alte Frau mit ihrer Tochter in ihrer schwarzen Wohnung gehörte zum Dorf genauso wie der aufstrebende Geschäftsmann, der eine Karriere im Bankgeschäft oder in der talansässigen Getränkefirma anstrebte. Als Frau unverheiratet im Dorf zu leben war kein Problem, solange sie keinen Vertrag zu unterzeichnen hatte. Und ein schwuler Mann wurde nicht am Stammtisch verhandelt. Die Sonntage wurden als Feiertage von allen respektiert und der Schützenverein liess es sich nicht nehmen, an einem Sonntag Schiessübungen abzuhalten. Damals war die Kirche noch im Dorf und die Reihen im Gottesdienst gefüllt. Hunde und Katzen liefen frei herum.
Und wenn der Männerchor zusammen mit dem Frauenchor hätte ein gemeinsames Konzert bestreiten können, wäre die Harmonie perfekt gewesen. Doch halt: Einmal hat’s geklappt, der grosse Zusammenzug beider Chöre, als in der Tenniker Kirche zusammen mit der Sopranistin Ursula Buckel die Schöpfung von Haydn aufgeführt wurde. Es war die Zeit, als die alte Landstrasse, die mitten durchs Dorf führte, asphaltiert wurde und die ersten italienischen Gastarbeiter mit offenem Hemdkragen den Dorffrauen charmante Blicke zuwarfen.
Die Winter waren länger und härter, Wellen lagen sorgfältig aufeinander geschichtet vor den Häusern und pünktlich mit dem Beginn der Sommerferien konnte die Heuernte in Angriff genommen werden. Kirschbäume hingen voller Früchte und wenn die eine oder andere Frucht einen Wurm beherbergte, störte das niemanden. Wenn ein Kind zur Welt kam, ging das wie ein Lauffeuer durchs Dorf, auch ohne Handys.
Gestern war alles schlechter?
Wenig Platz in den Schlafzimmern. Zu zweit, zu dritt oder zu viert im selben Zimmer die Nacht zu verbringen, verstärkte das Gefühl der Beengung. Die ungewohnten, schlechten Gerüche in fremden Küchen oder Stuben waren abstossend. Die mit kaltem Wasser notdürftig gespülten Teller rochen noch nach Fett. Mittagessen an fremden Tischen kostete viel Überwindung. Salat mit Zucker gewürzt oder fetthaltiges Fleisch, das man aus lauter Anstand herunterwürgte. Und hinter so mancher Tür versteckte sich Gewalt. Instinktiv merkte man, bei welchen Männern Gewaltbereitschaft lauerte, und nicht selten kamen Kinder mit Flecken verschüchtert zurück in die Gemeinschaft der Kinder. Zorn und auch Jähzorn galten im Stillen als männliche Tugenden. Strafen haben noch nie jemandem geschadet; solche Sätze irrlichterten im Gehirn jener Männer, die zu Hause einen Lederriemen für alle Fälle bereithielten. Wer will es wissen, wie viele Frauen unter den Schlägen ihrer Männer gelitten haben und – noch schlimmer – mit niemandem darüber sprechen konnten? Und wie vielen Frauen war es recht, dass ihre Männer den Kindern Gehorsam einprügelten?
Wo hatte die Schönheit ihren Platz, wo die Poesie, wo war Fantasie gefragt? Das Leben der Erwachsenen war häufig ein Kampf ums Überleben. Da waren die fein geschwungenen Feldwege rund ums Dorf eine Augenweide. Was für elegante Schlangenbewegungen da von den Wegmachern in die Hügel gestochen wurden! Am Aschermittwoch durften die Kinder mit geschwärzten Zapfen ihr Gesicht bemalen und in den Gassen ihr Unwesen treiben. Endlich eine kleine Verwandlung und welche Wonne, wenn der Fasnachtswagen vom Skiklub auf dem Schulplatz landete und dort seine Schnitzelbänke zum Besten gab! Ein Glück, gab es noch die Grimm-Märchen. Nur, wer erzählte den Kindern die Märchen?
War alles besser oder alles schlechter, gestern?
Drei Tage «Hütt für Morn»
vs. An diesem Wochenende steht in Tenniken der Höhepunkt des 800-Jahre-Jubiläums an: Vom Freitag, 21., bis Sonntag, 23. August, feiert das Dorf unter dem Motto «Hütt für Morn». Eröffnet wird das Fest morgen Freitag um 17 Uhr. Am Samstag beginnt der Festbetrieb mit Markt und Unterhaltung um 11 Uhr. Am Sonntag startet der Tag um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst, danach folgen nochmals Markt, Attraktionen und Kinderunterhaltung. Zusätzlich zieht am Sonntag um 12 Uhr ein Festumzug von der Alten Landstrasse bis zur Niedermatt. Zum besonderen Festbild sollen mehr als 800 von Dorfbewohnerinnen, Heimweh-Tennikerinnen und Freunden handgefertigte Lampions beitragen. Der Erlös aus ihrem Verkauf sowie ein allfälliger Festgewinn sollen der Erneuerung und Beschattung des Spielplatzes beim Schulhaus Seematt zugutekommen.
Das genaue Festprogramm mit Beiträgen zu den besonderen Attraktionen publizierte die «Volksstimme» in ihrer Ausgabe vom vergangenen Donnerstag. Ergänzend dazu wird am Sport-Talk vom Samstag um 14 Uhr neben Schützenkönig Adrian Schaub und Para-Sportlerin Romy Tschopp auch der frischgebackene Orientierungslauf-Weltmeister Tino Polsini teilnehmen.
Dieser Text entstand auf Anregung der Gemeinde Tenniken im Hinblick auf das 800-Jahre-Jubiläum. Kaspar Geiger trug Ausschnitte daraus an einem ersten Jubiläumsanlass selbst vor. Geiger hat den Beitrag für die «Volksstimme» gekürzt. Der ehemalige Gymnasiallehrer ist Regisseur, wirkt im Sissacher Kulturhaus «Cheesmeyer» und ist Kopf hinter der «Theatercompany Texte und Töne». Die Bilder stammen aus dem Fotoalbum von Kaspar Geigers Mutter Ursula Geiger (1919 – 2011). Ursula Geiger war Schriftstellerin, Rhythmiklehrerin und Regisseurin.









