Georges Christian – der Weitblicker aus Le Locle
15.01.2026 Porträt, BaselbietUnternehmer, Stratege und Mitbegründer der Oris-Uhrenfabrik
Es gibt Persönlichkeiten, die ohne grosse Worte eine ganze Region prägen. Georges Christian gehört in diese Reihe. Er formte zusammen mit Paul Cattin die Oris-Uhrenfabrik, die dem Waldenburgertal eine ...
Unternehmer, Stratege und Mitbegründer der Oris-Uhrenfabrik
Es gibt Persönlichkeiten, die ohne grosse Worte eine ganze Region prägen. Georges Christian gehört in diese Reihe. Er formte zusammen mit Paul Cattin die Oris-Uhrenfabrik, die dem Waldenburgertal eine industrielle Identität verlieh.
Hanspeter Gautschin
Als Christian und Cattin 1904 nach Hölstein kamen, befand sich das Tal in einer empfindlichen Phase. Die traditionelle Uhrenindustrie existierte zwar – allen voran die Thommen Uhrenfabrik in Waldenburg –, doch der Bau der Hauensteinbahn hatte Verkehrsströme verlagert und wirtschaftliche Unsicherheiten geschaffen. Viele junge Menschen wanderten aus, die Landwirtschaft bot immer weniger Perspektiven.
Christian, der aus dem jurassischen Le Locle stammte, sah Chancen, wo andere nur Mühe erkannten: Der stillgelegte Fabrikbau der ehemaligen Firma Lohner & Näf bot Raum; die Region bot Arbeitskräfte; das Tal suchte nach Zukunft. Gemeinsam mit Paul Cattin gründete er die Oris Watch Company. Die Grundidee war einfach, aber weitsichtig: solide Qualitätsarbeit, verlässliche Strukturen und ein Aufbau, der dem Tal langfristig nutzen sollte.
Während Cattin bald in die zweite Reihe trat, übernahm Christian die strukturelle und strategische Gestaltung des Unternehmens. Er war kein Mann der Improvisation. Er dachte in Mechanismen, Abläufen, Verantwortlichkeiten.
Er richtete Ausbildungswege ein, förderte junge Leute aus dem Tal und zog Fachleute aus der Westschweiz und Süddeutschland an. Er investierte früh in Maschinen, richtete Fertigungsabläufe ein und sorgte dafür, dass Oris nicht nur montierte, sondern immer stärker eigene Komponenten fertigte. Diese Strategie machte Oris unabhängig, stabil und konkurrenzfähig. Bereits 1911 beschäftigte die Firma mehr als 300 Mitarbeitende – ein Wirtschaftsmotor für das gesamte Tal.
Christian erkannte früh, dass Stabilität in der Produktion auch räumliche Flexibilität bedeutet. So entstanden zusätzliche Werke in Courgenay, Herbetswil, Holderbank, Ziefen und Biel. Trotz dieser Expansion blieb der Hauptsitz in Hölstein verankert – fest verbunden mit den Menschen, die Oris ausmachten. Viele Frauen arbeiteten in der feinmechanischen Fertigung und fanden hier eine stabile berufliche Perspektive.
Keine Entlassungen trotz Kriegs
Der Erste Weltkrieg hätte für ein junges Unternehmen das Ende bedeuten können. Exportmärkte brachen ein, Rohstoffe verteuerten sich. Doch Christian reagierte schnell: Er diversifizierte mit Weckern, baute Vertriebswege aus und hielt am Personal fest.
Keine Entlassungen – ein seltener Entscheid in unruhigen Zeiten. Oris kam gestärkt aus der Krise und festigte anschliessend seine internationalen Märkte.
1927 starb Georges Christian überraschend mit nur 55 Jahren. Sein Schwager Oscar Herzog übernahm die Firmenleitung und führte das Unternehmen weitere vier Jahrzehnte erfolgreich weiter. Doch die Grundlage dafür legte Christian: eine klare Unternehmenskultur, eine solide Produktionsstruktur und eine starke regionale Bindung.
Georges Christian war kein lauter Kopf der Industriegeschichte. Er war ein Mann des Aufbaus, der Systeme und der Verlässlichkeit. Oris verdankt ihm den Charakter, der die Marke bis heute trägt – Qualität, Bodenständigkeit und ein unerschütterliches Vertrauen in die Menschen einer Region. Ohne ihn hätte das Waldenburgertal keinen Platz auf der Landkarte der Schweizer Uhrenindustrie gefunden.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

