Gefährliche Tage für Bachbewohner
14.07.2026 Baselbiet, BaselbietChristian Horisberger/sda
Bis am vergangenen Freitag hatten spezialisierte Zivilschützer Abschnitte des Homburger-, Ei-, Diegter-, Bennwiler- und des Eimattbachs zwischen Rümlingen und Häfelfingen abgefischt. Gestern holten die Equipen im Diegterbach in Sissach sowie ...
Christian Horisberger/sda
Bis am vergangenen Freitag hatten spezialisierte Zivilschützer Abschnitte des Homburger-, Ei-, Diegter-, Bennwiler- und des Eimattbachs zwischen Rümlingen und Häfelfingen abgefischt. Gestern holten die Equipen im Diegterbach in Sissach sowie im Homburgerbach in Diepflingen erneut Fische aus gefährdeten Abschnitten und setzten diese in noch Wasser führende Abschnitte derselben Bäche um. Weitere Notabfischungen seien jederzeit möglich, hiess es gestern beim Amt für Wald und Wild beider Basel (AfWW) auf Anfrage der «Volksstimme». Die Situation werde laufend beurteilt, über weitere Massnahmen wird kurzfristig entschieden.
Besonders anfällig sind gemäss AfWW kleinere Seitenbäche. Sie reagierten auf ausbleibende Niederschläge innert kurzer Zeit mit stark sinkenden Wasserständen oder würden vollständig trockenfallen. Bereits wenige Tage mit tiefem Wasserstand können für viele Wasserorganismen lebensbedrohlich werden. Nicht nur kleine Bäche, sondern auch grössere Fliessgewässer stehen unter Druck. Zur Birs schreibt das AfWW: «Sie verfügt zwar grundsätzlich über eine höhere Wasserführung und reagiert deshalb weniger rasch auf Trockenperioden. Trotzdem führt sie derzeit aussergewöhnlich wenig Wasser.»
Prekäre Lage für die Ergolz
Noch kritischer präsentiere sich die Situation bei der Ergolz. Der mittlere Tagesabfluss in Liestal liege aktuell bei lediglich 111 Litern pro Sekunde und damit im Bereich eines statistisch erwarteten 100-jährigen Niedrigwassers. Nach Einschätzung des Kantons muss deshalb befürchtet werden, dass auch die Ergolz erneut trockenfallen könnte.
Dass die Ergolz im Raum Sissach trotz der Trockenheit weiterhin Wasser führt, ist auf eine Anpassung des Grundwasserpumpregimes der Gemeinde zurückzuführen. Während früheren Trockenperioden war dies mehrfach geschehen und hatte Bachbewohner das Leben gekostet (die «Volksstimme» berichtete). Zwar führe die Ergolz auch dort nur noch wenig Wasser, doch das Beispiel zeige, dass betriebliche Anpassungen und gezielte Investitionen die Auswirkungen von Trockenperioden zumindest teilweise abfedern können.
Die Rettungsaktionen konzentrieren sich auf Fische. Betroffen aber ist das gesamte Ökosystem. In einem austrocknenden Bach verlieren unzählige Tiere ihren Lebensraum. Besonders empfindlich reagieren gemäss AfWW wassergebundene Wirbellose wie Eintags-, Stein- und Köcherfliegenlarven, Flohkrebse, Muscheln oder Schnecken. Sie bildeten die Nahrungsgrundlage vieler Fischarten und übernehmen wichtige Aufgaben beim Abbau organischen Materials: «Bricht diese Lebensgemeinschaft zusammen, hat das Folgen für das gesamte Gewässer.»
Nicht alle Arten sterben jedoch, wenn ein Bach austrocknet. Einige Insekten würden als flugfähige erwachsene Tiere ausserhalb des Gewässers überleben, schreibt das AfWW. Andere zögen sich in feuchte Sedimente zurück oder überstünden Trockenperioden als widerstandsfähige Eier oder Dauerstadien. Einzelne Amphibien oder Kleinkrebse fänden in feuchten Rückzugsräumen Schutz.
Entscheidend sei deshalb, ob Restwasserstellen oder feuchte Bereiche erhalten bleiben. Je mehr solcher Rückzugsräume vorhanden seien, desto höher stünden die Chancen einer späteren Erholung. Nach ausreichenden Niederschlägen könne sich die Wasserführung zwar relativ rasch normalisieren. Bis sich jedoch wieder eine stabile Lebensgemeinschaft aus Mikroorganismen, Kleinlebewesen und Fischen entwickelt hat, vergingen oftmals Jahre. Bei den Fischpopulationen spiele zudem eine langfristige, natürliche Anpassungsmöglichkeit – zum Beispiel an höhere Wassertemperaturen – eine wichtige Rolle. Diese brauche jedoch Zeit und setze voraus, dass genügend Tiere die Extremereignisse überleben und sich fortpflanzen können. Wiederkehrende extreme Trockenperioden könnten diese natürliche Anpassung überfordern und verhindern.
Nach dem Hitzesommer 2003 dauerte der aktive Wiederaufbau des Lebens in den betroffenen Gewässern laut AfWW fast vier Jahre.
Mehr als nur Fische retten
Die bei Notabfischungen geretteten Fische werden möglichst innerhalb desselben Gewässersystems in kühlere und ausreichend wasserführende Abschnitte umgesetzt. Dort sollen sie die Trockenperiode überstehen und später wieder zur natürlichen Population beitragen. Doch geeignete Rückzugsräume werden zunehmend seltener. Deshalb sieht der Kanton die Lösung langfristig nicht im Fischbesatz oder in wiederholten Rettungsaktionen.
Entscheidend seien naturnahe Gewässer mit ausreichend Beschattung, strukturreichen Bachläufen und einer möglichst stabilen Wasserführung, hält das Amt für Wald und Wild fest. Ebenso wichtig sei ein sorgfältiger Umgang mit der Ressource Wasser, etwa durch die Förderung der Versickerung oder das Zurückhalten von Wasser in niederschlagsreichen Zeiten, um die Grundwasserneubildung zu unterstützen.
Die für die kommenden Tage angekündigten Gewitter können gemäss Kanton die Wasserführung einzelner Bäche kurzfristig erhöhen und die Situation vorübergehend entspannen. Nach längeren Trockenperioden brächten Starkniederschläge jedoch nur begrenzten Nutzen: Ausgetrocknete Böden könnten grosse Wassermengen zunächst kaum aufnehmen, sodass viel Wasser oberflächlich abfliesst mit entsprechendem Überschwemmungsrisiko. Grundwasser und Gewässer würden davon langfristig kaum profitieren.
Hinzu komme ein weiteres Problem: Regenwasser, das sich auf versiegelten Flächen stark erwärmt habe, gelange teilweise direkt in die Bäche. Es könne die Wassertemperatur innert kurzer Zeit zusätzlich erhöhen und zudem Schadstoffe mitführen. Für bereits geschwächte Fischbestände bedeute dies eine zusätzliche Belastung. «Wirklich nachhaltig entspannen würde sich die Lage deshalb erst mit länger anhaltenden, flächigen Niederschlägen von moderater Intensität.»
Kanton verschärft Auflagen
sda. Der Kantonale Führungsstab verschärft seine Massnahmen gegen die Trockenheit und verbietet die Wasserentnahme aus dem Birsig. Damit sind seit gestern auch von der Bau- und Umweltschutzdirektion bewilligte Wasserentnahmen untersagt. Die jüngste Massnahme ergänzt die bisherigen zur Trockenheit. Bereits Ende Juni verfügte der Kanton ein Wasserentnahmeverbot für die Ergolz sowie ein Bade- und Fischereiverbot für den Unterlauf von Ergolz und Birs. Zudem gilt weiterhin ein absolutes Feuerverbot im Wald und an Waldrändern – auch an eingerichteten Feuerstellen.





