Fluchen kennt keine Sprachgrenzen
27.01.2026 PersönlichTodmüde sass ich im Zug von Chur nach Hause und träumte von meinem Bett und davon, keine sozialen Interaktionen mehr haben zu müssen. Denn meine soziale Batterie war über das lange Wochenende auf einem Festival bis zum Boden aufgebraucht. Allein war ich im Zug nicht, denn ...
Todmüde sass ich im Zug von Chur nach Hause und träumte von meinem Bett und davon, keine sozialen Interaktionen mehr haben zu müssen. Denn meine soziale Batterie war über das lange Wochenende auf einem Festival bis zum Boden aufgebraucht. Allein war ich im Zug nicht, denn meine zwei Geschwister und ein guter Freund fuhren mit mir. Wir redeten über Gott und die Welt, doch bald hängte ich ab und begab mich in die Welt der Träume. Dies gelang mir nicht so gut, denn die Sitzplätze in Zügen sind nun einmal nicht für einen guten Schlaf konzipiert. Also versuchte ich im Halbschlaf, mein Schlafdefizit auszugleichen und meine Batterien wieder aufzuladen.
«Grüezi, Billettkontrolle.» «Aha, eine Kondukteurin ist unterwegs», dachte ich mir, aber die Augen aufmachen musste ich nicht, denn das Billett hatte mein Bruder. Ich blieb also in meinem Halbschlaf. Doch plötzlich kam ein bestimmtes «Bitte, s Billett vorwyyse» in meine Richtung. Ich schoss hoch und erklärte mit vernebeltem Kopf der Kondukteurin, dass es eine Friends-Tageskarte sei. Sie schaute das Ticket noch einmal an, nickte und ging weiter, um die Fahrkarten anderer Menschen zu kontrollieren.
Währenddessen brodelte es in mir und ich war wütend auf sie, weil sie meinen Halbschlaf gestört hatte. Vielleicht wäre ich kurz davor endlich wirklich eingeschlafen. Das Schlafdefizit aus drei Nächten mit jeweils maximal fünf Stunden Schlaf aufzuholen. Also begann ich, in meiner Muttersprache Tschechisch, eine Fluchrede: «Ta hloupá kráva a bl …» Die dumme Kuh war noch das Heiligste auf meiner Liste, den Rest der Kraftausdrücke liste ich lieber nicht auf, das müsste zensiert werden. Liebe Leserschaft, Sie können sich aber sicher vorstellen, welche unschönen Wörter mir da über die Lippen gekommen sind.
Während ich im Zug laut all meine tschechischen Fluchwörter aufsagte, drehte sich die Kondukteurin in meine Richtung und sagte bestimmt: «Sie müend nid grad hässig syy und flueche, will i en Fehler gmacht han.» Erschrocken versuchte ich, mich zu entschuldigen. Sie drehte sich um und liess mich rot wie eine Tomate zurück. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Das hatte ich nicht erwartet. Ich habe nichts dabei gedacht, denn links und rechts sassen nur Schweizer und die Kondukteurin würde mich sowieso nicht verstehen. Doch anscheinend hat sie das.
Ich fragte vorsichtig meinen Bruder, ob die Kondukteurin Tschechisch kann. Mein Bruder erwiderte: «Ich glaube nicht, aber selbst wenn sie kein Tschechisch kann: Jeder ‹ Duubel › hat gecheckt, dass du fluchst.» Und so habe ich auf die harte Tour gelernt, dass man, egal in welcher Sprache – egal, ob Schweizerdeutsch oder Tschechisch – man flucht, vom Gegenüber sowieso verstanden wird. Denn jeder Fluchende hat Rauch über dem Kopf. Jeder, der Gift und Galle spuckt, hat einen zornigen Blick. Wer angesäuert ist, hat eine schlechte Aura. Danke, liebe Kondukteurin, dass Sie mir das gezeigt haben. Ab jetzt werde ich nur noch fluchen, wenn mich niemand sieht. Und hört.
Carolina Mazacek, Praktikantin «Volksstimme»

