Februar – leiser Aufbruch ins neue Leben
30.01.2026 BaselbietFasnacht, Fastenzeit und das erste Tauwetter der Seele
Der Februar ist nah und langsam beginnt sich die Starre des Winters zu lösen. Es ist noch kalt, die Tage sind kurz, und doch liegt etwas in der Luft, das sich kaum erklären lässt: ein zartes Tauwetter, das zuerst in der ...
Fasnacht, Fastenzeit und das erste Tauwetter der Seele
Der Februar ist nah und langsam beginnt sich die Starre des Winters zu lösen. Es ist noch kalt, die Tage sind kurz, und doch liegt etwas in der Luft, das sich kaum erklären lässt: ein zartes Tauwetter, das zuerst in der Natur spürbar wird – und dann auch in uns.
Hanspeter Gautschin
Wer im Februar aufmerksam unterwegs ist, entdeckt Zeichen eines geheimnisvollen Erwachens, lange bevor sich die Landschaft sichtbar verfärbt. Die Säfte in den Bäumen beginnen zu steigen. An sonnigen Tagen schimmern ihre Stämme in einem silbrigen Glanz, als hätte das Licht selbst beschlossen, wieder näher an die Erde zu rücken. Aus den wenigen Farben des Winters – Weiss, Schwarz, Braun – gewinnen die kleinsten Nuancen eine unerwartete Lebendigkeit.
Der Februar arbeitet nicht mit lauten Effekten. Er legt einen feinen Schleier über die Wirklichkeit und lässt ahnen, dass das Leben längst im Hintergrund beschäftigt ist. Dieses unsichtbare Feuer der Erneuerung hat seine eigene Sprache. Der Tauwind lockert die Erstarrung, als wollte er dem Boden und den Herzen zuflüstern: «Ihr dürft wieder atmen. Ihr dürft wieder wachsen.» Noch steht der Frühling nicht vor der Tür – aber er rührt sich im Verborgenen.
Parallel zu diesem leisen Aufbruch in der Natur geschieht etwas Vergleichbares im Menschen. Während draussen das Land noch winterlich wirkt, tragen die Menschen Masken, lärmen, spielen Rollen, tanzen aus der Reihe. In der Fasnachtszeit scheint es, als müsse etwas abgeworfen werden: alte Krusten, angestaute Schwere, die Müdigkeit eines langen Winters. In den uralten Bräuchen steckt eine Weisheit, die man nicht unterschätzen sollte. Das «Ausleben» ergibt Sinn: Es lockert, befreit, bringt Bewegung in festgefahrene Seelenlagen. Wer alles in sich hineinfrisst, trägt am Ende das alte Jahr wie einen schweren Sack weiter – und erstickt damit das, was neu werden möchte.
Die Fasnacht ist ein Vorfrühlingsfest mit vorchristlichen Wurzeln. Eine verbreitete Deutung führt das Wort auf das Lateinische zurück und versteht es als Hinweis auf das Weglegen des Fleisches vor der Fastenzeit. Doch noch stärker als die sprachliche Herkunft wirkt die Symbolik: Wenn draussen der Winter herrscht, der Frühling sich aber bereits ankündigt, sollen Umzüge, Lärm, Masken und Spott die Kräfte vertreiben, die das Wachsen behindern. Es ist, als würde man den Winter nicht bloss ertragen, sondern ihn aktiv aus dem Dorf jagen.
Bald ist Zeit für eine Frühjahrskur
Fasnacht ist jedoch kein einheitlicher Brauch, sondern ein ganzer Komplex aus zeitlichen Schichten, Formen und Einzelelementen. Es ist im Grunde unmöglich, dieser farbigen Wirklichkeit mit wenigen Sätzen gerecht zu werden. Auch im Oberbaselbiet kennt man heute viele Fasnachtsformen – allerdings oft geprägt von Basel, denn die Landschaft stand lange im Schatten der Basler Fasnacht. Seit der sogenannten Zwischenkriegszeit (etwa 1920 bis 1939) und dann wieder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewann die Fasnacht an Beliebtheit.
Mit der Fastenzeit beginnt dann die Vorbereitung auf Ostern, auf das kommende neue Leben und die Auferstehung. Fasten hat religiöse Tiefe, doch es hat auch eine irdische Seite. In vielen Traditionen gilt es als körperliche Selbstreinigung, eine Art Frühjahrskur. Der Organismus, der «an sich selbst zehrt», wird entlastet, der Stoffwechsel beruhigt sich, und man spürt wieder deutlicher, was Körper und Geist brauchen.
Der Februar zeigt damit eine alte Verbindung, die moderne Menschen leicht übersehen: die Verbindung zwischen Welt und Mensch, zwischen dem Makrokosmos der Natur und dem Mikrokosmos unseres Daseins. Der Rhythmus des Jahres arbeitet in uns weiter. Und vielleicht ist gerade das die stille Botschaft dieses Monats: Neues Leben beginnt nicht mit Trompeten, sondern mit einem leisen inneren Umschalten.
Rituale heute bewusst erleben:
– Maskenmoment: Einen Abend bewusst «aus der Rolle» fallen – mit Musik, Humor oder einem kleinen Fasnachtsbesuch.
– Winter vertreiben: Ein Spaziergang am Waldrand oder auf freiem Feld – und dabei innerlich verabschieden, was schwer geworden ist.
– Fasten-Impuls: Für ein paar Tage auf etwas verzichten (Süsses, Alkohol, Medienlärm) und beobachten, was dadurch ruhiger wird – im Körper und im Kopf.
So wird Fasten mehr als Verzicht: Ein Freiräumen, damit das leise Werden überhaupt hörbar wird.

