Fahrt mit entspanntem Zugführer
30.01.2026 BaselbietDie WB ist seit Dezember im teilautomatisierten Betrieb unterwegs
Moderne Technik entlastet das Fahrpersonal auf der Linie der Waldenburgerbahn zwischen Liestal und Waldenburg. Die Betreiberin BLT spricht von einem Meilenstein – und nahm die Presse mit auf eine Fahrt.
...Die WB ist seit Dezember im teilautomatisierten Betrieb unterwegs
Moderne Technik entlastet das Fahrpersonal auf der Linie der Waldenburgerbahn zwischen Liestal und Waldenburg. Die Betreiberin BLT spricht von einem Meilenstein – und nahm die Presse mit auf eine Fahrt.
David Thommen
Im Führerstand eines WB-Sonderzugs sass gestern Vormittag Remo Müller, der im vierten Jahr bei der Baselland Transport AG (BLT) arbeitet und seit einiger Zeit ausschliesslich auf der «Waldenburgerli»-Linie unterwegs ist. «Nein, langweilig ist die Arbeit hier nicht, aber entspannter als auf anderen Linien», gab er während der Fahrt zur Auskunft – und wandte sogar kurz den Blick von der Schiene ab, um in eine Kamera zu schauen. Dies allerdings nur ausnahmsweise – im Wissen darum, dass die Technik unterstützend mitläuft.
Hinter dem Führerstand hatten sich einige Journalistinnen und Journalisten, Fotografen und Kameraleute aufgereiht.Auf der Sonderfahrt von Liestal nach Waldenburg ging es der Streckenbetreiberin BLT und den Entwicklern des Zugherstellers Stadler Rail darum, den lokalen Medien das neuartige teilautomatisierte Fahren auf der Waldenburgerbahn-Linie, über das schon viel zu lesen war, in Echtzeit zu demonstrieren: Seit Ende 2025 und mit dem Vorliegen der Betriebsbewilligung durch das Bundesamt für Verkehr fährt die Bahn im sogenannten «Grade of Automation 2» (GoA2). Damit ist sie die erste Überlandbahn der Schweiz, die im regulären Betrieb teilautomatisiert unterwegs ist.
Die Technik übernimmt
Für die Fahrgäste ist es nicht spürbar, ob Mensch oder Maschine den Zug fährt. Für den Mann oder die Frau im Führerstand bedeutet die neue Technik jedoch einen deutlichen Fortschritt: Konkret fährt die Bahn zwischen den Haltestellen automatisch. Nach der Türschliessung und der Freigabe durch die Triebfahrzeugführerin oder den -führer übernimmt ein digitales Zugassistenzund Zugsicherungssystem die Steuerung: Es regelt Beschleunigung und Bremsvorgang, hält die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten ein und bringt den Zug präzise – auf wenige Zentimeter genau – an der nächsten Haltestelle zum Stillstand. Möglich wird dies durch die sogenannte «Communication Based Train Control» (CBTC), ein funkgesteuertes System, das Züge und Infrastruktur laufend miteinander kommunizieren lässt, wie BLT-Technikchef Philipp Glogg während der Fahrt erklärte.
Die Verantwortung für die sichere Fahrt bleibt jedoch weiterhin beim Fahrpersonal. Die Mitarbeitenden überwachen den Fahrgastwechsel, geben den Abfahrbefehl und greifen ein, sollten sich Hindernisse auf dem Gleis befinden oder eine Notfallsituation eintreten. Automatisiert heisst bei der WB also nicht führerlos – es handelt sich um eine technische Unterstützung, die Routineaufgaben übernimmt.
Für die BLT AG bringt «GoA2» mehrere Vorteile. Die Fahrten werden gleichmässiger, was sich positiv auf die Pünktlichkeit auswirkt. Zu frühe Abfahrten, was im öV hin und wieder vorkommt, sollen verhindert und Verspätungen reduziert werden, was sich offensichtlich bereits ausbezahlt: Die WB ist laut BLT zu 99 Prozent pünktlich unterwegs. Zudem fährt die Bahn konstanter und dank Computersteuerung energieeffizienter. Vorausschauend soll das System überdies Anschlüsse berücksichtigen und ausserplanmässiges Kreuzen von Zügen auf der weitgehend einspurigen Strecke steuern.
Seit der umfassenden Erneuerung der WB-Strecke und der Inbetriebnahme der neuen Stadler- Züge im Jahr 2022 gilt die WB als technisches Vorzeigeprojekt. Die Einführung von «GoA2» ist das Resultat mehrjähriger Tests, Datensammlungen und Software-Anpassungen im laufenden Betrieb. Bis zum Endausbau, so sagte es «Automatisations-Mastermind» Philipp Glogg, handle es sich insgesamt um eine Investition in Millionenhöhe. Die WB sei heute noch ein rollendes Testlabor, und die hier gewonnenen Erkenntnisse und Lösungen sollen später auch auf anderen Linien mit komplexeren Verkehrsverhältnissen zum Einsatz kommen.
Autonom ab 2030 möglich
Für BLT-Chef Frédéric Monard, der gestern ebenfalls im WB-Sonderzug mitfuhr, ist der teilautomatisierte Betrieb nicht das Ende der Entwicklung: Langfristig strebt die BLT einen höheren Automatisierungsgrad an. Frühestens ab 2030 könnte dieser Realität werden – vorausgesetzt, Sicherheit und Zuverlässigkeit liessen sich auch unter schwierigen Bedingungen garantieren. Dafür ist noch viel Innovation nötig: Die Züge müssen ihre Umgebung künftig noch besser erfassen und entsprechend reagieren können.
Wie automatisiertes Fahren ohne Mensch funktioniert, zeigte die BLT gestern bereits ein erstes Mal: Wie von Geisterhand gesteuert rangierte eine Zugskomposition auf dem geschlossenen WB-Werksareal in Waldenburg. Dies soll dort schon bald Standard sein.
Pick-e-Ride mit erster positiver Bilanz
tho. Parallel zur technischen Weiterentwicklung auf der Schiene treibt die BLT die «integrierte Mobilität» im Oberbaselbiet voran. Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember vergangenen Jahres ist das On-Demand-Angebot mit dem Namen «Pick-e-Ride» im Perimeter der Linien 92 und 93 (Waldenburgertal) sowie der Linien 106, 109 und 110 (Raum Sissach/Homburgertal) an allen Wochentagen im Einsatz (die «Volksstimme» berichtete).
Zu den Hauptverkehrszeiten verkehren die Shuttles – meist mit Elektroantrieb – mit acht Sitzplätzen nach fixen Abfahrtszeiten («On Time»), insbesondere für Schülerinnen, Schüler und Pendler. In den Randzeiten hingegen wechselt das System in den reinen Bedarfsbetrieb: Gefahren wird nur, wenn eine Fahrt über die App oder telefonisch bestellt wird. Je nach Tageszeit seien bis zu sechs Fahrzeuge im Einsatz, sagte gestern BLT-Chef Frédéric Monard.
Seit dem Start haben mehr als 5000 Fahrgäste «Pick-e-Ride» genutzt. Für das Angebot wurden rund 20 Mitarbeitende rekrutiert, laut Monard mehrheitlich aus dem Waldenburgertal. Die Rückmeldungen der Fahrgäste fallen laut BLT positiv aus. Vor allem die geringen Wartezeiten seien ein Vorteil: Bei mehr als der Hälfte der Fahrten sei ein Shuttle in weniger als zehn Minuten vor Ort; nur in wenigen Fällen betrage die Wartezeit nach Bestellungseingang mehr als 30 Minuten. Monard: «Wer zuvor in Zeiten des Taktfahrplans den Bus verpasste, musste nicht selten zwei Stunden warten.»
Lob gebe es auch dafür, dass die Shuttles – zu den üblichen TNW-Tarifen – heute bis später in den Abend hinein fahren als früher die regulären Busse. Das erste Fazit, so Monard, falle positiv aus. Erreicht werde zudem das Ziel, die Betriebskosten im Vergleich zum klassischen Busbetrieb um ein Viertel zu senken. Nun stehe die Feinjustierung des Angebots im Vordergrund, bevor über eine mögliche Ausweitung von «Pick-e-Ride» auf andere Gebiete entschieden werde.


