Eine wechselhafte Geschichte
24.02.2026 BaselbietUkraine | Wie das Land zu seiner heutigen Form kam
tiw. Im Juli 2021 veröffentlichte der russische Präsident Wladimir Putin einen Aufsatz mit dem Titel «Über die historische Einigkeit der Russen und Ukrainer». Darin legte er seine ...
Ukraine | Wie das Land zu seiner heutigen Form kam
tiw. Im Juli 2021 veröffentlichte der russische Präsident Wladimir Putin einen Aufsatz mit dem Titel «Über die historische Einigkeit der Russen und Ukrainer». Darin legte er seine Sicht auf die Geschichte dar. Die Kernthese lautet, dass Russen und Ukrainer ein gemeinsames Volk seien. Putin führt diese Einheit auch auf die Kiewer Rus zurück. Teile der heutigen Ukraine sowie von Belarus und Russland liegen auf dem Gebiet dieses altslawischen Reiches. Die von etwa 880 bis 1240 bestehende Rus wurde von verschiedenen slawischen Stämmen bewohnt. Durch interne Fragmentierung und die Mongoleninvasion löste sich das Reich auf.
Auf dem Gebiet der ehemaligen Kiewer Rus entstanden unterschiedliche Machtzentren: Im Nordosten stieg das Grossfürstentum Moskau (ab dem 16. Jahrhundert das russische Zarenreich) unter Oberherrschaft der Mongolen zu einem der wichtigsten Akteure auf. Im Nordwesten dehnte sich das Grossfürstentum Litauen aus, das sich 1569 mit dem polnischen Königreich vereinte, und damit zu einem der mächtigsten Reiche Europas wurde. Ein Grossteil der heutigen ukrainischen Gebiete kam unter die Herrschaft des polnischen Königreichs.
Im 17. Jahrhundert breiteten sich im Südosten Polen-Litauens Aufstände aus. Die Kosaken, die mit dem Hetmanat ein staatenähnliches Gebilde errichteten, lehnten sich gegen die Obrigkeit auf. Kosaken waren oft entlaufene Leibeigene, die sich im südöstlichen Grenzgebiet Polen-Litauens ansiedelten. Sie bildeten Gemeinschaften freier Reitverbände und wurden als Grenztruppen eingesetzt. Heute werden die Kosaken in der Ukraine als Mitbegründer der Staatlichkeit gesehen. Ein wichtiger Grund für die Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen Kosaken und katholischer Obrigkeit war die Religion.
Unterwerfung statt Vertrag
Die Streitigkeiten gipfelten 1648, als Kosakenführer Chmelnyzkyj und seine Mitstreiter gegen die polnische Herrschaft aufbegehrten. Um sein Gebiet zu sichern, suchte Chmelnyzkyj 1654 mit dem Vertrag von Perejaslaw Schutz beim russischen Zaren. Dieser verstand das Bündnis als Unterwerfung statt als Vertrag zwischen Gleichgestellten. Das Bündnis brachte kurzfristigen Schutz im Kampf gegen Polen-Litauen, führte aber langfristig zum Verlust ukrainischer Autonomie. 1708 versuchte Kosakenführer Mazepa, das Hetmanat von der Kontrolle Moskaus loszulösen. Unter Katharina der Grossen verlor die Ukraine schliesslich Ende des 18. Jahrhunderts ihre Autonomie gänzlich und wurde als «Kleinrussland» fest in das Zarenreich integriert.
Im multiethnischen russischen Zarenreich des 19. Jahrhunderts erfolgte eine massive Unterdrückung der ukrainischen Sprache und Kultur. Nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs 1917 entstand der erste moderne ukrainische Nationalstaat, die Ukrainische Volksrepublik. Die Unabhängigkeit war von kurzer Dauer. Nach der Eroberung durch die Rote Armee wurde die Ukrainische Sowjetrepublik gegründet und in die Sowjetunion eingegliedert. 1991 erlangte die Ukraine wieder ihre Unabhängigkeit – bis heute.
Die Sicht Putins, die Ukraine und Russland seien ein homogenes Volk, wird von ukrainischer Seite selbstredend heftig bestritten, ebenso die Ablehnung einer ukrainisch-kosakischen staatlichen Souveränität. Putin rechtfertig mit dem imperialistischen Narrativ des Zarenreichs den Krieg gegen die Ukraine.
