«Eine Einheitskasse wäre weniger agil»

  31.12.2025 Baselbiet

Die «Volksstimme» unterhält sich mit der Itingerin Saskia Schenker (FDP) über ihre neue Rolle als Direktorin bei den Schweizer Krankenversicherern, die Krankenkassenprämien, ihr Ausscheiden aus der Baselbieter Politik und über Timing.

Thomas Gubler

Frau Schenker, Sie sind seit dem 1. Mai Direktorin von «prio.swiss» und vertreten damit sämtliche Versicherer und wegen des Versicherungsobligatoriums eigentlich auch alle Versicherten in der Schweiz.
Ist das in der heutigen Zeit nicht eine schwere Bürde?
Saskia Schenker:
Nein, ich empfinde diesen Job überhaupt nicht als Bürde, sondern als tolle Herausforderung. Dies, weil ich überzeugt davon bin, dass die Krankenversicherer, die ich vertrete, eine ganz wichtige Funktion in unserem Gesundheitswesen haben. Sie ermöglichen den Versicherten den Zugang zur medizinischen Versorgung und sorgen dafür, dass diese bezahlbar bleibt. Sie sind die einzigen Player im Gesundheitswesen, die klar aufzeigen, was das Gesundheitswesen kostet, wo Kostendämpfungspotenzial besteht und dass das Angebot nicht beliebig ausgeweitet werden kann. Denn am Schluss zahlen es die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler. Und mir ist es ein grosses Anliegen, dafür zu sorgen, dass die Prämien bezahlbar bleiben.

An dieser Bezahlbarkeit zweifeln immer mehr Menschen.
Wie begegnen Sie einem Versicherten, der Sie fragt, wie er inskünftig seine stetig steigenden Prämien bezahlen soll?

Den einzelnen Prämienzahler weise ich in dieser Situation auf die Wahlfreiheit hin und darauf, dass es für den einzelnen Versicherten angepasste Produkte gibt. Zweitens erkläre ich die Möglichkeiten der Kantonspolitik, denn die Kantone sind zuständig für die Versorgung und haben grosse Sparmöglichkeiten bei der Spitalplanung und der Ambulantisierung. In der Region Basel haben wir eines der teuersten Gesundheitssysteme in der Schweiz. Und das hat mit unserer Spitalversorgung zu tun. Es gibt Möglichkeiten für eine bessere Versorgung zu tieferen Kosten. Und da ist die Politik gefragt.

Gibt es zu viele Spitäler in der Region?
Wir haben in dieser Region in der Tat zu viele stationäre Strukturen. Das bestätigt auch eine Analyse von Professor Stefan Felder von der Universität Basel: Zu viele machen das Gleiche. Gleichzeitig hat Basel-Stadt zu wenig Kapazitäten in der ambulanten Behandlung. Die beiden Kantonsregierungen von Basel-Stadt und Baselland werden deshalb bei der bevorstehenden Spitalplanung nicht darum herumkommen, gemeinsam zu schauen, welche Spitalstruktur die Region braucht und wer künftig was macht. Eine Spezialisierung ist unabdingbar. Es sollen nicht alle das Gleiche anbieten. Denn es sind nicht zuletzt diese Doppelstrukturen, die das System so teuer machen und Prämien- wie Steuerzahlerinnen und -zahler so stark belasten.

Zurück zu den Prämien. Wo sehen Sie den Plafond für die Krankenkassenprämien? Eine Initiative der SP ging von zehn Prozent des Haushaltseinkommens aus.
Einen Plafond im Sinne einer konkreten Zahl kann ich nicht nennen. Ich meine aber, dass das heutige System mit der Kopfprämie einerseits und den steuerfinanzierten Prämienverbilligungen grundsätzlich gut und nachhaltig ist. Im kommenden Jahr werden die Prämienverbilligungen in den Kantonen stark erhöht. Dafür wird schweizweit schätzungsweise 1 Milliarde Franken mehr aufgewendet. Denn es ist schon so: So wie unser System ausgestaltet ist, braucht es eine Abfederung der Kopfprämien für tiefe Einkommen und auch für einen Teil des Mittelstands. Das entlastet die Betroffenen ganz direkt, ohne dass gleichzeitig Fehlanreize irgendwelcher Art geschaffen werden. Ich bin, wie gesagt, überzeugt von diesem System, aber ohne Prämienverbilligungen geht es tatsächlich nicht.

Sie haben vorhin das Sparpotenzial bei den Spitälern dargelegt.
Gibt es weiteres Potenzial?

Ja, einiges. Beispielsweise die bereits erwähnte stärkere Ambulantisierung. Davon erhoffen wir uns einerseits Strukturen, die näher bei den Menschen sind und die zugleich kostengünstigere Behandlungen ermöglichen. Im Weiteren muss man auch ganz klar die Politik in die Pflicht nehmen, die den Leistungskatalog ständig erweitert. Hier wollen wir für Transparenz bei den Kosten sorgen und nachdrücklich auf ein neues Bewusstsein in der Politik hinwirken, damit diese sich bewusst wird, was sie jeweils beschliesst und wie stark die Prämienzahlerinnen und -zahler dadurch belastet werden. Im Zusammenhang etwa mit der Umsetzung der Pflegeinitiative konnten wir diesbezüglich insofern einen ersten Erfolg verbuchen, als das Parlament eine Pause eingelegt hat, weil das erste Vorhaben für die Prämienzahler schlicht nicht zu bewältigen war. Das ist ein ganz wichtiges Signal und deutet auf ein Umdenken hin. Und daran arbeiten wir stark.

Gibt es auch Sparpotenzial bei den Versicherungen?
Das ist ein Dauerauftrag.

Müssen Krankenkassen beispielsweise Fernsehwerbung machen?
Ich glaube, es ist richtig, dass die Krankenversicherungen im Wettbewerb, in dem sie stehen, ihre Produkte und Angebote an die Leute bringen und ihnen aufzeigen können, dass sie eine Wahl haben. Ich halte diesen Wettbewerb übrigens für absolut notwendig, weil die Versicherer dadurch ganz neue Produkte entwickeln wie etwa die integrierten Versorgungsmodelle. Diese Modelle haben tiefere Prämien als die herkömmlichen. Damit tragen die Versicherer ganz konkret zur Kostendämpfung bei. Und dank des Wettbewerbs haben sie auch einen permanenten Anreiz dazu. Im Übrigen sind die Verwaltungskosten der Krankenversicherer massiv tiefer als diejenigen der anderen Sozialversicherungen. Im Moment sind das 4,6 Prozent von einem Prämienfranken. Das ist nur dank eines intakten Wettbewerbs möglich. Die Verwaltungskosten der Suva oder der IV liegen mehr als doppelt so hoch. Dank dem Wettbewerb sind die Krankenversicherer im Übrigen auch diejenigen Player im Gesundheitswesen, die voll auf Digitalisierung setzen, weil sie dadurch effizienter werden.

Inwiefern?
Beispielsweise bei der Rechnungskontrolle. Die Hauptaufgabe der Krankenversicherer ist die Kontrolle von jährlich 130 Millionen Rechnungen. Dabei werden durch ein effizientes System rund 3 Milliarden Franken an ungerechtfertigt verrechneten Leistungen entdeckt, was ganz erheblich zur Kostendämpfung beiträgt.

Heisst das alles, dass eine schweizerische Einheitskasse nicht billiger wäre?
Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ein solcher Riesenkoloss wäre viel weniger agil, viel weniger effizient und viel weniger innovativ. Das System würde insgesamt viel teurer, und die Versicherten hätten massiv weniger Auswahl.

Kommen wir noch zu Ihrer politischen Laufbahn.
Sie sind diesen Sommer aus dem Baselbieter Landrat zurückgetreten.
Ist das ein Abschied aus der Politik für immer oder bloss auf Zeit?

Das weiss ich noch nicht. Ich bin jetzt in einem neuen Lebensabschnitt mit einer tollen beruflichen Herausforderung, die mich zeitlich sehr beansprucht, die mir andererseits aber auch viele Möglichkeiten gibt, etwas zu bewegen. Diese Aufgabe beinhaltet ebenfalls sehr viel Politik, insbesondere Gesundheitspolitik. Ich bin und bleibe natürlich ein politischer Mensch. In einem anderen Lebensabschnitt ergibt sich möglicherweise wieder eine andere Situation. Im Moment gilt für mich: Sag niemals nie.

Viele im Baselbiet haben Sie eigentlich als die nächste FDP-Nationalrätin gesehen. Aber irgendwie scheint sich diesbezüglich zumindest in nächster Zeit wenig zu bewegen. Haben Sie politisch auch ein bisschen resigniert?
Nein, resigniert habe ich nicht. Aber ich bin Realistin. Zum politischen Engagement gehört immer auch das Timing. Ich hatte ein tolles Momentum, als ich 2015 in den Landrat gewählt wurde. Ich war noch nicht lange im Oberbaselbiet heimisch und schaffte auf Anhieb die Wahl ins Kantonsparlament. Das hat mich sehr gefreut, genauso wie ich mich gefreut habe, als ich erstmals 2019 auf der FDP-Liste Erstnachrückende in den Nationalrat wurde. Damit hatte ich nicht gerechnet. Wie es nun weitergeht, werden wir sehen. Die jetzige Situation ist im Übrigen auch eine Chance für neue Leute in der Partei und neuen Drive.

Wäre eine Ständeratskandidatur keine Option für Sie?
Schliesslich brauchen die Bürgerlichen eine starke Kandidatur, um gegen Links-grün eine Chance zu haben. Und bisher haben wir diesbezüglich kaum mehr als Machtspiele hinter den Kulissen erlebt.
Nein. In meiner jetzigen Funktion – wie übrigens auch schon in meiner vorherigen als Direktorin des Arbeitgeberverbands Region Basel – ist es wichtig, sich auf diese zu konzentrieren. Als Ständerätin vertritt man den Stand, also den Kanton. Das ist mit beruflich stark exponierten Funktionen wenig vereinbar. Aber ich beobachte gespannt die kommende diesbezügliche Entwicklung und erwarte eine gute bürgerliche Kandidatur. Und ich bin sicher, dass man demnächst von den Bürgerlichen hören wird.

Sie waren auch einige Jahre Präsidentin der FDP Baselland, die eben – wenn auch mit etwas Mühe – ihren einzigen Regierungssitz verteidigen konnte. Wie intensiv verfolgen Sie noch das politische Geschehen im Kanton Baselland?
Immer noch intensiv – wenn auch aus einem anderen Blickwinkel und nicht mehr aus dem engsten Kreis. Ich finde, die FDP Baselland hat sich im Zusammenhang mit der Nachfolge für Monica Gschwind in einer herausfordernden Situation sehr souverän verhalten. Der Mut, mit drei Kandidaturen an den Parteitag zu gehen und offen und demokratisch auszumehren, wen man ins Rennen schicken will, war schon beachtlich. Und dann hat man anschliessend einen klaren, geradlinigen Wahlkampf über zwei Wahlgänge geführt. Ich glaube, es gibt wenige Parteien, die einen derart offenen Diskurs zulassen und auch aushalten. Jetzt hat die FDP mit Markus Eigenmann einen guten neuen Regierungsrat, und das sind ideale Voraussetzungen für die nächsten kantonalen und eidgenössischen Wahlen im Jahr 2027.

Wie beurteilen Sie den Zustand des Freisinns im Kanton Baselland?
Ich glaube, die Partei ist in einem guten Zustand. Der Freisinn ist eine Partei mit starken und vielfältigen Meinungen, welche diese auch offen diskutiert. Ich fühle mich dieser Partei sehr zugehörig.

Wie sehen Sie den Freisinn auf eidgenössischer Ebene?
Ich habe sehr Freude am neuen Co-Präsidium mit Susanne Vincenz-Stauffacher und Benjamin Mühlemann, obschon ich noch vor ein paar Jahren von Co-Präsidien nicht so begeistert war. Das sind zwei spannende Persönlichkeiten, die sich sehr gut ergänzen und die Breite der Partei gut abbilden. Das kann sich für die FDP sehr positiv auswirken. Dass sie die Kontroverse um die Verträge mit der Europäischen Union – im Gegensatz etwa zur Mitte – offen austrägt, erachte ich als eine Stärke dieser Partei. Darauf können wir stolz sein.

Haben Sie nicht den Eindruck, die FDP – auf eidgenössischer Ebene wie auch im Baselbiet – habe sich in der jüngeren Vergangenheit mitunter allzu sehr von der SVP den Takt vorgeben lassen?
Nein, das glaube ich nicht. Aber wir müssen schon Eigenständigkeit demonstrieren und aufzeigen, dass wir kein Pol sind wie die SVP oder die SP und entsprechend auch nicht polarisieren, sondern ein wichtiges ausgleichendes Element darstellen. Unsere Wählerinnen und Wähler müssen durch unsere Politik erfahren, dass wir Teil einer lösungsorientierten, gestaltenden politischen Kraft sind, und dass wir uns von der SVP durch unseren liberalen Geist doch ganz erheblich unterscheiden. Auf der anderen Seite können und sollen wir auch Partner sein, wenn es zum Beispiel um den sorgfältigen Umgang mit den öffentlichen Finanzen und damit den Geldern der Bevölkerung geht. Denn da braucht es starke bürgerliche Allianzen.

Die Freisinnigen sind ja so etwas wie die Gründerpartei des Staats. Ist ein künftiger Staat Schweiz ohne Freisinn denkbar?

Auf keinen Fall.


Zur Person

gu. Saskia Schenker (46) ist in Reinach aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in Itingen. In Bern studierte sie Politikwissenschaft und Volkswirtschaft. Von 2015 bis 2025 gehörte sie dem Baselbieter Landrat an. In den Jahren 2019 und 2023 erreichte sie auf der FDP-Nationalratsliste den zweiten Platz und ist somit Erstnachrückende. Von 2018 bis 2021 präsidierte sie die Baselbieter Freisinnigen. Seit dem 1. Mai dieses Jahres ist Saskia Schenker Direktorin des Dachverbands der Schweizer Krankenkassen «prio.swiss».


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