Ein neues Haustier
17.02.2026 PersönlichIm Winter verlagert sich bei uns das Leben. Im Garten herrscht Ruhe – was uns unruhig macht. Wohin mit der Tatkraft?
Sie zieht in die Küche um. Und dort hält uns ein neues Haustier auf Trab. Es ist wie unser Kater Lino: launisch und fordernd, einmal schmeichelnd, ein ...
Im Winter verlagert sich bei uns das Leben. Im Garten herrscht Ruhe – was uns unruhig macht. Wohin mit der Tatkraft?
Sie zieht in die Küche um. Und dort hält uns ein neues Haustier auf Trab. Es ist wie unser Kater Lino: launisch und fordernd, einmal schmeichelnd, ein anderes Mal auf Krawall gebürstet. Zuweilen frisst es mit Begeisterung, manchmal wird es aber auch richtig sauer – und, ungelogen, sogar explosiv!
Unser neues Haustier heisst Luki, haust im Kühlschrank und ist eine Sauerteigmutter (wobei dem Namen nach ja eher ein -vater). Einmal pro Woche will Luki gefüttert sein und legt danach mehr Volumen zu, als man brauchen kann. Inzwischen belegt er vier (!) grosse (!) Gläser im Kühlschrank!
Backen mit Sauerteig ist bei uns zur Manie geworden. Es gibt unzählige Rezepte und Bäcker-Blogger, die uns laufend mit neuen Ideen versorgen. Sauerteigbrot ist anspruchsvoll. Manche Teige ruhen 48, ja sogar 60 Stunden. Andere sind so flüssig, dass man sie kaum anschauen kann, ohne schon restlos verklebt zu sein. Wieder andere bringen unsere Küchenmaschine zum Bersten oder ergeben Baguettes, die besser sind als vieles, was man in französischen Bäckereien bekommt.
Brotbacken ist eine Wissenschaft. Daher ist mit Luki auch ein neuer Wortschatz bei uns eingekehrt. Wir sprechen routiniert von Autolyse und Bassinage, von einer luftigen und dennoch schweren Krume, von einer Kruste, die beim Anschneiden glassplitternd bricht, von Broten mit gutem Gerüst. Wir riechen übertrieben lange am ersten Anschnitt, kauen demonstrativ mit offenem Mund, um das Krachen hörbar zu machen, taxieren die Porung und zählen Luftlöcher, als wären wir Experten an der Bäcker-WM!
Der Spleen hat System. Wir besitzen inzwischen ein gutes Dutzend verschiedener Mehle. Die Küche ist zuweilen weiss wie nach einer Lawinensprengung: Mehl auf allen Arbeitsflächen, Mehl auf dem Boden, Mehl auf Lino, der mitten im Teig-Tohuwabohu eifersüchtig um die Aufmerksamkeit kämpft, die ihm Luki gestohlen hat.
Luki verursacht seit seinem Einzug bei uns permanente Nervosität. Überschwemmt er wieder den Kühlschrank? Sprengt er mit seinen Gasen die Gläser? Und da die Teige über Nacht gären, geht man stets mit der Sorge schlafen, dass sie am Morgen entweder platt sind – oder die Küche übernommen haben. Besonders hektisch war's kürzlich, als wir für einen Sonntagsbrunch ein Brotfestival mit fünf Sorten veranstalteten. Der Wecker klingelte um vier Uhr (!) in der Früh, weil die Teige zeitig aus der Kühle und – Vorsicht Jargon! – «anspringen» mussten. Widerspruch zwecklos, Luki regiert!
«Wir sind die Sklaven eines herrischen Sauerteigs!», rief ich später müde aus. Und: «Luki ist ein übler Diktator, wir sollten ihn verhungern lassen!» Meine liebe Bäckerin schüttelte lächelnd den Kopf, während sie ihre riesige Kiste mit Gemüsesamen aus dem Keller schleppte, um mit den ersten Keimversuchen des Jahrs zu beginnen. Die nächsten launischen Despoten – Tomaten und Co. – stehen bei uns also schon ungeduldig auf der Matte.
David Thommen, Chefredaktor «Volksstimme»

