Ein Leben für die Kunst
03.02.2026 Bezirk Sissach, Diegten, Gemeinden, KulturWalter Eglin widmete sein ganzes Leben der Kunst. Mit Mosaiken, Holzschnitten und Monotypien schuf er aussergewöhnlich vielfältige Werke, die bis heute Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen. Angehörige und Weggefährten kämpfen darum, dass diese Kunst sichtbar ...
Walter Eglin widmete sein ganzes Leben der Kunst. Mit Mosaiken, Holzschnitten und Monotypien schuf er aussergewöhnlich vielfältige Werke, die bis heute Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen. Angehörige und Weggefährten kämpfen darum, dass diese Kunst sichtbar bleibt.
Lorenz Degen
Gleich neben dem Eingang zur Kirche Diegten, auf der rechten Seite, steht ein besonderer Gedenkstein. Farbige Glasscheiben, die von einem etwa halben Meter hohen Stein umschlossen werden, werfen auch an trüben Tagen ein helles Licht auf den Boden. Der Platz erinnert an Walter Eglin. 1895 geboren und aufgewachsen im benachbarten Känerkinden, hat er sich als Künstler einen Namen geschaffen und lebte während Jahrzehnten im Hof Weidli oberhalb von Diegten, wo er am 3. Februar 1966 starb. Aus dem Hof Weidli wurde später ein Pfadi-Heim.
«Lange hat mein Vater geglaubt, er leide an Rheuma, dabei war es Magenkrebs», berichtet Toni Eglin (88). Der jüngere Sohn des Künstlers (sein älterer Bruder Fritz starb 2023) lebt im Tertianum in Olten. Das Werk seines Vaters ist ihm bis heute sehr wichtig. Zusammen mit Gleichgesinnten des «Freundeskreis Walter Eglin», dem unter anderem der Autor Thomas Schweizer angehört, kümmert er sich um Kunstwerke seines Vaters, die von der Zerstörung bedroht sind.
«Leider kommt es immer wieder vor, dass Gebäude, an denen Kunstwerke meines Vaters angebracht sind, abgerissen werden.» Hohe Wellen schlug beispielsweise im Sommer 2017 die «Zigeunerin von Ormalingen», ein Sgraffito, das auf eine örtliche Sage zurückging. «Es gelang nach einigen Widerständen, das Werk an eine andere Stelle zu transportieren.»
Thomas Schweizer hat geholfen, dass Mosaike im Lärchenstrasse-Schulhaus in Münchenstein wieder aufgetaucht sind: «Der Abwart zeigte sie mir im Keller des Schulhauses, später gelangten sie zur Gemeindeverwaltung. Ich konnte sie dann eigenhändig mit meinem Auto nach Känerkinden ins Museum bringen.»
Das Walter-Eglin-Museum wurde 1995, zum 100. Geburtstag des Künstlers, eröffnet. «Ich sage manchmal halb scherzhaft, es sei das einzige Baselbieter Kunstmuseum», so Thomas Schweizer. «Denn nur im Walter-Eglin-Museum gibt es eine Dauerausstellung; alle anderen, wie das Kunsthaus Baselland, das Forum Würth oder das ‹Palazzo› in Liestal, zeigen ausschliesslich Wechselausstellungen.» Das Museum beherbergt auf zwei Stockwerken den künstlerischen Nachlass und auch persönliche Gegenstände wie den Hammer zum Steineklopfen.
Der Gedenkstein auf dem Friedhof Diegten wurde ebenfalls zu diesem Jubiläums-Anlass von der Gemeinde aufgestellt (es handelt sich nicht um den originalen Grabstein). Ursprünglich stammt der Stein aus den spanischen Pyrenäen.
Grösstes Mosaik der Schweiz
«Mein Vater sammelte die allermeisten der Steine für seine Mosaike selbst. Er wanderte im ganzen Baselbiet umher, nahm sie mit nach Hause, wo er sie mit dem Hammer so lange klopfte, bis sie die richtige Form bekamen», erzählt Toni Eglin. Ausgebildet wurde Walter Eglin während fünf Jahren an der Kunstakademie in Stuttgart. Zunächst wandte er sich, ganz dem Zeitgeist der frühen 1920er-Jahre entsprechend, dem Holzschnitt zu. Später faszinierten ihn Mosaike.
Der Durchbruch gelang ihm 1938 mit dem 1. Preis des Wettbewerbs für die Universität Basel. «Mein Vater erhielt ein Telegramm nach Diegten. Sein Freund Eric Bohny schrieb ihm kurz und knapp ‹hast gewonnen›. Doch mein Vater glaubte an einen Schreibfehler, es solle ‹fast gewonnen› heissen. Erst als etwa zwei Stunden später das Telegramm vom Sekretär der Jury eintraf, begriff er, dass er den Wettbewerb wirklich gewonnen hatte.»
Eglin setzte sich gegen 48 Mitbewerber durch, was Neider hervorrief. Es gab Versuche, ihm den Preis abzuerkennen, damit ein Basler Künstler den Auftrag bekäme; der Künstler Alfred Heinrich Pellegrini war der Anführer der Intrige. Doch die Kleingeister konnten sich nicht durchsetzen und Eglin vollendete nach acht Jahren «Die Sendung», wie das grösste Mosaik der Schweiz heisst.
Das grösste Mosaik in Deutschland, «Luther vor dem Reichstag zu Worms 1521» in der Dreifaltigkeitskirche in Worms, stammt ebenfalls von Walter Eglin. «Mein Vater war ein bescheidener Mensch, auch in seinem Auftreten. Als ihn die Wormser abholen wollten, erwarteten sie einen stattlichen Mann mit einer Künstlermähne. Die schmächtige, zurückhaltende Person meines Vaters überraschte sie vollkommen», erinnert sich Toni Eglin und schmunzelt.
Schlüsselwerk einer Epoche
Für Thomas Schweizer stellt das Mosaik «Der Italiener» ein Schlüsselwerk dar. 1966 sprach Max Frisch den berühmten Satz von den Arbeitskräften, die man gerufen habe und den Menschen, die gekommen seien. «Walter Eglin erkannte dies bereits 1953. ‹Der Italiener› nimmt als erstes Kunstwerk der Schweiz Bezug auf die Situation der italienischen Gastarbeiter. Eindrücklich rückt Walter Eglin den Menschen aus dem Süden in den Mittelpunkt.» Durch eine Schenkung gelangte der lange Zeit in Privatbesitz befindliche «Italiener» 2024 ins Walter-Eglin-Museum, wo er seither besichtigt werden kann.
Eine prägende Zeit erlebte Walter Eglin in Israel. «Durch einen Studenten wurde er ins Kibbuz Beith Hashita eingeladen. Mit einer Sondererlaubnis durfte er in einem Steinbruch von König Salomo Reststücke aufsammeln.» Die grünen Malachite verarbeitete er dann ebenfalls in Mosaiken. «Viele Mosaike blieben im Kibbuz, zwei, die ‹Sphinx› und die ‹Mirjam›, kamen mit ihm in die Schweiz zurück», weiss Toni Eglin.
Die «Sphinx» machte vor einigen Jahren Furore, weil sie im KV Liestal hinter einer Gipsplatte verschwand. «Zum Glück konnten wir sie unbeschädigt nach Känerkinden bringen.» Nicht wieder freigelegt ist hingegen das Sgraffito «Weltenbaum», das ebenfalls vom KV Liestal unsichtbar gemacht wurde. Es befand sich in der früheren Eingangshalle, die heute als Computerraum genutzt wird. Thomas Schweizer gibt die Hoffnung nicht auf, dass auch dieses Werk eines Tages wieder ans Licht kommt: «Es ist unbegreiflich, wie so ein Kunstwerk einfach zugedeckt wird. Wir werden weiter dafür kämpfen, dass es freigelegt wird und besichtigt werden kann.»
Israel hinterliess Spuren in den letzten Werken von Walter Eglin, den Holzmonotypien. Sein Stil änderte sich radikal, auch waren die Themen ganz neu. «Stadt von wildem Tier bedroht» heisst beispielsweise eines der eindrücklichen Werke. «Eine Anfrage aus Südfrankreich für ein Kirchenmosaik lehnte er ab, er wollte sich ganz den Monotypien widmen», sagt Toni Eglin. «Mit letzter Kraft arbeitete mein Vater an diesen Hölzern. Er hatte zeitweise ungeheure Schmerzen, aber er zwang sich zur Weiterarbeit.»
An seinem Lebensende wog Walter Eglin noch 45 Kilogramm. Wenige Wochen davor, als eine letzte grosse Operation bevorstand, schrieb Eglin im Spitalbett in Liestal sein künstlerisches «Vermächtnis». Der Text zählt zu den eindrücklichsten Abschiedsworten, die ein Baselbieter Künstler je zu Papier gebracht hat. Alles überschauend, fasste er seine Lebenserkenntnis so zusammen: «Innerlich Unsichtbares sichtbar zu machen, das glaube ich, ist wahre Kunst.»
Thomas Schweizer verneigt sich vor Walter Eglin: «Mich fasziniert sein ungeheuer reichhaltiges Werk.» Andere Baselbieter Künstler wie Jacques Düblin, Jakob Probst oder Fritz Bürgin hinterliessen auch ein beachtliches Schaffen, aber niemand sei in so vielen Gattungen präsent gewesen wie Walter Eglin, so der Literaturkenner. «Dies ist unglaublich: Er hinterliess eine Fülle von Gemälden, Holzschnitten, Mosaiken, Kerbschnitzereien, Kirchenfenstern, Holzmonotypien, Sgraffitos, alles innerhalb eines Lebens und von hoher Qualität! Man sieht es ganz deutlich: Sein ganzes Leben galt der Kunst.»
Rege Publikationen
ld. Thomas Schweizer ist es zu verdanken, dass Walter Eglin auch in Buchform ausführlich gewürdigt wird. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich über ein Jahrzehnt lang mit diesem Künstler befasse», so der Füllinsdörfer. Mittlerweile sind vier Bücher erschienen, ein fünftes ist in Vorbereitung.
2016: «Der steinige Weg des Walter Eglin» (Schwabe Verlag)
2019: «Holzmonotypien» (Schaub Medien)
2022: «Kerbschnitzereien» (Schaub Medien)
2024: «Mosaik eines Künstlerlebens» (Schaub Medien)
2026: «Kirchen und Kirchenfenster» (erscheint im Frühling bei Schaub Medien)
Öffnungszeiten des Walter-Eglin-Museums: Jeden ersten Sonntag im Monat von 10 bis 12 Uhr oder nach Vereinbarung mit der Gemeindeverwaltung, Telefon 062 299 22 19. Führungen sind möglich.



