Die Wüsten
31.12.2025 PersönlichIn den 1960er-Jahren hat uns Professor Grzimek mit seinen Dokumentationen «Serengeti darf nicht sterben» Staunen und Entsetzen gelehrt. «Das darf doch nicht wahr sein», dachten wir, da wir noch Kinder waren. Später dann, wir waren inzwischen erwachsen, machten wir uns ...
In den 1960er-Jahren hat uns Professor Grzimek mit seinen Dokumentationen «Serengeti darf nicht sterben» Staunen und Entsetzen gelehrt. «Das darf doch nicht wahr sein», dachten wir, da wir noch Kinder waren. Später dann, wir waren inzwischen erwachsen, machten wir uns auf, diese Tiere in ihrer natürlichen Umgebungen zu finden.
Ich kann nach vielen Reisen um die Welt verbindlich feststellen, dass weder die Wüste noch die Serengeti überlebt haben. Man hält die selten gewordenen Tiere vorwiegend in Reservaten und Zoos, die Landschaften wurden mehrheitlich zubetoniert.
Eine andere Wüste hat aber nicht nur überlebt, sondern sich sogar noch ausgedehnt: Die Dienstleistungswüste Schweiz. Dienstleistungen sind völlig verschwunden. Gibt es dieses Wort noch? Oder heisst Dienstleistung jetzt QR? Oder Knochen?
Sie wissen nicht, was damit gemeint ist? Obwohl Sie Ihren Knochen vielleicht in diesem Moment in der Hand halten und auf der Suche nach einem QR-Code wie wild auf seine garantiert unschuldigen Tasten einhauen?
Genau. Ein Knochen ist ein Handy. Und einen solchen Knochen brauchen Sie heute für lebenswichtige Aufgaben. Ob Banken, Post, SBB oder Warenhäuser. Alle wollen sie heute Ihren Knochen mit einem QR-Code sehen.
QR ist die Abkürzung für ein Unding, das uns derart geläufig geworden ist, dass wir nicht mehr wissen, was es eigentlich bedeutet. Es ist die Abkürzung für «Quick Response» und soll nichts anderes als «Schnelle Antwort» verheissen. Es müsste richtig heissen: mit Sicherheit keine schnelle Antwort.
Generell scheint zu gelten: Je kleiner ein Land, desto grösser die Servicewüsten. Als die Welt während Corona stillstand, hatten Politiker und Programmierer nichts anderes im Sinn, als das Leben zu erschweren. Sie erfanden den vermaledeiten QR-Code.
Was kaum einer dieser Tölpel bedacht hat: Es gibt Weltgegenden, die bislang nicht elektronisch verunreinigt sind. Es sind Regionen ohne Internetverbindung. Und dann gibt es noch Menschen, die Mühe haben, ein Smartphone oder einen Computer zu bedienen. Zum Beispiel Menschen wie mich.
Ob ich Geld bei der lokalen Bank abheben will, ein Ticket nach Basel lösen oder mich bei der lahmen Post beschweren muss: Ohne Code geht nichts. Ihr Physiotherapeut wird Sie danach fragen, Ihr Optiker auch. Ob man überhaupt noch eine neue Brille kaufen darf? Ich zweifle daran. Und ich zweifle daran, ob ich überhaupt noch in diese Welt passe.
Weihnachten 2025. Ich sitze in einem kleinen Ort auf der Insel Hispaniola und versuche, mich an vergangene Zeiten zu erinnern. Erst vor Kurzem haben wir in der Schweiz wie die Kaninchen vor der Schlange gesessen. In Angst erstarrt vor Coronaviren, Virologen und Schwätzern. Ich wollte nicht erstarren, ich wollte kein Kaninchen sein. Ich wollte auf andere Gedanken kommen. Ich wollte reisen, abreisen, wegreisen.
Wir haben es wieder getan. Trotz aller Unkenrufe von rechts bis links haben wir die Schweiz in Richtung Karibik verlassen. Und haben ein Leben ohne Knochen und QR-Code gefunden. Dafür mit sehr viel Dienstleistung und Service. Hierhin passen wir.
Der Autor, Kolumnist Hanspeter Gsell, lebt seit mehr als 40 Jahren in Sissach.

