Die Natur macht einen zweiten Frühling
24.09.2026 BaselbietObstbäume blühen nach dem Hitzesommer nochmals
Wenn neben einem reifen Apfel plötzlich eine Blüte auftaucht, verstehen viele Menschen die Welt nicht mehr. Doch genau dieses spezielle Naturphänomen tritt zurzeit an verschiedenen Standorten im Baselbiet auf.
...Obstbäume blühen nach dem Hitzesommer nochmals
Wenn neben einem reifen Apfel plötzlich eine Blüte auftaucht, verstehen viele Menschen die Welt nicht mehr. Doch genau dieses spezielle Naturphänomen tritt zurzeit an verschiedenen Standorten im Baselbiet auf.
Aline Schneider
Die Früchte sind noch nicht von den Apfelbäumen gepflückt, schon erscheinen auf denselben Ästen, an denen die reifen Früchte hängen, neue Blüten. Ein seltsames Ereignis, das auch einigen unserer Leserinnen und Leser ins Auge gefallen ist, die der «Volksstimme» entsprechende Fotos zusandten. «Das ist ein eigenartiges Phänomen, das es auch schon früher wiederholt gegeben hat. Nach diesem Sommer scheint es aber vermehrt aufzutauchen, ich sehe das immer wieder, wenn ich in die Landschaft blicke.» Dies sagt Martin Fiechter, Obstbaumberater am Ebenrain Zentrum für Landwirtschaft. «Nach dem Hitzesommer, der ausserordentlich viele Hitzetage und eine ausgeprägte Trockenheit mit sich brachte, scheint die Natur in einem Ausnahmezustand zu sein», erklärt Fiechter. Im Wald könne man zurzeit beobachten, wie junge Triebe absterben und von alten Bäumen grosse, vertrocknete Äste abfallen. Auch die Obstbäume seien während der heissen Sommermonate stark gestresst gewesen. Der Stress scheint sich für sie aufgrund des weiterhin ausbleibenden Regens fortzusetzen.
Zweite Ernte kaum erstrebenswert
Diesen Sommer ist die Obsternte im Baselbiet nicht ertragreich ausgefallen. Umso mehr könnte man sich nun fragen, ob man mit dem Wiederaufblühen der Obstbäume zweimal im Jahr ernten könnte. Tatsächlich sei der Stempel der zweiten Blüte in der Regel auch intakt und könnte mit der Bestäubung zu einer Frucht wachsen, sagt der Spezialist vom «Ebenrain». Zudem gebe es auch aus dem Beerenanbau Erfahrungen, beispielsweise von Erdbeerpflanzen, die zwei Mal im Jahr Früchte tragen würden.
Fiechter hält davon nicht viel. «Vielleicht ist es eine Möglichkeit in der Zukunft. Wenn es wirklich eine Regel werden würde, dass der Herbst drei Monate lang mild – also im Durchschnitt so wie der Frühling – bleibt, dann könnte man theoretisch mit zwei Ernten im Jahr rechnen.» Doch in der Praxis sei das keine gute Idee, besonders nicht wegen des Stresses für die Obstbäume: «Die Arbeit, die sie verrichten, ist wie Hochleistungssport. Dies auch schon, wenn ihre Früchte nur einmal im Jahr geerntet werden. Sie sind ja auch dazu gezüchtet, möglichst viele Früchte zu produzieren. Sie zweimal zu ernten, würde den Bäumen so viel Energie nehmen, dass sie nicht lange leben würden.»
Beim Sommerschnitt, der zurzeit von vielen Obstbauern gemacht wird, würden unter anderem die frischen Blüten entfernt, damit sich die Bäume im Herbst und Winter für den Frühling und die nächste Ernte regenerieren können. Die zweite Blüte würde für die Bäume unnötigen Stress bedeuten, so Fiechter.
Kein Mysterium
Pascal Salathé, der mit seinen Eltern in Diegten einen Obstanbaubetrieb mit Hofladen betreibt, erklärt gegenüber der «Volksstimme», dass er die zweite Blüte in den vergangenen Jahren immer wieder beobachtet und damit gerechnet habe, dass sie auch in diesem Herbst vermehrt vorkommen wird. Sie entstehe deshalb, weil die Knospen für den Frühling durch den Stress des Baums zu früh aufgehen. Tatsächlich könne man von «Stress» reden, da diese Prozesse im Baum durch Hormone ausgelöst würden, beeinflusst von klimatischen Faktoren. Damit die Knospen nicht direkt aufgehen, würden sie von der hormonellen Austriebshemmung zurückgehalten. Diese könne aber gestört werden, wenn der allgemeine Hormonhaushalt des Baumes durcheinandergebracht werde. So könne es vorkommen, dass Blütenknospen nicht mehr vom Austreiben abgehalten und bis zu neun Monate zu früh blühen würden.
Pascal Salathé betont, dass gerade die Trockenheit im Sommer ein relevanter Faktor sei, der den Hormonausgleich des Baumes beeinträchtige. Allerdings sind es nicht nur die Hitze und die Trockenheit, sondern auch Hagel, der das Gleichgewicht der Hormone eines Baums stören könne, da die Narben, die dem Baum durch die Hagelkörner zugefügt würden, zu einem Hormonaustoss führten. Damit erklärt der Obstbauer das Auftreten des Phänomens auch in Sommern ohne übermässige Trockenheit oder Hitzetage.
Auch wenn Knospen wie jetzt zu früh blühen, gebe es keinen Grund zur Sorge über mögliche Ernteausfälle im kommenden Jahr. Die Anzahl an Knospen, die zu früh blühen, sei zu klein, um beim Baum erheblichen Stress auszulösen. Anders würde sich dies verhalten, wenn man gezielt Bäume züchten würde, die zweimal im Jahr Früchte tragen sollen.
Die doppelte Blüte, die zurzeit an Obstbäumen beobachtet werden kann, ist nur bedingt ein Stressfaktor für die Bäume, bilanziert auch Martin Fiechter. Sie habe keinen Einfluss auf die nächste Ernte. Daraus eine potenzielle zweite Ernte zu gewinnen, würde den Bäumen aber beträchtlich schaden und sei mit der heutigen Obstbaumzucht auch nicht realistisch umsetzbar.



