Die künstliche Wahrheit
29.08.2025 PersönlichNeulich reisten der Gatte und ich an die Bregenzer Seefestspiele. Gegeben wurde der Freischütz von Karl Maria von Weber. Der Teufel verführt darin einen jungen Mann, sich eine glückliche Zukunft mit gezinkter Munition zu erschiessen. Eigentlich geht es darum, dass der Pakt mit ...
Neulich reisten der Gatte und ich an die Bregenzer Seefestspiele. Gegeben wurde der Freischütz von Karl Maria von Weber. Der Teufel verführt darin einen jungen Mann, sich eine glückliche Zukunft mit gezinkter Munition zu erschiessen. Eigentlich geht es darum, dass der Pakt mit dunklen Mächten zum persönlichen und moralischen Verfall führt, aber durch Reue, Glaube und göttliche Gnade Erlösung möglich ist. Erstaunlich aktuell, zumindest, was den ersten Teil der Zusammenfassung angeht.
Nun bin ich wirklich kein Opernfan, lang anhaltende Sopranarien machen mich zappelig, die Handlung ist voraussehbar. Der Gatte und ich als doch ältere Zeitgenossen senkten sogar noch das Durchschnittsalter des Publikums. Opern sind offenbar nur für die Vertreterinnen der Gen Z, die Gesang oder Musik studieren, von Interesse. Botoxgereifte Influencerinnen und Influencer, die sich vor der Kulisse inszenierten, waren die Ausnahme. Vielmehr gab sich das konservative Bildungsbürgertum verschiedener europäischer Länder ein äusserst homogenes Stelldichein.
Dabei inszeniert das Stück die Verführbarkeit der Menschen hoch aktuell: Man wünscht sich ein gutes Ende für die Helden und lernt: Gerade wenn es scheinbar gut läuft, steckt die böse Macht der Verführung in jedem Detail und dort, wo man sie am wenigsten erwartet. So springt der Teufel schlussendlich aus der Maske eines kirchlichen Würdenträgers. Ein Schelm, wer nun Böses denkt … Das Böse flutet die Gemeinschaft. Die Inszenierung zeigt, wie perfide sich ein fehlender innerer Wertekompass auswirken kann, und ist dabei noch weniger voraussehbar als die Wirklichkeit.
Denn die stellt gerade systematisch alles in Frage, was die Schweiz als überzeugte Vertreterin von Recht und Ordnung für die Zukunft braucht. Multilateralismus ade – Scheiden tut weh. Der grösste Feind der Schweiz ist nicht mehr länger die EU-Technokratie, sondern der Mafiaboss aus dem Weissen Haus. Ein überzeugter «Maga»-Anhänger ist bereit, jahrzehntelang zu leiden dafür, dass sich die autokratische Agenda des aktuellen Präsidenten nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt durchsetzen kann. Ging es den US-Bürgerinnen und -Bürgern unter der Vorgängeradministration denn so schlecht?
Keineswegs, aber «Maga» würde auch glauben, wenn Trump per Dekret bestimmen würde, dass es Europa ab sofort nicht mehr gibt. In Bild und Wort wird täglich rekordreif gelogen, werden Zusammenhänge ausgeblendet und verbogen, vertrauend darauf, dass viele Menschen sich kein eigenes kritisches Bild mehr leisten und Glauben den Verstand ersetzt. Denn um nicht in der Flutwelle des Bösen unterzugehen, braucht es das Engagement von allen. Nicht nur von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Politikerinnen und Politikern. Sich nicht von oberflächlichem Unsinn verführen zu lassen, ist oberste Aufgabe für alle, denen die Demokratie etwas wert ist. Hier wie dort. Nach dem Freischütz ist klar: Dem Sturm trotzen kann man generationsübergreifend und muss es: Auch und gerade über die Landesgrenzen hinweg.
Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Sie lebt in Anwil und amtet dort als Gemeinderätin.