Die Kirche im rechten Winkel
25.06.2026 Bezirk Sissach, Kirche, WintersingenDas Gotteshaus feiert sein 350-jähriges Bestehen
Die Wintersinger Kirche ist eine der wenigen des Kantons, die ihre Ausstattung aus dem 17. und 18. Jahrhundert fast vollständig erhalten hat. Dies und ihr aussergewöhnlicher Grundriss zeichnen sie aus. Das 350-jährige Gotteshaus wird ...
Das Gotteshaus feiert sein 350-jähriges Bestehen
Die Wintersinger Kirche ist eine der wenigen des Kantons, die ihre Ausstattung aus dem 17. und 18. Jahrhundert fast vollständig erhalten hat. Dies und ihr aussergewöhnlicher Grundriss zeichnen sie aus. Das 350-jährige Gotteshaus wird jetzt gefeiert.
Christian Horisberger
Am Wochenende wird in der Wintersinger Kirche und rund um das Pfarrhaus Trubel herrschen. Anders als vor bald sechs Jahren, als nach einer Explosion in der Kirche grosse Aufregung herrschte, ist der Anlass dieses Mal erfreulich: Die Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen feiert das 350-jährige Bestehen ihrer «Winkelhakenkirche».
Nicht nur ihre für Sakralbauten seltene Form, sondern auch die exponierte Lage mit den Rebstöcken im Westen und der überdachte Aufgang zum eingefriedeten Kirchhof machen die Kirche zu einem attraktiven Fotomotiv. Dies ist auch den Autorinnen und Autoren des Buchs «Reformierte Kirchen und Pfarrhäuser im Baselbiet» nicht entgangen: Als Titelbild wählten sie die Wintersinger Kirche aus.
In dieser Publikation wird die Wintersinger Kirche neben jener in Binningen als einzige Winkelhakenkirche der Schweiz beschrieben. Dabei handelt es sich um eine Besonderheit im Kirchenbau: Sie besteht aus zwei Kirchenschiffen, die im rechten Winkel zueinander stehen. Solche Bauten wurden entweder wegen der Form des Baugrunds geplant oder sie sind durch den Ausund Anbau bestehender Kirchen entstanden.
Viel älter als 350 Jahre
Für Wintersingen trifft Letzteres zu. 1676 – vor 350 Jahren – wurde die bestehende Kirche aus Platzmangel unter teilweiser Verwendung des Schiffs der Vorgängerkirche erweitert. Als Vorbild soll dem Erbauer Daniel Hartmann, einem Zimmermeister aus Colmar, die Stadtkirche Freudenstadt im Schwarzwald gedient haben. Damit ist auch klar, dass die ursprüngliche Kirche von Wintersingen älter als 350 Jahre sein muss. Viel älter sogar: «Eine archäologische Untersuchung anlässlich der Renovation von 1980 hat mehrere Erd- und Steinplattengräber ans Licht gebracht, die zusammen mit letzten Fundamentresten auf die Präsenz einer ersten, wohl um 700 oder im frühen 8. Jahrhundert entstandenen Kirche hinweisen», heisst es in einer Broschüre, welche die frühere Kirchgemeinde Wintersingen-Nusshof ihrem Gotteshaus widmete.
Die erstmalige urkundliche Erwähnung der Kirche von Wintersingen findet sich in einem päpstlichen Dokument vom 8. Mai 1196, als Besitz des Chorherrenstifts St. Leonhard in Basel. Die nächsten bekannten Dokumente datieren bereits aus dem 16. Jahrhundert: Im Zuge der Reformation verschwand der Altar und der Altarstein wurde 1534 für 10 Schilling verkauft, Bilder und Statuen wurden entfernt. Um die gleiche Zeit kamen die Nusshöfer vermehrt zum Gottesdienst nach Wintersingen und es entstand die Kirchgemeinde Wintersingen-Nusshof.
Im Weiteren finden im Kirchenführer diverse Reparaturen und Anpassungen am Gebäude, seiner Ausstattung und auch am «Beinhaus» innerhalb des Kirchhofs Erwähnung. Das Dach ist mehrmals ein Thema: 1611 wurden zu dessen Reparatur 5000 Schindeln verbraucht, 1617 wurde der Kirchturm umgedeckt und 1627 «das Dächli obe der Zyth» wieder erneuert.
Steine aus Liestal und Sissach
In mehreren Textpassagen finden sich Hinweise auf zu enge Platzverhältnisse im Gotteshaus. Das sollte sich vor 350 Jahren ändern. Daniel Anderegg, der Autor des Kirchenführers, beschreibt den Umbau wie folgt:
Im Frühjahr 1676 aber gab der colmarsche Zimmermeister, Daniel Hartmann, den Deputaten einen Riss, wegen der «Ergrösserung der Kirche». Er sah eine Erweiterung in der Weise vor, dass an die alte Kirche, die eine Länge von 56 und eine Breite von 22 Schuh aufwies, im rechten Winkel ein Anbau angesetzt würde, mit einer Breite von 30 und einer Länge von 64 Schuh. (…)
Die vorgelegten Pläne gefielen jedoch dem Lohnherrn Jakob Meyer. (…). Schon am 30. März 1676 gaben die Deputaten zum Projekt Daniel Hartmann ihre Zustimmung. Noch am selben Tag wurde der «Verding» abgeschlossen. Dieser Vertrag bestand hauptsächlich aus folgenden Arbeiten: Hartmann hatte das Mauerwerk von dem «alten Kirchlein im Winkelbogen alwo, die newe Maur anstossen wirt, item die Maur am Kirchhoff, Beinhäuslein und zusamt dem alten Dach, Gloggenstuel und Dürnlin, soviel es erheischt», abzubrechen und das Fundament zu den neuen Mauern zu graben, die 24 Schuh hoch, 4 Schuh dick oben auf 2 Schuh auslaufen sollten. Weiterhin war auf dem Dach ein «Thürmlein mit einer hochen welschen Hauben» vorgesehen. In der Kirche hatte er zwei Lettner mit ihren Stegen und eine Kanzel zu errichten.»
Der Bau wurde durchgeführt, die Steine wurden in Liestal und in Sissach gebrochen. Die Fenster wurden mit gemeinen Scheiben verglast. Das Werk wurde während des Baues insofern verändert, als die welsche Haube auf dem Turm fallengelassen und durch einen vierseitigen Helm ersetzt wurde. Kirche und Türmlein wurden mit Ziegeln doppelt eingedeckt. Der Turm hatte vom Boden eine Höhe von 30 Schuh, der Helm bis zum Kopf eine solche von 28 Schuh. Schliesslich wurde auch noch ein neues Zifferblatt angebracht und die Uhr neu gemalt. (…)
Die Kosten beliefen sich auf 3000 Pfund. Der Lohnherr Meyer erhielt für Aufsicht und Mühewaltung am 7. Juni 1677 acht Reichstaler. Am 18. September wurde noch eine Summe von 200 Pfund als Nachtrag bewilligt.
Seit der Erweiterung führten Schäden am Gebäude und im Kircheninnern und auch Wünsche nach Verschönerungen zu Veränderungen, die zum Teil wieder rückgängig gemacht worden sind. Die bisher letzte Gesamtrenovation der Kirche fand um 1980 statt, seither wurden immer wieder kleinere und grössere Reparatur- und Installationsarbeiten vorgenommen. Letztmals waren Handwerker, Restauratoren und Denkmalpfleger 2020 gefordert, als nach der Explosion eines Elektro-Schaltkastens in der Kirche erheblicher Schaden am Inventar, an der Elektrik und an der Orgel entstanden ist.
Im Inventar der geschützten Kulturdenkmäler wird das Wintersinger Gotteshaus als eines der wenigen im Kanton gewürdigt, die ihre alte Ausstattung aus dem 17. und 18. Jahrhundert beinahe vollständig erhalten haben. Das Innere sei deshalb abgesehen vom eigenartigen und ausserordentlich seltenen Grundriss auch wegen seiner Ausstattung von unschätzbarem Wert. Die Kirche sei ein hervorragendes Beispiel für den Zustand der Kirchen in der Landschaft Basel im 17. Jahrhundert.
Vielseitiges Jubiläumsprogramm
vs. Die Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen feiert am kommenden Wochenende das Jubiläum «350 Jahre Kirche Wintersingen». Dieser Anlass soll die Geschichte des Bauwerks sowie seine Bedeutung für das Dorf und die Region in Erinnerung rufen und gemeinsam mit der Bevölkerung gefeiert werden, wie OK-Präsident Christoph Schaffner sagt. Die Festaktivitäten finden in der Kirche sowie ums Pfarrhaus statt. Sie beginnen am Samstag um 16 Uhr mit der Eröffnung der Festwirtschaft beim Pfarrhaus. Um 17 Uhr interpretiert «Gerry – The Voice of Vegas» Titel von Elvis Presley. Historisch Interessierte sind um 18 und 19 Uhr eingeladen, an Kirchenführungen teilzunehmen. Diese werden geleitet von Daniel Anderegg, dem Autor des Wintersinger Kir chenführers (siehe Hauptartikel). Um 20.15 Uhr tritt das Comedy-Duo Bröckelmann & Bröckelfrau auf, gefolgt von einem Konzert der Basler Band «IndiRekt» in der Kirche (21.15 Uhr).
Am Sonntag (10 Uhr) findet in der Kirche der Festgottesdienst unter der Leitung von Pfarrer Gerd Sundermann und mit Musik von Regula Hungerbühler (Orgel), Andrea Suter (Sopran) und Riccardo Bovino (Klavier) statt. Anschliessend kann vor der Kirche auf die Jubilarin angestossen werden.



