Dichterin, Lehrerin, Menschenfreundin
22.01.2026 Porträt, BaselbietErinnerungen an Fanny Straumann-Thommen (1862–1928)
Fanny Straumann-Thommen gehörte zu jenen Frauen, die im Stillen Grosses leisteten: als Lehrerin, Sozialengagierte und als Dichterin mit feinem Gespür für das Leben. Höchste Zeit, um an sie zu erinnern.
...Erinnerungen an Fanny Straumann-Thommen (1862–1928)
Fanny Straumann-Thommen gehörte zu jenen Frauen, die im Stillen Grosses leisteten: als Lehrerin, Sozialengagierte und als Dichterin mit feinem Gespür für das Leben. Höchste Zeit, um an sie zu erinnern.
Hanspeter Gautschin
Im oberen Städtchen von Waldenburg, unweit der Kirche, kam am 9. September 1862 Fanny Straumann zur Welt. Sie war die älteste Tochter des Industriellen und Politikers Gedeon Thommen, Mitbegründer der Revue Thommen Uhrenfabrik, und seiner Frau Louise, geborene Baron. In einer Familie mit zehn Kindern lernte sie früh, Verantwortung zu übernehmen – und entwickelte dabei jene Selbstverständlichkeit im Dienen, die ihr ganzes Leben prägen sollte.
Nach der Primarschule in Waldenburg besuchte sie in Zürich die Sekundarschule und das Seminar Unterstrass. Ein längerer Aufenthalt im Welschland erweiterte ihren Horizont und schärfte ihren Sinn für Disziplin und Genauigkeit. Mit erst 19 Jahren kehrte sie nach Waldenburg zurück, um den Haushalt ihres Vaters zu führen – eine anspruchsvolle Aufgabe, die sie mit Umsicht und natürlicher Autorität erfüllte.
Am 20. Oktober 1887 heiratete sie ihren Jugendfreund Dr. Hermann Straumann, den Sohn des «Schlüssel»- Wirts. In Waldenburg eröffnete dieser seine Arztpraxis. Das Wohn- und Praxisgebäude wurde bald weit über das Städtchen hinaus als das «Doktorhaus» bekannt – ein Ort der Hilfe, des Zuhörens und der menschlichen Nähe. Fanny Straumann war dessen Mittelpunkt. Sie empfing, tröstete, organisierte und hielt der Familie wie auch der Praxis den Rücken frei.
Der Weg zur Dichterin
Doch ihr Wirken ging weit über das Haus hinaus. Angeregt durch die ärztliche Tätigkeit ihres Mannes entwickelte sie ein starkes soziales Engagement. Während 27 Jahren leitete sie die von ihr gegründete Koch- und Haushaltungsschule der «Gemeinnützigen Gesellschaft Baselland» in Waldenburg. Generationen junger Frauen erhielten dort nicht nur praktische Kenntnisse, sondern auch Selbstvertrauen und Lebenssicherheit. Nach der Verstaatlichung der Schule berief der Regierungsrat sie zur Expertin für das kantonale Koch- und Haushaltungswesen. Auch in der Fürsorge für kranke Wehrmänner setzte sie sich ein – still, zuverlässig und ohne Aufhebens.
Fanny Straumann war überzeugt, dass Bildung und Lebensführung zusammengehören. Wer ein geordnetes, warmes Heim schaffe, so ihr Verständnis, trage auch zu innerem Halt und sozialem Frieden bei.
Neben all ihren Pflichten fand sie in seltenen Mussestunden zur Dichtung. Ihre Gedichte kreisen um Natur, Vergänglichkeit, Dankbarkeit und Demut. 1922 erschien der Gedichtband «Herbstfäden». In ihrem letzten Lebensjahr veröffentlichte sie im «Landschäftler» eine Reihe von Mundartgedichten unter dem Titel «Wenn d’Bättzytglogge lütet». Eine Leserin schrieb damals treffend:
«Hier redet ein Mensch, der um des Lebens Freud und Leid weiss, der berufen ist, andern Wegleiter, Helfer und Freund zu sein.»
Ihr eigenes Leben blieb nicht von Leid verschont. Der Tod des ältesten Sohnes Kurt, der 1923 am Rhonegletscher verunglückte, traf sie schwer. Dennoch bewahrte sie ihre innere Ruhe und Zuversicht. Am 9. August 1928 starb Fanny Straumann-Thommen im Alter von 66 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
In einer Zeit, da Frauen selten öffentlich wahrgenommen wurden, verband sie häusliche Verantwortung mit geistiger Weite. Ihre Gedichte sind schlicht, aber von grosser Tiefe. Sie sprechen von einem Glauben an das Gute und an die stillen Kräfte des Lebens.
Heute ist Fanny Straumann-Thommen fast vergessen. Doch wer ihre Verse liest oder ihr Wirken betrachtet, erkennt schnell: Sie war eine Frau, die Menschen berührte.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

