Dichte Wasserrohre retten nicht vor Dürre
22.09.2026 Baselbiet, BaselbietZur Herausforderung werden versiegende Quellen und sinkende Grundwasserspiegel
Jährlich versickern in der Schweiz Milliarden Liter Trinkwasser durch undichte Leitungen. Eine Recherche im Oberbaselbiet zeigt jedoch: In Trockenperioden liegt das grössere Problem nicht im Leitungsnetz, ...
Zur Herausforderung werden versiegende Quellen und sinkende Grundwasserspiegel
Jährlich versickern in der Schweiz Milliarden Liter Trinkwasser durch undichte Leitungen. Eine Recherche im Oberbaselbiet zeigt jedoch: In Trockenperioden liegt das grössere Problem nicht im Leitungsnetz, sondern beim schwindenden Wasservorkommen.
Jo Krebs
Es ist eine Zahl, die aufhorchen lässt und in trockenen Sommern gerne durch die Presse gereicht wird. Rund 120 Milliarden Liter wertvolles Trinkwasser sollen in der Schweiz jährlich ungenutzt im Boden versickern. Etwa jeder siebte Liter unseres Wassers, so der mediale Tenor, erreiche den Wasserhahn gar nicht erst, weil die kommunalen Rohre alt, löchrig und schlecht gewartet seien. Wenn dann in Dürreperioden Gemeinden in der Schweiz zum Wassersparen aufrufen müssen, ist der Schuldige in der öffentlichen Wahrnehmung schnell gefunden – die Infrastruktur. Doch stimmt das überhaupt? Ist der Tropfen, der im Boden versickert, wirklich schuld daran, dass das Wasser knapp wird?
Eine breit angelegte Umfrage bei den Gemeinden im Einzugsgebiet der «Volksstimme» zeichnet ein anderes, pragmatischeres Bild. Von Panik oder einem strukturellen Versagen der Infrastruktur kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Die meisten Gemeinden im Oberbaselbiet operieren deutlich effizienter als der Schweizer Durchschnitt, der laut dem Fachverband für Wasser, Gas und Wärme bei 13 bis 15 Prozent liegt. Gemeinden wie Bubendorf, Gelterkinden, Lauwil, Oberdorf, Hölstein, Lupsingen, Lausen oder Rothenfluh melden Wasserverluste im einstelligen Bereich, meist zwischen 5 und 10 Prozent. «Wir liegen mit unseren Netzverlusten im guten schweizerischen Bereich», heisst es dazu stellvertretend in einer Stellungnahme der Gemeinde Lupsingen. Natürlich gibt es auch Ausreisser und Schwankungen – etwa wenn extrem ausgetrocknete Böden das Erdreich in Bewegung versetzen und so punktuell Leitungsbrüche provozieren.
Die Natur diktiert das Angebot
Die wichtigste Erkenntnis der Recherche ist jedoch eine andere. Selbst wenn das Schweizer Leitungsnetz ein technologisches Wunderwerk und zu 100 Prozent dicht wäre, würde es uns an heissen Hochsommertagen nicht vor Engpässen bewahren. Das wirkliche, von den Menschen unbeeinflussbare Problem ist nicht das Leitungsrohr, sondern das, was am Anfang des Rohrs hineinfliessen sollte. Hitzeperioden wie diesen Sommer führen zu einem teils dramatischen Rückgang der Quellschüttungen und sinkenden Grundwasserspiegeln.
Wie kritisch die Lage tatsächlich ist, verdeutlicht die Situation in Buckten diesen August. Die Quellen im Gebiet Schlossacker fielen auf einen Ertrag von gerade einmal 0,5 Litern pro Minute. Entsprechend können die Eigenquellen der Gemeinde den Bedarf bei Weitem nicht mehr decken. Ein weiteres eindrückliches Beispiel zeigt sich in Hemmiken, wo die Quelle statt der normalen 180 Liter pro Minute nur noch rund 45 Liter schüttete. Wenn die Natur derart viel Wasser zurückhält, wird die Frage nach ein paar Prozent Netzverlusten nebensächlich.
Die Baselbieter Gemeinden verfallen angesichts der klimatischen Veränderungen folglich nicht in blinden Aktionismus. Statt überstürzter, beschleunigter Totalsanierungen der Rohrnetze setzt man auf kontinuierliche, vorausschauende Unterhaltsarbeiten nach Mehrjahresplänen. Die Strategie der Zukunft heisst nicht Perfektion, sondern Solidarität. Um die Versorgungssicherheit zu garantieren, setzen praktisch alle befragten Gemeinden auf den Ausbau von regionalen Verbundsystemen. Man hilft sich gegenseitig aus, wie das Beispiel Buckten zeigt.
Neue Wasserwerke sollen helfen
Die Hauptversorgung erfolgt inzwischen über Läufelfingen und den Zweckverband Wasser oberes Homburgertal. Allein im Juli musste die Gemeinde über 4600 Kubikmeter Wasser vom Verbund beziehen – 62 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch andernorts stützen Gemeinden mit grösseren Wasserreserven ihre Nachbarn. Hölstein etwa liess bereits im Frühling das komplette Netz proaktiv auf Schadstellen analysieren, minimierte die Leckagen und kann dank dieser Reserven nun andere Gemeinden unterstützen. Daneben helfen starke Grundwasserpumpwerke, wie jene in Bubendorf, Gelterkinden oder Sissach, den Nachbarn aus, oder es werden – wie kürzlich in Oberdorf und Niederdorf – neue gemeinsame Wasserwerke bewilligt.
Der Mythos vom «versickernden Wasser» als das Problem für die Wasserversorgung taugt vielleicht für reisserische Schlagzeilen in Dürresommern. Die Realität vor Ort im oberen Baselbiet zeigt, dass die regionale Wasserversorgung gut und vorausschauend aufgestellt ist. Der Schlüssel im Kampf gegen die Trockenheit liegt im gemeinsamen Bewirtschaften der Wasserversorgung und beim sparsamen Umgang mit Trinkwasser – nicht in der Suche nach dem letzten Tropfen im Leitungsnetz.
Faktencheck: das unsichtbare Leck
jk.
Rund 120 Milliarden Liter (120 Millionen Kubikmeter) sauber aufbereitetes Trinkwasser versickern in der Schweiz jedes Jahr ungenutzt im Boden. Das zeigt eine Statistik des Schweizerischen Vereins des Gasund Wasserfachs (SVGW). Dies entspricht 800 Millionen normalen Badewannen. Jeder siebte Liter geht verloren. Das Leckagevolumen entspricht landesweit rund 13 bis 15 Prozent des gesamten produzierten Trinkwassers. Das Wasser entweicht unter der Erde durch Mikrorisse, schadhafte Rohrverbindungen oder unbemerkte Brüche im mehr als 50 000 Kilometer langen Schweizer Leitungsnetz. Während moderne Gemeinden die Verluste auf unter 5 Prozent drücken, verlieren ältere oder sehr verzweigte Netze mancherorts weit über 20 Prozent. Ökologisch gesehen ist das Wasser nicht verloren – es fliesst zurück ins Grundwasser. Die Energie und die Kosten für die aufwendige Reinigung, Aufbereitung und den Transport des Wassers werden jedoch vergeblich aufgewendet.
Im Fokus der Umfrage standen Wasserverluste im Leitungsnetz, Versorgungssicherheit und Anpassungsstrategien an die zunehmende Trockenheit. Angeschrieben wurden die Verwaltungen von 52 Gemeinden im Verteilgebiet der «Volksstimme». Rückmeldungen – teils gebündelt durch regionale Wassergenossenschaften und Verbundsysteme – liegen von insgesamt 24 Gemeinden vor.

