Der Vollblutpolitiker radelt in die Freiheit
30.04.2026 Bezirk Sissach, Politik, GelterkindenMartin Rüegg über schwierige und tolle Erfahrungen
Nach neun Jahren als Gelterkinder Gemeinderat beendete Martin Rüegg (SP) nach der verlorenen Abstimmung über das neue Schulhaus vorzeitig seine politische Laufbahn. Er blickt auf seine Laufbahn zurück – und sagt, was er sich für ...
Martin Rüegg über schwierige und tolle Erfahrungen
Nach neun Jahren als Gelterkinder Gemeinderat beendete Martin Rüegg (SP) nach der verlorenen Abstimmung über das neue Schulhaus vorzeitig seine politische Laufbahn. Er blickt auf seine Laufbahn zurück – und sagt, was er sich für das Dorf wünscht.
Tobias Gfeller
Eigentlich hätte erst Ende Juni Schluss sein sollen. Doch der emotional geführte Abstimmungskampf über den Projektierungskredit für den Schulhausneubau hat Martin Rüegg zugesetzt. Der Gelterkinder SP-Gemeinderat, verantwortlich für das Ressort Bildung, warf am Tag nach der Abstimmungsniederlage den Bettel hin. Er trage die politische Verantwortung für das Nein der Stimmbevölkerung, erklärte Rüegg in einer Mitteilung der SP Gelterkinden und Umgebung. Als Grund für den vorzeitigen Rücktritt machte der 68-Jährige auch gesundheitliche Probleme geltend.
Die «Volksstimme» traf Martin Rüegg am 25. März zum Abschiedsinterview. Einen Monat vor der viel diskutierten Abstimmung machte Rüegg einen aufgeräumten und zufriedenen Eindruck. «Für mich stimmt es so. Ich habe keine Angst, in ein Loch zu fallen», meinte Rüegg zu seinem Rücktritt, der eigentlich auf den 30. Juni angesetzt war. Der Exekutive der zweitgrössten Oberbaselbieter Gemeinde gehörte Rüegg seit 2017 an. Von 2003 bis 2019 politisierte er für die SP im Landrat. Zwischen 2008 und 2013 präsidierte er die Kantonalpartei der SP.
Martin Rüegg wählte den 30. Juni als Zeitpunkt seines Rücktritts aus dem Gemeinderat ganz bewusst. Mit dem im vergangenen Sommer gestarteten Pilotprojekt für eine Tagesstruktur, der Erneuerung des Logopädievertrags mit den umliegenden Gemeinden und der Abstimmung über den Projektierungskredit über den Schulhausneubau befinden sich drei zentrale Themen in seinem Ressort Bildung, Kultur und Sport an einem Punkt, an dem sie seiner Nachfolge übergeben werden können.
Martin Rüegg ist ein durchwegs politischer Mensch. Auch nach seinem Rücktritt wird er die Politik auf kommunaler, kantonaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene intensiv verfolgen. International tut er dies wie viele andere Menschen auch mit zunehmender Sorge.
Der 68-Jährige hat in seiner Laufbahn als Kantonalpräsident der SP, als Landrat und bis zuletzt als Gemeinderat unzählige politische Streitigkeiten ausgefochten. Stets habe er versucht, die Debatten mit Anstand und Sachlichkeit zu führen. Ein Wesenszug, der in der Politik arg unter Druck geraten ist. «Leider zeigt es sich weltweit, dass es sich lohnen kann, mit dem ‹Zweihänder›, das heisst mit dem Recht des Stärkeren, durch die Politik zu ziehen.»
Umgangsformen wurden rauer
Gerade in dieser angespannten Zeit brauche es Brückenbauer. «Wenn wir als Staatswesen weiterhin funktionieren möchten, müssen wir näher zusammenrücken.» Er selbst würde sich nicht durchs Band mit dem Prädikat «Brückenbauer» schmücken, sagt Martin Rüegg. «Ich habe es versucht. Gelungen ist es mir wohl nicht permanent.» Rüegg zählte sich stets zum sozial-ökologischen Flügel der SP, der neben dem Menschen die Natur und Umwelt ins Zentrum seiner Politik stellte.
Martin Rüegg erlebte mit, wie auch im Baselbiet und sogar in der Dorfpolitik von Gelterkinden die Umgangsformen rauer geworden sind. Eine Entwicklung, die dem pensionierten Gymnasiallehrer deutlich missfällt. Vergleicht er das Amt als Gemeinderat mit dem Amt als Landrat, kommt Rüegg zu einem klaren Urteil: «Das Gemeinderatsamt war für mich emotional klar die grössere Belastung als das Landratsamt.» Man sei in der Exekutive einer von sieben und exponierter. «Dazu passiert alles im eigenen Dorf, im direkten persönlichen Umfeld.» Die Abstimmung über den Schulhausneubau war diesbezüglich der traurige Höhepunkt. Wie er im Interview mit der «BZ» sagte, habe Gelterkinden mit einer ehemaligen Gemeindepräsidentin und ehemaligen Gemeinderäten eine «sehr starke» Gruppierung, welche die Geschicke des Dorfs aus der zweiten Reihe noch immer lenke.
Gerade im Abstimmungskampf hätten die Familien Baader, Bossert und Mangold den politischen Stil vermissen lassen.
Martin Rüegg stellt nach dem Vergleich der Nachteile schnell klar: «Ich will nicht jammern. Das Positive in der Politik überwog eindeutig. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt – in den eigenen Reihen und auf der politischen Gegenseite.» Den grössten Mehrwert seiner Zeit in der Politik sieht Rüegg im Kennenlernen des Staatswesens auf allen Ebenen. Als Mitglied des Zentralvorstands der Gymnasiallehrer erhielt er auch Einblick in Abläufe auf eidgenössischer Ebene. Beeindruckt hätten ihn das Funktionieren und das Zusammenspiel der verschiedenen Kulturen und Sprachen. Martin Rüegg glaubt auch deshalb an die Willensnation Schweiz, die in schwierigen Phasen zusammenhält.
Am wohlsten fühlt sich Martin Rüegg noch immer in Gelterkinden, dort, wo er aufgewachsen und Bürger ist. Sorgenfrei könne er nicht in die Zukunft seiner Heimatgemeinde blicken, gibt Rüegg zu. Mit dem historischen Ortskern, der «wunderbaren Landschaft» und den vielseitigen Freizeitangeboten sei Gelterkinden als Wohnort attraktiv. Mit dem zusätzlichen Schnellzughalt werde Gelterkinden noch besser an die Restschweiz angebunden und damit noch attraktiver, so Rüegg. «Das Wachstum wird die Gemeinde finanziell und von der Infrastruktur her weiter fordern.» Geht es nach Rüegg, sollte das Wachstum nicht zu schnell erfolgen. Einerseits, weil er am dörflichen Charakter von Gelterkinden hängt, andererseits, um die Belastung für die Gemeindefinanzen nicht zu gross werden zu lassen. «Ich hoffe, es gelingt dem Dorf, diesen Spagat zu meistern.»
Wettkampfschwimmer
In der Verantwortung, wie es mit Gelterkinden weitergeht, stehen in Zukunft andere. Langweilig wird es Martin Rüegg nicht werden. Der frühere Sportlehrer ist ein Bewegungsmensch geblieben: Joggen, Radfahren (mit dem Mountainbike und dem Rennvelo), Langlauf und Schwimmen gehören zu seinen Hobbys. Früher übte er diese Sportarten mit Stoppuhr aus, heute zum Geniessen. Den Ehrgeiz hat der ehemalige Wettkampfschwimmer – Martin Rüegg gehörte zur ersten Generation im alten Hallenbad – längst abgelegt. «Sport, gerade Radfahren, ist heute für mich ein Stück Freiheit, das Erleben der wunderbaren Landschaft.» Die Veloferien mit seiner Frau in Frankreich im Juli sind längst im Kalender vermerkt. «Noch ohne Motor», betont er mit Nachdruck und einem Lächeln.
Martin Rüegg kann sich danach auch ein soziales Engagement vorstellen. «Der Mensch stand für mich als Politiker im Zentrum. Das wird auch nach der politischen Karriere so bleiben.» Als mögliche Engagements nennt er einen Sozialdienst in einem Spital oder die Mitarbeit bei einem Mahlzeitendienst.
Auch Geselligkeit spielt im Leben des Gelterkinders eine zentrale Rolle. «Ich möchte das Leben geniessen. Mir ist bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es mir so gut geht», sagte Rüegg am 25. März. Seit dem 1. Dezember ist Martin Rüegg inoffiziell Grossvater. Seine zweite Frau ist Grossmutter geworden. «Ich kann mir durchaus vorstellen, regelmässig zu hüten.» Der Gedanke daran bereitet dem mittlerweile abgetretenen Gemeinderat spürbar Freude.

