Der bürgerliche Grüne sagt Adieu
29.09.2026 Baselbiet, Baselbiet, PolitikIsaac Reber war vieles – vor allem aber ein Politiker zum Anfassen
Nach 15 Jahren verlässt Isaac Reber die Regierung. Er setzte auf pragmatische, meist schrittweise Veränderungen statt auf die grosse grüne Transformation – und blieb dabei ein Politiker, der auch nach drei ...
Isaac Reber war vieles – vor allem aber ein Politiker zum Anfassen
Nach 15 Jahren verlässt Isaac Reber die Regierung. Er setzte auf pragmatische, meist schrittweise Veränderungen statt auf die grosse grüne Transformation – und blieb dabei ein Politiker, der auch nach drei Amtszeiten erfrischend wenig Amtsperson war.
Janis Erne, David Thommen
Isaac Reber räumt in diesen Tagen sein Büro in Liestal und bleibt ab morgen für immer weg. Es wird etwas leiser und langweiliger in der Baselbieter Politik, denn kaum jemand hat häufiger und lauter gelacht als der 65-Jährige aus Sissach. «Isi», wie ihn alle Welt nennt, war zwar ein «Animal politique», vor allem aber war er für Baselbieter Politikerverhältnisse bemerkenswert populär. Nicht, weil er stets die wegweisendsten Dinge der Welt sagte, sondern weil er nahbar war, fast immer zu einem kleinen Scherz aufgelegt und trotzdem die Gabe besitzt, mit grosser Ernsthaftigkeit auf die Menschen einzugehen, denen er begegnet.
Als Reber im Februar seinen Rücktritt ankündigte, kam das einigermassen überraschend. Nicht, weil 15 Jahre in einer Kantonsregierung zu wenig wären, sondern weil man bei «Isi» nie das Gefühl hatte, ihm falle in Liestal die Decke auf den Kopf. Ein paar Monate später fiel sie im Regierungsgebäude tatsächlich herunter: Im Regierungszimmer löste sich die gesamte Deckenverkleidung. Zum Glück sass niemand darunter. Dass ausgerechnet dem Baudirektor, der das frisch sanierte Gebäude 2024 wieder übergeben hatte, zum Abschied noch die Decke herunterkam, gehört zu jenen Pointen, die nur das Leben schreiben kann. An Reber dürfte das kleben bleiben. Wohl auch an der nächsten Fasnacht.
Doch der Reihe nach: Reber war nie der Politiker der reinen Lehre. In einer Partei mit grossen ökologischen Zielen war er der Mann der machbaren Schritte. Das brachte ihm den Vorwurf ein, zu wenig grün zu sein. Gleichzeitig war gerade diese Art Teil seiner Stärke: Reber wurde im bürgerlich geprägten Baselbiet gewählt, weil er als sympathisch-fortschrittlicher Kandidat und nicht als wandelndes grünes Parteibuch angetreten war. Kritik aus dem links-grünen Lager begleitete ihn deswegen latent; zur Konfrontation kam es aber nie, Reber genoss zu viel Respekt.
Start als Sissacher Gemeinderat
Seine politische Karriere begann an seinem Wohnort. Der Geograf und ETH-Raumplaner gehörte von 1996 bis 2001 für die lokale «Stechpalme» dem Sissacher Gemeinderat an, danach sass er zehn Jahre für die Grünen im Landrat. 2007 scheiterte er beim ersten Versuch, in die Regierung einzuziehen. Vier Jahre später gelang die Überraschung: Mit 28 444 Stimmen wurde Reber als erster Grüner in die Baselbieter Regierung gewählt. Der bisherige SVP-Regierungsrat Jörg Krähenbühl verlor überraschend seinen Sitz.
Reber wurde 2015, 2019 und 2023 mit guten bis glänzenden Resultaten wiedergewählt und präsidierte die Regierung dreimal. In sein Präsidialjahr 2019/20 fiel der Ausbruch der Corona-Pandemie und damit eine der schwierigsten Phasen für eine Kantonsregierung seit Jahrzehnten. Reber fiel die unangenehme Aufgabe zu, das bunte Treiben an der Fasnacht in Sissach und Liestal abzubrechen, indem die Lokale polizeilich geschlossen wurden. Nach diesem ersten hart erscheinenden Eingreifen blieb die Corona-Politik im Baselbiet vergleichsweise moderat.
Aus dem grünen Aussenseiter in weissen Turnschuhen war rasch eine feste Grösse geworden, die auch für Bürgerliche wählbar war. Nachhaltigkeit sei ihm zwar sehr wichtig, sagte er 2015 bei SRF, in Finanz- und Wirtschaftsfragen sei er aber «sehr liberal». Dass er bürgerlich konnte, zeigte sich nicht zuletzt 2024, als Reber in der «Volksstimme» für den Rheintunnel warb, den seine eigene Partei bekämpfte. Als Mitglied einer Kantonsregierung vertrete man nicht eine Partei, sondern die ganze Bevölkerung, argumentierte er. Ein grüner Baudirektor als Fürsprecher eines Autobahntunnels: vielleicht ein Widerspruch. Doch Baudirektor Reber kannte «seine» Strassen. Gegen den ewigen Stau vor den Toren Basels helfen keine ideologischen Glaubenssätze.
Acht Jahre Sicherheitsdirektor
Der Raumplaner hätte schon 2011 in die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) gepasst. Doch nach seiner Wahl verhinderten die Bürgerlichen – angetrieben von der einflussreichen Wirtschaftskammer – einen grünen Baudirektor. FDP-Regierungsrätin Sabino Pegoraro opferte sich. Reber landete deshalb in der Sicherheitsdirektion – und blieb acht Jahre. Erst 2019 wechselte er in die BUD.
Das Amt zu Beginn in der angeblich unattraktivsten Direktion begriff er nicht als Trostpflaster. Damals waren Einbruchdiebstähle ein grosses Thema. Reber liess mehr Polizistinnen und Polizisten auf der Strasse patrouillieren und schloss dafür sechs Polizeiposten. Bis zum Ende seiner Zeit als Sicherheitsdirektor hätten sich die Einbruchsdelikte mehr als halbiert, sagte Reber später. Auch organisatorische Veränderungen bei Staatsanwaltschaft und Zivilrecht sowie eine Fachstelle gegen Cyberkriminalität fielen in seine Amtszeit.
Glanzvoll verliefen die acht Jahre nicht durchgehend. 2014 wollte Reber die damalige Basler Grossrätin und Parteikollegin Sibel Arslan zur Leiterin des Straf- und Massnahmenvollzugs machen. Als wegen Betreibungen Arslans öffentlicher Druck entstand, zog er die Anstellung wieder zurück. Reber hatte die politische Sprengkraft des Personalentscheids unterschätzt. Positiver formuliert: Sein politischer Instinkt befahl ihm, hier noch die Reissleine zu ziehen – auch auf die Gefahr hin, in seinen eigenen Kreisen als Opportunist zu gelten.
Kritik an ihm gab es immer wieder auch grundsätzlicher: Bürgerliche warfen ihm zeitweise vor, schwierige Führungsentscheide zu meiden; von links hiess es, er passe sich der bürgerlich dominierten Regierung zu stark an. Was seine Anhänger Pragmatismus nannten, erschien seinen Kritikern bisweilen als konfliktscheu.
Belegt scheint zu sein, dass Reber innerhalb des Regierungsgremiums nie parteipolitisch motiviert die Konfrontation suchte: Stets betonte er die gute Kollegialität und die vorhandene Kompromissbereitschaft – etwa in Phasen mit heftigen Sparübungen. Und auch in Rebers wohl schwierigster Zeit in der Regierung, als Regierungsrat Peter Zwick (CVP) 2013 im Amt verstarb und vier Regierungsräte über längere Zeit die Geschäfte der fünf Direktionen führen mussten.
Der grüne Baudirektor
2019 kam Reber dorthin, wo viele ihn schon acht Jahre zuvor erwartet hatten: in die Bau- und Umweltschutzdirektion. Nun wurde seine Handschrift sichtbarer. Allerdings wäre es falsch, die in diesen sieben Jahren fertiggestellten Vorhaben einfach zu «Reber-Projekten» zu erklären. Im Bau- und Verkehrsbereich dauert Politik länger als eine Amtszeit.
Dennoch fällt die Bilanz stattlich aus: Vollanschluss Aesch, Ausbau des Bahnangebots zwischen Liestal und Basel und im Laufental, Planung (aber nicht Vollendung!) des Zubringers Bachgraben. Für das Oberbaselbiet besonders sichtbar war die Erneuerung der Waldenburgerbahn, bei der die BLT zwar federführend war, die Baudirektion aber ebenfalls grosse Beiträge leistete. Dass sich Reber als Oberbaselbieter mit anderen wichtigen Infrastrukturprojekten im Oberbaselbiet hervorgetan hätte, war nicht zu erkennen. Auch das vielleicht ein Ausdruck grüner – bewahrender – Politik.
Am deutlichsten zeigt sich Rebers Kurs in der Energiepolitik. Als seine Partei 2022 mit einer Klimaschutzinitiative scheiterte, stellte sich der grüne Baudirektor hinter den zurückhaltenderen Weg der Gesamtregierung. 2024 stimmte das Volk der Revision des Energiegesetzes nach einem hitzigen Abstimmungskampf mit 54,3 Prozent zu. Im Juni dieses Jahres lehnte es eine Initiative zur Lockerung dieser Energiepolitik mit 55,6 Prozent Nein ab. Reber, der zwar mit der Solarpflicht für Neubauten vor Gericht scheiterte, aber das Verbot neuer Ölund Gasheizungen durchsetzte, durfte sich bestätigt sehen.
Das passt zu ihm: nicht zuerst möglichst grosse Forderung stellen, sondern an einem Paket arbeiten, bis genügend Leute mitziehen. Die ökologische Revolution ist dadurch ausgeblieben, der Kanton ist dennoch in mehreren Bereichen grüner geworden – Schritt für Schritt und häufig mehrheitsfähig über das rot-grüne Lager hinaus.
Ein ungelöstes Dossier überlässt Reber seinem Nachfolger Matthias Liechti im Umweltschutz: die Zukunft der kleinen Abwasserreinigungsanlagen im Kanton. Das Kantonsgericht wies die BUD dieses Jahr an, ihre Strategie zur Stilllegung kleiner ARA noch einmal zu prüfen und besser zu begründen. Naturschutzkreise wehrten sich gegen die Schliessungen. Gerade der diesjährige Sommer mit seiner Rekorddürre hat gezeigt, welche existenzielle Bedeutung gereinigtes Abwasser für die Bäche im Oberbaselbiet und ihre Lebewesen haben kann.
Hochbahn als Tiefpunkt
Zum vollständigen Bild gehört auch die leidige Velohochbahn zwischen Pratteln und Augst. Das Projekt geriet 2020 wegen der personellen Konstellation rund um den grünen Landrat und Unternehmer Klaus Kirchmayr unter Filzverdacht und wurde abgebrochen. Die landrätliche Geschäftsprüfungskommission stellte später keine Verletzung von Vergabevorschriften fest, kritisierte aber Versäumnisse bei Vorbereitung und Dokumentation.
Es war Rebers grösstes politisches Eigentor als Baudirektor – gerade weil das Projekt eigentlich zu ihm passte: neuartig, ökologisch, pragmatisch gedacht und mit dem Willen, etwas auszuprobieren. Diesmal war der Drang zur unkomplizierten Lösung schneller als die politische Sorgfalt. Auch die Tramverlängerung nach Salina Raurica scheiterte 2021 an der Urne, und die ganz grosse Vision für den Bahnknoten Basel, für die Reber jahrelang warb, scheiterte. Das von ihm und seiner Basler Amtskollegin stark geförderte Milliardenprojekt «Herzstück» wird nun zum «Schmerzstück». Hier war Rebers Euphorie grösser als sein politischer Instinkt fürs Machbare, der ihn sonst so auszeichnete.
Einer, der gern Regierungsrat war
Wirklich verstehen lässt sich Rebers politische Wirkung nicht allein über Gesetze, Strassen und Bahngleise. Als passionierter Schachspieler erklärte er seinen Politikstil gegenüber SRF einmal damit, stets einige Züge vorausdenken zu wollen. Und auf die Frage, was er nach einem anstrengenden Arbeitstag am liebsten mache, antwortete er: «Nichts!»
Vor wenigen Wochen zeigte Isaac Reber eindrücklich, wie schwer ihm der Abschied fällt. Zur persönlichen Bilanz seiner Regierungszeit lud er die Medien ins Staatsarchiv ein und hatte 58 Folien (!) vorbereitet. Das Referat dauerte anderthalb Stunden (!), während selbst seine Sprecherin immer wieder auf die Uhr schaute und die Medienschaffenden langsam mit der Fassung kämpften. «Aufzuhören ist fast so schwierig wie anzufangen», sagte Reber. Man musste ihm glauben: Dieser Mann war richtig gern Regierungsrat!
Aber Reber wirkte selten so, als müsse er Regierungsrat sein, um sich selbst zu sein. Er war auch nach 15 Jahren Amt noch der Sissacher, der im Dorf einkauft, Schach spielt, im Pub «töggelet», gern diskutiert und die Menschen auf der Strasse kennt. Macht war ihm offensichtlich nicht wichtig. Jedenfalls schuf sie keine grosse Distanz.
Nun schliesst sich der Kreis: 2011 war Reber der Grüne, der nach einem erfolgreichen Plakatflut-Wahlkampf den SVP-Regierungsrat Jörg Krähenbühl aus dem Amt drängte. 15 Jahre später holte mit Matthias Liechti (Rümlingen) ausgerechnet wieder ein SVP-Vertreter den Sitz zurück. Am Donnerstag übernimmt Liechti auch Rebers Bau- und Umweltschutzdirektion.
Von Isaac Reber bleibt mehr als eine Liste erledigter und unerledigter Geschäfte. Man konnte ihm zu viel Anpassung vorwerfen, zu wenig Lust am grossen Konflikt und bisweilen ein Zuviel an Vertrauen in unkomplizierte Lösungen. Aber man wusste zuverlässig, mit wem man es zu tun hatte. Er blieb ein Politiker zum Anfassen – im guten Sinne ein Politoriginal. Gerne hätte er vermutlich auch einmal getestet, ob es für höhere Weihen reichen könnte – doch hier blieb er instinktsicher: Grüne Bundesratskandidaten gab es zwar, doch echte Chancen hatten sie nie. Reber ersparte es sich, sich verheizen zu lassen.
Und nun erscheint «Isi» nicht mehr in seinem Büro an der Liestaler Rheinstrasse. Die Politik im Baselbiet wird deswegen nicht grundsätzlich anders funktionieren. Aber sie verliert einen ihrer unverwechselbaren Köpfe. In den Gängen der Verwaltung werden so manche sein Lachen wohl vermissen.





