Der Bigamist vom Ebenrain
20.08.2026 Bezirk Sissach, Gesellschaft, Kultur, SissachEine Mulattin wird Hans Rudolf Ryhiner zum Verhängnis
Um das Schloss Ebenrain ranken sich in seiner 250-jährigen Existenz zahlreiche Geschichten. So auch der unerwartete Freitod des Schlossherrn Hans Rudolf Ryhiner aus noblem Basler Geschlecht im Jahr 1824. Bereits verheiratet, ...
Eine Mulattin wird Hans Rudolf Ryhiner zum Verhängnis
Um das Schloss Ebenrain ranken sich in seiner 250-jährigen Existenz zahlreiche Geschichten. So auch der unerwartete Freitod des Schlossherrn Hans Rudolf Ryhiner aus noblem Basler Geschlecht im Jahr 1824. Bereits verheiratet, verheiratete er sich ein zweites Mal, was kein gutes Ende nahm.
Heiner Oberer
Dies ist die Geschichte dreier Frauen und eines begüterten Schlossherrn, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise das Leben nahmen. Die drei Frauen sahen in ihrer Verzweiflung keinen anderen Weg, als freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Dem gegenüber steht der unerwartete Suizid von Johann Rudolf Ryhiner-Streckeisen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass schon vor rund 200 Jahren – mit dem Segen der Kirche – Geld und Herkunft die Welt regierten.
Details zum Tod der drei Frauen und dem Besitzer des Schlosses Ebenrain erfahren wir aus den Briefen von Daniel Burckhardt-Linder (1788 – 1833), Pfarrer in Sissach von 1812 bis 1833, und dem Kirchenbuch der Evangelischreformierten Kirchgemeinde Sissach, Böckten, Diepflingen, Itingen, Thürnen, Zunzgen.
Zum Suizid «der lasterhaften Schlosserin» Salome Gysler-Frey (1798 – 1825), Ehefrau von Martin Gysler, Schlosser, die am «31. July 1825 im Alter 36. J. und 19 Tg […] an einer selbst bewirkten Blutung» starb, schreibt Burckhardt unter anderem: «Sie war 3 Lastern in vorzüglichem Grad ergeben, nehmlich der Hurerey, dem Brantweintrinken und dem Diebstahl.» Weiter schreibt er: «So hat sich die berüchtigte Schlosserin […] mit der Scheere die Pulsader geöffnet.» Die «Schlosserin ward» in aller Stille begraben.
Anna Matter erhängt sich
Schreckliches trug sich im April 1831 zu. Burckhardt schreibt dazu: «Den 24. April entfernte sich eine Taglöhnerin Anna Matter von Kölliken, seit 2 Monaten mit dem 5. unehelichen Kinde schwanger, von Böckten, wo sie sich bei Frau Waibel aufhielt, ohne zu sagen wohin und ward den 9. May 1831 Abends um 7 Uhr von Matth. Häfelfinger von Tenniken unweit seines Hofes auf einem im Thürner-Bann […] gehörigen Holzacker mit einem Strick um den Hals unter einem Baum halb verwesen gefunden, an dessen Ast der schlechte Strick noch hing, von dem sich der andere an ihrem Hals befindlichen Theil von selbst getrennt hatte. Sie wurde […] Nachts nach der Betzeitglocke an einem abgelegenen Ort des hinteren Kirchhofs beerdigt.»
Am 18. Januar 1814 nimmt sich Elisabeth Spinnler von Seltisberg im Alter von 27 Jahren das Leben. Dazu finden wir den folgenden Eintrag im Kirchenbuch der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Sissach, Böckten, Diepflingen, Itingen, Thürnen, Zunzgen: «Am 18. Jan. 1814 starb: Fr. Elisabeth Spinnler, von Seltisberg, 37J.8Mt.9.Tg. Uxor [Gattin]: Hans Bueß, von Itingen. NB. Hat sich den 18. in der Nervenfieber Hitze in der Ergolz ertränkt, ihr Leichnam, der erst den 11. Februar gefunden worden, wurde auf Hochobrigkeitlichen Befehl in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar in der Stille an einem abgelegenen Ort auf dem Kilchhof begraben.»
Die drei Frauen, wohl der sozialen Unterschicht angehörend, wurden in aller Stille, ohne Sarg und Geleit des Pfarrers, aber immerhin auf dem Friedhof «verscharrt». Nach Meinung von Pfarrer Burckhardt, dem Zeitgeist entsprechend, hatten die drei Frauen ihr schreckliches Ende durch ihren «liederlichen» Lebenswandel selbst verschuldet.
Suizid von Schlossherr Ryhiner
Anders ging der Sissacher Pfarrer mit dem Suizid des aus noblem Basler Geschlecht stammenden Johann Rudolf Ryhiner (1784 – 1824) um: Ryhiner, Bankier und Handelsherr aus Basel, erwarb 1817 das Schloss Ebenrain. Ein Jagd- und Sommersitz, der in den Jahren 1774/75 durch den Basler Seidenbandfabrikanten Martin Bachofen-Heitz (1727 – 1814) erbaut worden ist.
Ryhiner war verheiratet mit Paulina Streckeisen (1797 – 1879). Burckhardt beschreibt in einem Brief vom 4. August 1824 ausführlich die Umstände des unerwarteten Todes Ryhiners und seine Folgen für ihn als Pfarrer: «Herr Ryhiner auf dem Ebenrain habe sich in seinem Zimmer erschossen. Ich konnte und wollte erst dieser Nachricht keinen Glauben beymessen; als ich aber derselben gewiss versichert war, lief ich, laut wehklagend und jammernd, die Treppe hinauf.»
Burckhardt, zutiefst erschüttert vom Tod Ryhiners, wandte sich an den Bezirksphysikus (Bezirksarzt) Ambrosius Heinimann und anschliessend an Statthalter Rudolf Forcart, um mehr Details zum Tod des ehrenwerten Schlossherrn zu erfahren. Die beiden Herren wussten auch nicht viel mehr, nur so viel, dass Ryhiner sechs bis acht Wochen vor seinem Tod in eine «finstere Schwermuth» gefallen sei.
Auf die Bitten von Hauptmann Ryhiner, dem Onkel des Verstorbenen, beim Leichenbegräbnis beim Grab ein Wort des Trostes zu sprechen, antwortete Burckhardt: «Ich dürfe diesen nicht übernehmen, ohne vorher mit Herrn Antistes (siehe Kasten) gesprochen zu haben, worauf ich mich sogleich auf den Falkenrayn begab.»
Burckhardt erhält aus Basel den Rat, sich keineswegs zu weigern, im Leidhaus ein Gebet zu halten, weil dies die heilige Pflicht eines jeden Seelsorgers sei. Am nächsten Tag um vier Uhr «früh bey der Morgendämmerung» verliest Burckhardt im Sommerhaus vor zwei Lichtern stehend und bei offenen Türen sein in der Nacht vorher geschriebenes Gebet. Anwesend sind die Verwandten des Verstorbenen, ein paar wenige Einwohner von Sissach und 15 um den Sarg stehende Träger und Dienstpersonal. Es herrscht feierliche Stille und alle Anwesenden waren gerührt ob des letzten Geleits.
Zwei Schwager des Verstorbenen, die das Leid anführten, ersuchen den Pfarrer, den Sarg mit dem Dahingeschiedenen auf seinem letzten Weg zu begleiten. Burckhardt will den Wunsch der Hinterbliebenen nicht abschlagen, das mit den Worten: «Da mein Heimweg mich ohnehin beym Kirchhof vorbeyführte und da ich durch meine Weigerung die Traurenden nicht noch mehr zu afficieren das Herz und den Muth hatte.» Da nur wenige Sissacher die Zeit des Leichenzugs erfahren haben, treffen die Hinterbliebenen unterwegs und auf dem Friedhof nur auf wenige Menschen. Ryhiner wird zwischen zwei Kindern in der hintersten Reihe des Friedhofs begraben, wo kein begehbarer Weg hinführt.
Was Pfarrer Burckhardt nicht gewusst hat oder nicht wissen wollte: Johann Rudolf Ryhiner war Bigamist. Mit 23 Jahren lässt sich Ryhiner in Surinam nieder, wo seine Mutter Margaretha Ryhiner-Faesch ausgedehnte Plantagen besitzt. In jugendlichem Übermut schwängert er eine schwarze Sklavin. Der Bube wird von Ryhiner adoptiert und erhält den Namen Ryhiner. Bald darauf und weil er die Sklavin nicht freikaufen darf, verheiratet er sich mit einer Mulattin, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebiert. Schon bald, man wirft der Gattin Herrschsucht vor, verlässt Johann Rudolf Ryhiner seine Ehefrau. Er kehrt mit einem beachtlichen Vermögen zurück nach Basel. Dort wiegt er sich, der beachtlichen Distanz wegen, in Sicherheit.
Trotz der Ehefrau und der beiden Kinder in Surinam heiratet der angehende Schlossherr im Jahr 1815 die um 13 Jahre jüngere Anna Pauline Streckeisen, ohne der Angetrauten zu beichten, dass er bereits verheiratet ist. Der frisch Verheiratete rechnet nicht mit der Hartnäckigkeit seiner Gattin in Surinam. Sie muss von der Wiederverheiratung erfahren haben und reist nach Paris, um gegen Ryhiner zu klagen. Der drohenden Anklage wegen Bigamie kommt der vornehme Herr aber zuvor und schiesst sich am 24. Juli 1824 eine Kugel in den Kopf.
Vergleicht man die vier Selbstmorde, fällt auf, dass der Suizid der drei Frauen von Pfarrer Burckhardt durch Selbstverschulden, unmoralischen Lebenswandel oder Nichtbeherrschung der Sexualität erklärt wird. Für die Angehörigen von Hans Rudolf Ryhiner eilt er hingegen zu Fuss nach Basel, um für den Verstorbenen eine Sonderregelung zu erwirken. Ob Burckhardt von den Verfehlungen Ryhiners gewusst hat, bleibt wohl für immer unter dem Deckel der Verschwiegenheit.
Antistes (Vorsteher) hob.
Pfarrer am Münster. Der Antistes präsidierte das Examenskollegium für Pfarramtskandidaten sowie schulische Institutionen. Er vertrat die Kirche nach aussen, insbesondere gegenüber den weltlichen Behörden. Von 1816 bis 1838 war das Hieronymus Falkeysen (1758 – 1838). Er hatte vergleichsweise die Funktion der heutigen Kirchenpräsidentin/des Kirchenpräsidenten inne.
Quellen:
Nicolas Ryhiner: «Im Surinam», Zytglogge-Verlag 2019
Marcus Wiedmer: «Von Psalmen singenden Gemeinderäten …», Verlag des Kantons Basel-Landschaft 2002
Hans-Peter Ryhiner: «Die Familie Ryhiner, 500 Jahre im Basler Bürgerrecht, 1518 – 2018», Verlag Familie Ryhiner 2018
Dieser Beitrag erscheint im Zusammenhang mit dem 250-Jahre-Jubiläum des Schlosses Ebenrain. In der Ausgabe vom 13. August veröffentlichte die «Volksstimme» den Beitrag «Basler Handelsherr und Jägersmann» über den Basler Fabrikanten Martin Bachofen, der das Schloss als Sommer- und Herbstsitz erbauen liess.


