Das Jahr hat den Sujet-Tisch reich gedeckt
24.02.2026 Fasnacht, SissachDie verschärften Wagenvorschriften waren das Hauptsujet des grossen Fasnachtsumzugs
Man nehme die Wägeler, die Konfetti und Orangen unters Volk bringen, mische die Guggen, welche Bewegung in müde Glieder bringen, darunter, gebe mit den Cliquen einen Schuss Tradition hinzu ...
Die verschärften Wagenvorschriften waren das Hauptsujet des grossen Fasnachtsumzugs
Man nehme die Wägeler, die Konfetti und Orangen unters Volk bringen, mische die Guggen, welche Bewegung in müde Glieder bringen, darunter, gebe mit den Cliquen einen Schuss Tradition hinzu und garniere mit zwei Handvoll fantasievollen Schyssdräckzüügli. Angerichtet ist der Sissacher Fasnachtsumzug.
Pyro Man
Was haben wir gelitten und gezittert letzte Woche, als Frau Fasnacht im Unterbaselbiet einkehrte – und so richtig verschifft wurde. Und was frohlockten wir, als sich die Himmelsschleusen aufs Wochenende schlossen und am Sonntagnachmittag hin und wieder sogar die Sonne durch die Wolken blinzelte. Die Aktiven des Sissacher Fasnachtsumzugs haben sich schränzend, pfeifend, Konfetti und Mimosen werfend mit einem prächtigen Umzug für das Schönwetterfenster bedankt.
Die vergangenen zwölf Monate hatten den Sujet-Tisch reich gedeckt. Natürlich wurden die verschärften technischen Vorschriften für den Fasnachtswagenbau mehrfach aufs Korn genommen. Ginge es nach den Wägelern, würde «Besibe», die Abkürzung für «Betriebssicherheitsbestätigung für Fasnachtswagen» (offiziell) oder «Besonders sinnlose Bevormundung» (Lesart der Millennium Waggis), zum Unwort des Jahres gekürt.
Der Fantasie schadete die Behördenvorgabe erfreulicherweise nicht. Die Schwyboge Brünzler aus Wenslingen zogen auf ihrem Wagen eine Mauer hoch, die Bierstürzer (Sissach) finden die «Besibe» einfach den Gipfel und machten aus ihrem Wagen einen Berg, und die Hopfestopfer aus Känerkinden installierten auf ihrem Neubau mit «Besibe»- Gütesiegel eine ebenfalls amtlich genehmigte Paragrafenvernebelungsmaschine. Sehr schön haben die Let’s fetz Waggis (Gelterkinden) reagiert. Sie extrahierten aus ihrem Zugfahrzeug, einem Elektro-Golfwagen, Motor und Batterie und bauten ihn auf Muskelbetrieb um. Die «Anschiebesklaven» wurden im Publikum rekrutiert.
Ebenfalls mehrere Gruppen haben das neue, für nicht Gstudierte schwierig zu verstehende Sissacher Parkplatzbewirtschaftungskonzept auf die Schippe genommen. Den Schlumpf-Rueche sind die Tarife definitiv zu hoch angesetzt. Pro Stund e Stutz, s isch zum Vergässe, drfür cha dr Gmeinroot digg go ässe», reimten sie. Die Viertel-ab-Zwölfi-Waggis (Sissach) parkierten wild und färbten blaue Parkfelder auf ihrem Wagen weiss ein. Die Parkgebühr-geplagten Banane Waggis aus Gelterkinden stöhnten ebenfalls über die Parkgebühren, mit denen die Gemeinde ihre leere Kasse fülle.
Vor den Wüehlmüüs ziehen wir unseren Dreispitz. Die Wagenclique segelte in einer ausgewachsenen Karavelle von Rickenbach nach Sissach. An Bord lauter geschniegelte Kantonalbank-Piraten in picobello rot-weissen Uniformen, die sie von A bis Z selber designt, genäht und bedruckt haben, wie die tapferen Schneiderinnen versicherten. Die wühlenden Wägeler legen im Übrigen Wert auf die Tatsache, dass sie nicht von der BLKB gesponsert worden sind. Die bräuchten ihr Geld grad für anderes. Ebenfalls die Millionen-Pleite hat das Team Lauch ausgespielt. Dieses beurteilen das Engagement der BLKB bei der Radicant-Digitalbank als einen feuchten Furz. Es versteht sich, dass sie der Meinung sind, die Bank hätte das Geld besser in Lauch investiert.
Auch das im vergangenen Jahr zelebrierte Sissacher Jubiläum hat den Fasnächtlern zu denken gegeben. Im Grundsatz waren sich diverse Gruppen einig, dass ein Jubiläum ohne Dorffest kein richtiges Jubiläum ist. Das Sujet «800 Johr-Hä?» der einheimischen Schlammsuuger zum Beispiel sagte mehr als 800 Worte. An «Füür im Dach» beim Jubiläum erinnerte sich die Spoot-Zünder-Clique, ebenfalls aus Sissach. Ihre wunderbaren Kostüme in den Sissacher Farben haben uns derart in Ekstase versetzt, dass wir darob ganz vergessen haben, das Kleingedruckte auf ihrer Laterne zu entziffern. Einen wuchtigen Auftritt in einem autobahntauglichen (!) Sattelschlepper-Auflieger im Zirkus-Design legten die Zapfhähne aus Sissach hin und reimten: «Kei Party, kei Fescht, es isch zum Verschwinde; eus dunkts, mir sind in Gälterchinde.»
Apropos «Gälti». Zwei Schyssdräckzüügli sind uns aufgefallen. Eines zog mit einem vergoldeten Schlösschen durch Sissach, das sie auf den klingenden Namen «Campus Loggia» getauft haben. Nicht zu verwechseln mit dem Schulhausprojekt, über das an der Urne noch abgestimmt wird. Nicht minder aktuell das Sujet der Luuser Rueche (Gelterkinden). Weil es in ihrem Dorf, sieht man von Dönerbuden und Pizza-Takeaways ab, nur noch zwei klassische Restaurants gibt, sind sie fortan mit ihrer eigenen Beiz unterwegs. Diese umfasste ein Buffet mit Zapfhahnen, die Gaststube mit Tisch und Stühlen sowie einen Käsewagen. Wir sagen das als Sissacher ja nicht gerne, aber das war ein ganz starker Auftritt unserer Freunde im Osten.
Noch mehr Überwindung kostet uns Sissacher ein Lob in Richtung Süden. Wir versuchen, es so zu formulieren: Der kraftvolle und melodiöse Auftritt der Zunzger Büchelgrübler mit mehr als 60 Männern und Frauen besetzten Gugge verdient Respekt. Diese Gugge kann musikalisch sogar etwas. Beim Sujet darf es gerne auch einmal lokal sein. Das fanden wir nicht ganz so elektrisierend wie die Grübler selber. Empfohlen sei Nachhilfe bei der Gugge Windläfurzer, die in wunderschönen Eulenkostümen, dem Wappentier des Zunzger Landgasthofs Hard, ihrer Stammbeiz die Reverenz erwiesen: total lokal!
Der Wagen der Hiicher Waggis aus Thürnen ist eine Hommage ans diesjährige Sissacher Sujet «handgmacht». Mit von A bis Z eigenhändig gezimmerten Wagen, dem die letzten Pinselstriche noch fehlten, bedanken sie sich für die Plakette mit Hammer, Pinsel und Waggis, die das Schaffen der Wägeler würdigt. Wir bleiben in Thürnen: Selbstironisch traten die Aerdwybli-Schränzer als ein ganzes Rudel Aerdmännli auf und fragten als Sujet selber «Ha dänkt, ihr sind nur Wybli». Schön schränzen können sie auch als Männli, wie sie zeigten. Gerne hätten wir ein Duett mit den Wurlitzern gehört, die am Umzug als «Die besseri Hälfti» trommelten und pfiffen. Die Zunzger erklärten im Nachgang der Frauenfussball-EM die berufstätige Mutter und Familienmanagerin zur Superwoman. Ein Signal für alle Pantoffelhelden, die sich nur für die Dauer der EM zu Feministen erklären.
Die Ingenieure der Guggä-Rugger aus Buus haben sich auch dieses Jahr nicht lumpen lassen. Auf dem im Stile des mexikanischen Totenfestes «Día de los Muertos» gestalteten Wagen richtete sich ein mächtiges Skelett auf und legte sich wieder hin. In der Begegnungszone musste das riesig Gerippe immer wieder abgesenkt werden, um nicht mit den Kabeln der Strassenbeleuchtung in Konflikt zu kommen. Damit war der letzte Beweis erbracht: Gymnastik macht schlank.
Je länger der Umzug dauerte, desto mehr Stoff lieferten die Wagen, Guggen und Schyssdräckzüügli an Material für unsere Berichterstattung. So wird uns bereits beim Zuschauen klar, dass im Umzugsreport vieles unerwähnt bleiben muss, wofür wir gnädigst um Vergebung bitten.
Aber wir sind ja noch nicht ganz am Ende! Sehr schön fanden wir die Umsetzung des Migros-Jubiläums der Räbhübel-Schlurgi mit einem Migros-Einkaufswagen mit Wichtel Finn an Bord. Stolz sind wir auf die Querschleger aus Diegten, deren Feldschlösschen näher am Original war als jenes der FG Magden, immerhin aus dem Geburtsort der Brauerei stammend. Die blutroten Kostüme der Guggä FGS, die sich mehr als eine Sissacher Mega gewünscht hätte, haben sich in unsere Netzhäute eingebrannt. Und die Ütiger Rueche haben ausgespielt, was sie ausspielen mussten: Das gescheiterte Trail-Center, das ihr Dorf spaltete. Dazu passend die halbierten Velos an ihrem toll gemachten Wagen.
Die Berichterstattung beschliessen wollen wir mit einem Wort zur Nuggi-Clique, der auch dieses Jahr die Ehre zuteil wurde, den Fasnachtsumzug eröffnen zu dürfen. Die Formation pfiff auf die unter den Teppich gekehrte Sissacher Gefängnisrevolte von unterbeschäftigten Häftlingen. Damit boten die «Nuggi» ein weiteres lokales Sujet und spielten es mit gelungenen Kostümen schön aus. Bessere Werbung können sie und der ganze Jahrgang 2026 für die Sissacher Fasnacht nicht machen.




