Das ist unterirdisch
19.02.2026 Natur, BaselbietAndres Klein
Immer öfter kann man in Gesprächen hören: «Das ist unterirdisch schlecht». Na ja, im Unterirdischen leben ja auch der Teufel und das Böse, wobei es von dieser Sorte auch oberirdisch viel zu viel hat. Zum Glück halten da ...
Andres Klein
Immer öfter kann man in Gesprächen hören: «Das ist unterirdisch schlecht». Na ja, im Unterirdischen leben ja auch der Teufel und das Böse, wobei es von dieser Sorte auch oberirdisch viel zu viel hat. Zum Glück halten da unsere Pflanzen dagegen. Sie sind unterirdisch einfach gut! Sie sind verwurzelt, holen Nährstoffe, Spurenelemente und Mineralien herauf. Sie legen grosse Vorräte im Boden an. Man denke an Rüebli und Kartoffeln. Was würden wir wohl essen, wenn die Pflanzen nicht auch unterirdisch wären?
In der Botanik reden wir von Biomasse. Das Verhältnis zwischen oberirdischer und unterirdischer Biomasse ist für Bäume ganz anders als für Kräuter und Gräser. Bei älteren Bäumen sind zwischen 75 und 90 Prozent der Biomasse oberirdisch. Bei Grünlandpflanzen sind 8 bis 50 Prozent oberirdisch. Dabei gilt: je trockener der Boden, umso grösser der Anteil der Biomasse im Boden. Je nach Pflanzenart variiert dieser Wert. Eine sehr grosse unterirdische Biomasse haben Fiederzwenke, Laucharten und weitere Zwiebel- und Knollenarten wie Osterglocken, Orchideen und Pflanzen mit unterirdischen Sprossen (Rhizomen). Beim Schnürgras geht das bis 90 Prozent und beim Baumtropfen oder Giersch sogar bis 94 Prozent unterirdische Biomasse. Wenn sie alle Blätter des Baumtropfens entfernen, bleiben immer noch 94 Prozent im Boden, die sofort wieder austreiben. Es ist somit offensichtlich, dass diese Arten beim Jäten eher Rückenschmerzen als Jubelschreie bewirken.
Auch Kontaktherbizide helfen zum Beispiel beim Acker-Schachtelhalm wenig, weil die unterirdische Biomasse bis 95 Prozent sein kann. Darum setzt die SBB eher auf bauliche Massnahmen zur Eindämmung des Schachtelhalms als auf Chemikalien, die erst noch unser Grundwasser verschmutzen.
Aus diesen Beispielen können folgende Schlüsse gezogen werden: Pflanzen, die ein grosses unterirdisches Wurzelwerk anlegen, können sehr gut in trockenen Böden leben und ertragen Beweidung oder einen bis zwei Mähschnitte pro Jahr. Durch die grosse Wurzelmasse sind sie sehr rasch wieder am Mobilisieren von Nährstoffen und Mineralien und können somit sofort neue Blätter bilden. Dazu gehören viele Grasarten, aber auch viele Schmetterlingsblütler. Auch Kleearten wie Luzerne und Esparsette, welche bei uns die Wurzel rekordverdächtig bis in 8 Metern Tiefe ausbilden können, gehören dazu.
Pflanzen, die viele unterirdische Speicherorgane ausbilden, überleben lange Winter auch ohne Blätter. Sie dürfen aber in der kurzen Zeit, wo die Blätter neue Energie für die Zwiebel sammeln, weder geschnitten noch gefressen werden. Diese Pflanzen schützen sich oft zusätzlich durch frühes Austreiben der Blätter und der Blüten im Frühling. Zusätzlich bilden diese Arten Gift- und Bitterstoffe in den Blättern, welche die Frassfeinde schädigen. Dazu gehören Herbstzeitlose, Krokus, Osterglocken, Grosses und Kleines Schneeglöckchen und viele mehr. Der Schierling und die Hundspetersilie aus der Familie der Doldenblütler haben nicht nur verdickte Wurzeln, sondern sind sehr giftig, was 399 vor Christus schon Sokrates zum Verhängnis wurde.
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.

