Das glaubsch nid
29.01.2026 PersönlichDas isch es Wunder. I bi am Fänschter gstanden und has nid chönne glaube. Au my sächs Monet alte Sohn het groossi Äugli gmacht. Vor em Fänschter es Spektakel – und was für eis! I mein, uf en erschte Blick hättsch chönne meine, ass es eifach e ganz ...
Das isch es Wunder. I bi am Fänschter gstanden und has nid chönne glaube. Au my sächs Monet alte Sohn het groossi Äugli gmacht. Vor em Fänschter es Spektakel – und was für eis! I mein, uf en erschte Blick hättsch chönne meine, ass es eifach e ganz normalen Ooben in der Stadt isch. Aber denn, uf e zweite Blick, über Basel, im Himmel: E Sensation. Wunderschöni Farbe, Rosa und Violett und Blau, würkli wahnsinnig. «Lueg!», hani mym Sohn in mym Arm erklärt: «Das sy Polarliechter! Polarliechter über Basel. Das isch es Wunder. Und mir sy Züüge dervo. Du und ich. Das gits gar nid.»
Lang hämmer gstuunt – denn het sich my Sohn irgendwenn afo d Äugli ryyben und i han en ins Bett brocht. I bi völlig verzauberet gsi und ha denn spöter richtig guet chönnen yyschlofe.
I ha jo würkli nid chönne wüsse, ass sich dä magisch Momänt am nöggschten Oobe wiiderholt. I säg ders, nomol die genau glychi Szene. Das Mol hanis sogar gschafft, mi e so z verhalte, wie me sich hüt halt verhaltet: Nämmlig hani s Smartphone zückt – und abdrückt. Sicher dryssig Mol. Die Schnappschüss müese teilt wärde. Sofort. Überall. Das git Likes. Das chunnt uf «SRF». Das wird es «Bild der Woche». I has gseh cho. I has würkli gseh cho.
Was I aber nid ha gseh cho, isch das, wo denn passiert isch: D Lina, dere woni d Föteli as erschts gschickt ha, het zrugggschriibe: «Das sind keine Polarlichter. Das kommt von den Wachstumslampen für den Fussballrasen im Joggeli. Liebe Grüsse und e schöönen Oobe.»
My Sohn het sich d Äugli griiben und ich ha der rosa Nachthimmel aagluegt. «Schöön schad. Aber das Naturwunder isch menschegmacht. Das sy keini Polarliechter. Das sy Wachstumslampe», hani mym Sohn erklärt, wo no nüt verstoht. Bitz gnärvt und bitz enttüscht han en gwicklet und ins Bett brocht. Mängisch isch es schöner, wenn me nüt verstoht. Und mängisch isch es schöner, wenn men öbbis nid weiss. Und trotzdäm bini froh, ass i die Föteli nid ans «SRF» gschickt ha. Das weer rächt pyynlig worde. Wil die bim «SRF», die hätte jo denn recherchiert und schnäll tscheggt, ass der Muheim do versuecht «Fake News» z verbreite. Und das, hani dänkt, isch jo denn irgendwie au wiider beruehigend. Dass i cha dervo usgoh, ass «SRF» weiss, ass das keini ächte Polarliechter sy. Das isch sogar sehr beruehigend. Grad jetz. Aafangs 2026. Wos jo würkli enere ganze Schwetti mächtige Mensche relativ egal isch, verbogeni und verlogeni Wohrheite z verbreite. Settigi, wo sich als strahlendi Polarliechter usgäbe, obwohl si keini sy, gits gnueg. Drum dunkts mi, sötte mer uf kei Fall die schwäche, wo de Starchen uf d Finger luege. Weder schwäche no halbiere. Aber schön gsehts scho us, dä rosa Himmel, hani dänkt, während my Sohn im Hintergrund ganz lyyslig gschnarchlet het.
Dominik Muheim ist in Reigoldswil aufgewachsen und lebt in Liestal. Er ist freischaffender Kabarettist und Slam-Poet. Er gewann 2017 den Baselbieter Kulturpreis und war 2024 Träger des «Salzburger Stiers».

