Das Ende des Fahrstuhl-Effekts
27.01.2026 Bezirk LiestalSoziologenpaar hat zu Rechtsextremismus geforscht
Der Basler Soziologieprofessor Oliver Nachtwey sprach in der Kantonsbibliothek in Liestal über das gemeinsam mit seiner Partnerin Carolin Amlinger verfasste Buch «Zerstörungslust. Elemente des demokratischen ...
Soziologenpaar hat zu Rechtsextremismus geforscht
Der Basler Soziologieprofessor Oliver Nachtwey sprach in der Kantonsbibliothek in Liestal über das gemeinsam mit seiner Partnerin Carolin Amlinger verfasste Buch «Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus». Darin geht es um Gründe für das Erstarken rechtsextremer Parteien.
Martin Stohler
Was bringt Menschen dazu, Donald Trump oder die Alternative für Deutschland (AfD) zu wählen? Wie kommt es, dass sich Menschen in Zerstörungsfantasien hineinsteigern? Auf solche Fragen versuchte das Soziologenpaar Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger, die an der Uni Basel arbeiten, eine Antwort zu geben.
Nachtwey war am vergangenen Mittwoch in der Kantonsbibliothek in Liestal zu Gast. Dabei wurde klar: Eine zentrale Rolle für das Erstarken rechtsextremer Parteien und Politiker misst er der Entwicklung der Wirtschaft zu.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wies diese zunächst ein starkes Wachstum auf, Arbeitskräfte waren gesucht, der Kuchen wurde grösser. In Anlehnung an den Soziologen Ulrich Beck sprach Oliver Nachtwey von einem Fahrstuhl-Effekt. In dieser Phase ging es für alle aufwärts. Dabei fiel nicht so sehr ins Gewicht, dass die Fahrt für einige ein paar Stockwerke höher führte als für die meisten andern.
Der Fahrstuhl-Effekt funktionierte so lange, wie die Wirtschaft auf Hochtouren lief. Nach dem Ende der Hochkonjunktur und infolge von Wirtschaftskrisen verdüsterte sich für manche der Zukunftshorizont. Wer jetzt nach oben wollte, musste sich abstrampeln. An die Stelle des Fahrstuhls treten nun, um im Bild zu bleiben, Rolltreppen.
Dabei befinden sich die meisten Menschen auf einer Rolltreppe, die abwärts führt. Auch auf einer solchen kann man aufwärts kommen, aber es ist ein ständiger Kampf. Verstärkt wird das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, wenn man sieht, wie auf einer anderen, aufwärts fahrenden Rolltreppe Menschen scheinbar mühelos nach oben kommen.
Es sind laut Nachtwey nicht nur Abstiegsängste und der Kampf um einen Platz in der Arbeitswelt, die den Menschen zu schaffen machen. Gleichzeitig wird immer mehr reglementiert. Dies löse Unbehagen und Einengungsgefühle aus, die destruktive Haltungen bewirken und sich in Gewaltfantasien niederschlagen könnten.
Umfangreiche Untersuchung
Um mehr über destruktive Tendenzen und die Anhänger und Anhängerinnen des Rechtsextremismus zu erfahren, führten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey 2024 ein umfangreiches Forschungsprojekt in Deutschland durch. In einem ersten Schritt füllten – auf der Grundlage einer Zufallsstichprobe – 2595 Personen einen Fragebogen zu ihrer politischen Einstellung und zu soziodemografischen Merkmalen aus. Enthalten waren auch Fragen, mit denen ihre Einstellung zur Destruktion gemessen wurde. Die Auswertung ergab, dass gut 60 Prozent der Befragten zur Kategorie der «Nicht-Destruktiven» gehörten, während sich die Restlichen in «Niedrig-Destruktive» (27,6 Prozent), «Mittel-Destruktive» (9,8) und «Hoch-Destruktive» (2,7) unterteilten.
Die Frage nach den parteipolitischen Präferenzen ergab folgendes Bild: 37 Prozent der «Destruktiven» wollten AfD, 16,2 Prozent SPD und 15,5 Prozent CDU wählen. Um die Gedankenwelt der «Destruktiven» besser zu verstehen, führten Amlinger und Nachtwey in einem zweiten Schritt längere Interviews mit 41 Personen. Das Fazit: Die Gruppe, die den harten Kern der «Destruktiven» ausmacht, hat sich von der auf Menschenrechten und liberalen Werten beruhenden Demokratie verabschiedet. Oliver Nachtwey glaubt nicht, dass sie zurückgeholt werden kann, sondern setzt seine Hoffnungen auf die 60 Prozent der «Nicht-Destruktiven».
Der Vortrag warf viele Fragen auf, die auch noch nach dem offiziellen Teil der gut besuchten Veranstaltung in der Kantonsbibliothek für angeregte Gespräche sorgten.

